Von alten Grabrechten und einer echten Schnapsidee
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Die Sonne strahlt, aber es ist eiskalt. In der Nacht hat es gefroren – und das Mitte Oktober. Doch heute ist Erntezeit. Also warm anziehen, vor allem gutes Schuhwerk an die Füße. Treffpunkt ist bei der Bielerhöhe am Silvretta-Stausee auf einer Meereshöhe von gut 2 000 Metern. Unmittelbar an der Grenze zwischen den Gemeinden Gaschurn im Vorarlberger Montafon und Galtür im Tiroler Paznaun. Mit Spitzhacke auf dem Rücken geht’s zu Fuß noch eine Stunde in den Berg hinein. Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Objekt der Begierde ist die Wurzel des Enzians. Die des Gelben Enzians, genauer gesagt.

Enzianwurzeln ausgraben – ist das überhaupt erlaubt?

Enzianwurzeln ausgraben – ist das überhaupt erlaubt? Für Galtürer Bürger schon, vorausgesetzt man ist mit Fortuna im Bunde und zählt sich zu den 13 Glücklichen, die für diese ganz spezielle Ernteerlaubnis jedes Jahr aufs Neue ausgelost werden. Alfons Sonderegger gehört im Herbst 2021 dazu – nicht zum ersten Mal. „Immer wieder ein besonderes Erlebnis“, sagt der 61-Jährige. Im normalen Leben ist er Lehrer und Leiter der Volksschule im Nachbardorf Mathon, begeisterter Wanderer und ein sehr naturverbundener Mensch. Auf einem ihm zugeteilten Areal darf er jetzt bis zu 100 Kilo der sagenumwobenen Wurzel mit nach Hause nehmen, um dann daraus sechs bis sieben Liter des heißbegehrten Enzianschnapses – des „Galtürer Enzner“ – brennen zu lassen. Nur für den familiären Eigenverbrauch, versteht sich.

Medizin, die gegen fast alles hilft

Natürlich ist man am Berg gleich per Du. „Unser Enzner ist nicht einfach nur ein Schnaps. Er ist eine Medizin, die gegen fast alles hilft“, sagt Alfons lachend. „Seine Geschichte wurde 2013 in die Liste des immateriellen Kulturerbes Österreichs aufgenommen.“ Zwar sei das Grabrecht in Galtür bereits um 1705 urkundlich erstmals erwähnt. Das Privileg, eine begrenzte Menge der seit den 1960ern geschützten Pflanzen zu ernten, habe man sich allerdings vor Gericht erstreiten müssen. „Wem das Glück am Kirchtag im September hold war, der bleibt für die nächsten drei Jahre von der Verlosung ausgeschlossen“, erklärt Alfons.

Blüht der Einzian wirklich blau?

Aber blüht der Enzian nicht grundsätzlich blau, so wie es der gute Heino immer vorgesungen hat? Eine offenbar ziemlich laienhafte Frage, die aber von Alfons schnell aufgelöst wird. Es gibt nämlich auch weiß, zartviolett, purpurn oder bräunlich blühende Arten, den Frühlingsenzian, den stengellosen Glockenenzian, den Fransenenzian, den Schnee- oder den Schlauchenzian. Und es gibt den Gelben Enzian, der eine gewisse Sonderstellung einnimmt. Wegen der goldgel-ben Farbe seiner fünf- bis sechszipfeligen Kronenblätter, auch seines kräftigen Stängels, der weit über einen Meter groß werden kann. Vor allem aber wegen seiner Wurzeln, deren Bitterst-offen eine appetitanregende und verdauungsfördernde Wirkung zugeschrieben wird.

„Ausgegraben werden dürfen Wurzeln von Enzianen, die im Sommer geblüht und auch bereits ausgesamt haben“, weiß Alfons. „Man muss sehr behutsam vorgehen. Dann schadet man den Pflanzen nicht. Sie entwickeln sich im nächsten Frühjahr normal weiter, weil Teile der weitver-zweigten Wurzeln in der Erde bleiben.“

Den Galtürer Enzner gibt es nicht zu kaufen

Den Galtürer Enzner gibt es nicht zu kaufen. Bis jetzt. Doch das wird sich ändern. Im Tiroler Bergdorf hat man nämlich schon vor ein paar Jahren mit einer echten Schnapsidee Aufsehen erregt. In Kooperation mit der Landwirtschaftskammer Tirol und der Freisinger Agrarbiologin Centa Kirsch hat der Brenner Hermann Lorenz 2017 ein Pilotprojekt gestartet und auf einer Wiese vor Galtür 12 000 vorgezogene Enzianpflanzen kultiviert. Jedes Jahr um einige tausend Pflanzen erweitert, wächst der gelbe Enzian mittlerweile auf mehr als 5 000 Quadratmetern – und kommt jetzt erstmals zur Ernte. Während sich der Blick von Hermann Lorenz auf die Enzi-anwurzeln richtet, gilt das Interesse seiner Frau Alexandra als Ärztin auch den ebenso heilsame Bitterstoffe enthaltenden Blüten und Blättern, aus denen sie Seifen und Bodylotions herstellt.

Natürlich habe man Herausforderungen meistern müssen, erzählt Lorenz So konnte zwar auf-grund des ständigen Talwindes die Gefahr von Pilzerkrankungen stark eingeschränkt werden, andererseits sie eine Bewässerung der Enzianpflanzen unumgänglich. Und um das Unkraut-wachstum einzudämmen, komme man um ständiges Jäten leider nicht herum. Dass der Siche-rung und Optimierung der Qualität seines Enzners höchste Priorität einzuräumen ist, liegt für Hermann Lorenz, aber auch für Wendelin Juen, Fachbereichsleiter der Tiroler Landwirtschafts-kammer, auf der Hand. So hat man eine länderübergreifende Kooperation mit der Universität Hohenheim gestartet, um das Projekt wissenschaftlich zu begleiten. Erste Gärversuche stehen bereits unmittelbar nach der Ernte an. Der Erfolg des Galtürer Enzian-Kultivierungsprojekts könnte nach Ansicht der Experten auch ein Anreiz für andere kleinstrukturierte Tiroler Land-wirtschaftsbetriebe sein, sich neue Marktnischen zu eröffnen. Ein Anreiz, der auch aus wirt-schaftlicher Sicht interessant zu sein scheint: Die Exklusivität des Produkts spiegelt sich im Li-terpreis von rund 280 Euro für den reinen Enzianbrand wieder, der ausschließlich aus einge-maischten und vergorenen Enzianwurzeln destilliert wird.

Zurück an den Berg und zurück zu Alfons Sonderegger, der genau weiß, wo er suchen muss – auch wenn von den prächtigen Blüten des Gelben Enzians um diese Jahreszeit natürlich nichts mehr zu sehen ist. Das Ausgraben der Wurzeln geht auf steinigem Gelände allerdings mühsam voran. Aber alles geschieht mit Bedacht. Und übrige Pflanzenteile bleiben da, wo sie herkom-men und auch hingehören. Nach drei Stunden ist der mitgebrachte Jutesack um knapp 15 Kilo schwerer. Alfons darf in den nächsten Tagen also noch ein paar Mal zu Werke gehen. Ob er in vier Jahren wieder auf die Gunst von Glückgöttin Fortuna hoffen wird? Was für eine Frage.

Info: Heilpflanze Gelber Enzian

Der Gelbe Enzian ist als potentiell gefährdete Pflanze im Alpenraum geschützt. Enziane (latei-nisch