„Der Tourismus hat an vielen Stellen eine sehr positive Funktion“
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Die Folgen des Klimawandels werden auch vor der Reisebranche nicht halt machen. Sollte nicht bald ein radikaler Wandel im Umgang mit der „Ressource Erde“ stattfinden, gibt es in Zukunft viele Reiseziele nicht mehr. Schon jetzt ist es im Sommer in Sizilien so heiß, dass ein normaler Alltag kaum möglich ist. Sturmfluten und Überschwemmungen steigen in Ihrer Häufigkeit. Prognosen sagen, dass viele Großstädte wie Hamburg schon in 80 Jahren vom Meer „verschluckt“ sein könnten. 

Viele Großstädte könnten schon in 80 Jahren vom Meer „verschluckt“ sein

Auch die Reisebranche ist in der Pflicht, einen Anteil an der Bekämpfung des Klimawandels zu tragen. Tourismusforscher Dr. Harald Zeiss ist Professor an der Hochschule Harz in Wernigerode mit den Forschungsschwerpunkten Nachhaltigkeit und Internationaler Tourismus. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Tourismusbranche, leitete von 2010 bis 2016 das Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitsmanagement der TUI Deutschland GmbH.

Dr. Harald Zeiss im Interview mit dem reisemagazin breitengrad53
Professor Dr. Harald Zeiss hat seit drei Jahren kein Auto mehr und ist fast ausschließlich mit dem Zug unterwegs (Foto: privat).

Sie beschäftigen sich täglich mit den Auswirkungen der Reisebranche auf die Umwelt. Reisen Sie überhaupt noch gern?

Dr. Zeiss: Ich reise in der Tat noch gerne. Es stellt sich aber die Frage, wie ich an die Orte komme – mit dem Auto, mit dem Zug oder mit dem Flugzeug. Denn wenn wir auf die Probleme hinsichtlich der Klimakatastrophe schauen, stellt sich sofort die Frage nach der Mobilität, die hauptsächlich verantwortlich für die Klimaemissionen ist. Und da schneidet das Flugzeug einfach deutlich schlechter ab als der Zug. Insofern reise ich bevorzugt an Orte, die ich mit dem Zug erreichen kann, wie bspw. Südfrankreich. Meiner Freude und meinem Wunsch nach schönen Erlebnissen auf einer Reise hat das auch keinen Abbruch getan.

Dr. Harald Zeiss im Interview mit dem reisemagazin breitengrad53

Wie reisen Sie? Welche Kriterien sind für Sie bei der Reiseplanung wichtig?

Dr. Zeiss: Wenn ich kann, dann reise ich langsam. Ich habe festgestellt, dass es gar nicht so wichtig für mich ist, wie viele unterschiedliche Attraktionen oder Orte ich auf einer Reise gesehen habe. Vielmehr ist für mich die Qualität der Erlebnisse wichtig. Das können dann auch Gespräche mit Einheimischen sein, ein Lokal, das ich zufällig ausfindig gemacht habe, oder aber auch ein kleines Naturreservat, das gar nicht so spektakulär sein muss, das ich mir aber nicht mit 1000 anderen Menschen teilen muss. Entscheidend für meine Reiseplanung ist daher in der Tat erst einmal die Frage des Fortbewegungsmittels, um an meinen Zielort zu gelangen. Und vor Ort dann auch die Frage der Unterbringung. Wenn ich es kann, bin ich gerne in eher kleineren Unterkünften, in der Hoffnung, dass diese besonders authentisch sind. Ein Pool, eine Klimaanlage oder ein großes Buffet sind mir hingegen nicht so wichtig.

Dr. Harald Zeiss im Interview mit dem reisemagazin breitengrad53
Es muss nicht immer ein All-inclusive Buffett sein. Rotwein, Sardinen und Brot reichen auch mal (Foto: privat).

Durch Corona bedingt waren Fernreisen in den letzten zwei Jahren nur eingeschränkt möglich. Als Folge konnte man deutlich sehen, wie sich die Natur erholt hat. Ist es überhaupt vertretbar, dass die Reisebranche zur „Normalität“ zurückkehrt?

Dr. Zeiss: Diese Frage ist leider nicht ganz einfach zu beantworten. Sicherlich hat sich die Natur an manchen Orten erholt, aber an anderen Stellen hat man auch gemerkt, dass die Touristen sehr fehlen. Insbesondere in Asien und Afrika sind viele Naturreservate unter Druck geraten, weil ohne die Einkünfte aus dem Tourismus die Gehälter der Park Ranger nicht mehr gezahlt werden konnten. Dort kam es vermehrt zu Wilderei und zu illegalen Holzeinschlägen. Der Tourismus hat also an vielen Stellen auch eine sehr positive Funktion. Was das Thema Overtourism betrifft: ganz viele Destinationen haben sich natürlich in der Corona-Zeit nach den Touristen gesehnt. Heute würde ich sagen, besser eine Stadt mit Overtourism, als gar keinen Tourismus. Zumal Overtourism keine unheilbare Krankheit ist, sondern meistens eine Frage des Besuchermanagements und der Kommunikation.

Dr. Harald Zeiss im Interview mit dem reisemagazin breitengrad53
Drecksbrühe: Nicht nur das Klima schützen. Vor allem das Thema Wasser wird im Tourismus künftig eine große Rolle spielen. Umso wichtiger, damit sorgfältig umzugehen (Foto: privat).

Wie könnte eine neue, nachhaltigere Reise-„Normalität“ aussehen? Welche Stellschrauben müssen gedreht werden?

Dr. Zeiss: Ich denke, dass es für alle Reisenden sehr wichtig ist, sich bewusst zu machen, was für ein Luxus es ist, so einfach wie heute reisen zu können. Wir fliegen mit einer Selbstverständlichkeit um die halbe Welt und machen uns gar nicht klar, was das tatsächlich bspw. für die Klimakrise bedeutet. Ich finde aber nicht, dass man Reisen einschränken sollte. Jedoch würde ich mich freuen, wenn mehr Urlauber sich im Vorfeld Gedanken zu ihrer Reise machten, ob diese wirklich notwendig ist und welche Erlebnisse und Erwartungen sie an diese Reise haben. Vielleicht fallen dann künftig Christmas-Shoppingurlaube für drei Tage in New York oder Kegelkurzurlaube auf Mallorca weg, was wünschenswert wäre.

Es heißt „Reisen bildet“. Reisen ist ohne Frage ein wichtiger Faktor der persönlichen „geistigen Hygiene“. In Zukunft auf (Fern-)Reisen zu verzichten ist für die meisten Menschen daher keine Option. Wie kann man mit gutem Gewissen reisen?

Dr. Zeiss: Mit gutem Gewissen kann man leider gar nicht mehr reisen. Es ist notwendig, sich über die Vor- und Nachteile Gedanken zu machen. Aber die Vorteile können durchaus überwiegen. Insbesondere, wenn man es schafft, lange vor Ort zu bleiben und den Menschen dort Einkommensmöglichkeiten zu eröffnen. Das kann über Hotelaufenthalt, Kauf von Andenken und dem Besuch von kleinen Lokalen möglich sein. Wenn ich von meiner Fernreise dann einen positiven Eindruck mit nach Hause nehme und Menschen vor Ort ihren Lebensunterhalt gesichert habe, dann war eine Fernreise nicht vergebens.

Der Trend geht immer mehr zum „Urlaub im eigenen Land“. Verlagert sich die Umweltbelastung dann nicht nach Deutschland? Was kann man als Reisender tun, damit die Reisen nachhaltig bleiben?

Dr. Zeiss: Sicherlich verursachen Urlaube in Deutschland auch einen klimatischen Fußabdruck. Der ist aber hinsichtlich der Anreise natürlich deutlich kleiner, als wenn ich nach Australien fliege. Viele Unterkünfte in Deutschland haben auch schon Maßnahmen ergriffen, um umweltfreundlicher zu sein. Sie sparen Wasser, reduzieren den Müll und achten auf regionale und saisonale Speisen. Das sind die Ansatzmöglichkeiten, die wir hier im Tourismus haben. Und auf die sollte ein Reisender auch achten.

Dr. Harald Zeiss im Interview mit dem reisemagazin breitengrad53
Auch die „einfachen“ Dinge machen Spaß: Frisbee-Golf im Stadtpark in Hannover statt 18-Loch-Anlage (Foto: privat).

Seit es „Fridays for Future“ gibt, werben Tourismusunternehmen verstärkt mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit. Dass immer mehr Menschen beim Reisen auch an die Umwelt denken, ist gut und wichtig. Allerdings gibt es auf dem Reisemarkt schwarze Schafe, die sich mit nachhaltigen Begriffen schmücken, hinter denen nur heiße Luft steckt. Die Rede ist vom sogenannten Greenwashing. Wie erkenne ich das bei der Reisebuchung? Gibt es Qualitätskriterien oder Siegel, die wirklich vertrauenswürdig sind?

Dr. Zeiss: Das mit den Labels im Tourismus ist wirklich nicht einfach. Angeblich gibt es mehr als 400 davon. Für den Gast ist es fast unmöglich, da eine Unterscheidung zwischen guten und schlechten herzustellen. Es ist im Prinzip Aufgabe des Leistungsträgers, also beispielsweise des Hotels, sich um ein seriöses Zertifikat zu kümmern. Immerhin gibt es die internationale Organisation GSTC, die es geschafft hat, einen Qualitäts-Check zwischen unterschiedlichen internationalen Zertifikaten herzustellen. Wenn ich als Gast also eine Unterkunft buchen, die zertifiziert ist, dann muss ich nur prüfen, ob dieses Zertifikat auch von GSTC anerkannt ist. Aber wer macht das schon im Vorfeld einer Buchung? Inzwischen gibt es eine bessere Möglichkeit, das zu prüfen. Zumindest im Reisebüro sind Hotels, die besonders umweltfreundlich sind, mit dem grünen Blatt gekennzeichnet. Es wird aber noch ein bisschen dauern, bis sich dieses Kriterium auch in anderen Bereichen – beispielsweise im Internet – durchgesetzt hat.

Viele Kunden verlangen Nachhaltigkeit – bis zu dem Punkt, wenn es an die eigene Geldbörse geht. Wie überzeugen Sie jemanden, dass das zu kurz gedacht ist?

Dr. Zeiss: Dass wir manchmal nicht das machen, was wir machen möchten, ist keine Überraschung. Wenn wir uns an unsere Vorsätze halten würden, dann wären die Fitnessstudios in der ganzen Welt auch deutlich besser ausgebucht. Und wir würden nicht ständig von einer Diät zur nächsten wechseln. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und wenn es ans Bezahlen geht, dann regiert der Kopf und nicht zu sehr das Herz. Das werden wir auch kurzfristig nicht abstellen können. Die einzige Hilfestellung wäre, dass man sich ganz konkret im Vorfeld Gedanken macht und als Voraussetzung definiert, dass ein Urlaub nachhaltig sein soll. Wenn ich mir diese Gedanken erst zum Zeitpunkt des Bezahlens mache, dann ist es zu spät. Dann suche ich mir den billigsten Urlaub aus.

Nachhaltigkeit beinhaltet ja nicht nur die Dimension, dass Reisen ökologisch tragbar sind, sondern auch wirtschaftlich fair und sozial verträglich. Wie schätzen Sie den Stand der Reisebranche auf diese Aspekte ein? Was gibt es noch zu tun und wie sollte es angepackt werden?

Dr. Zeiss: Die Branche nimmt das Thema inzwischen sehr ernst. Das sieht man nicht erst seit dem letzten Positionspapier vom DRV (Deutscher Reiseverband). Aber es gibt noch viel zu tun. Schwierig sind in der Tat die sozialen Bedingungen in den Urlaubsländern. Viele dieser Länder sind in ihrem Entwicklungsstand noch nicht so weit, dass man davon ausgehen kann, dass bspw. Diskriminierung am Arbeitsplatz ausgeschlossen werden kann. Deshalb ist hier die Branche gefragt, zu vermitteln und gegebenenfalls Hilfestellung zu leisten. Wir müssen aber vorsichtig sein, wie sehr wir in kulturelle und soziale Gegebenheiten in den Ländern „reinreden“ wollen. Letztendlich muss jede Gesellschaft für sich definieren, wo und wie sie ihr Zusammenleben gestalten möchte. Gleichwohl gibt es noch viele Bereiche, die nicht optimal sind und auf die müssen wir ganz genau schauen.

Wagen Sie einen positiven Blick in die Zukunft: Wie werden die Menschen im Jahr 2050 reisen?

Dr. Zeiss: Das ist eine sehr gute Frage und auf die habe ich natürlich keine verlässliche Antwort. Ich denke, dass wir mehr Zeit für Freizeit haben werden. Daraus folgt, dass wir auch mehr reisen werden. Zum einen ist es eine schöne Art der Freizeitgestaltung und zum anderen werden wir auch die Möglichkeiten haben. Wohin wir reisen werden, das weiß ich allerdings nicht. Ich glaube, dass es sehr viel mehr regionale Reisen geben wird und dass die Urlauber der Zukunft sehr auf der Suche nach authentischen Erlebnissen sein werden. Das kann dann auch im Harz sein. Außerdem werden unsere Freizeitaktivitäten vielfältiger. Heute liegen noch sehr viele Touristen am Strand und lassen sich in der Sonne bräunen und am Buffet füttern. Meine Vermutung ist, dass das künftig als Erholung nicht mehr ausreichen wird. Urlauber werden sich zunehmend wünschen, Weiterbildungen zu erhalten, vielleicht auch an einem wohltätigen Projekt zu arbeiten oder einfach nur interessante Menschen kennen zu lernen, die ihnen ein oder zwei Wochen Abwechslung bieten. Dazu muss man dann aber nicht mehr in die Ferne fliegen.

Dr. Harald Zeiss im Interview mit dem reisemagazin breitengrad53
Berg-See in Norwegen: Man muss nicht um die halbe Welt reisen um spektakuläre Landschaften erleben zu können (Foto: privat).

Bitte ergänzen Sie, Dr. Zeiss!

Berge oder Meer?

Dr. Zeiss: Lieber die Berge, denn ich bin gerne im Grünen und Wasser gibt es dort auch 🙂

Mein letztes Reiseziel war…

Dr. Zeiss: Avignon. Ich konnte einfach mit dem Zug anreisen und Frankreich ist mein liebstes Reiseland.

Wohin ich gerne noch einmal reisen und würde und warum …

Dr. Zeiss: Nach Madagaskar. Dort habe ich fünf Jahre in meiner Jugend gelebt und ich würde gerne sehen, wie es sich entwickelt hat. Leider bestimmen aktuell die Hungersnöte dort die Nachrichten. Das ist sehr traurig, denn es ist in vielfacher Hinsicht ein reiches Land.

Wohin sollte niemand reisen (dürfen) und warum…

Dr. Zeiss: In die Arktis und Antarktis. Es sind die letzten Flecken unberührte Natur und gleichzeitig stellen sie ein sehr sensibles Ökosystem dar. Leider hat sich – seit klar ist, dass die Eisbären zu den Verlierern der Klimakatastrophe gehören – der Wunsch, sie ein letztes Mal zu sehen, erhöht. Und so reisen wieder mehr Menschen in die Arktis.

In die Natur oder ins Wellnesshotel?

Dr. Zeiss: In die Natur. Natürlich.

Was sollte jeder in seinem Leben einmal gesehen haben?

Dr. Zeiss: Einen Sonnenaufgang auf einem Berg und einen Sonnenuntergang am Meer.

Was gehört unbedingt ins Reisegepäck?

Dr. Zeiss: Inzwischen das Smartphone. Da ist so gut wie alles drauf, was ich zum Reisen brauche. Von der Kreditkarte, über die Fahrpläne der Busse bis hin zu Informationen zu Kunstwerken und einer Übersetzung-App.

 

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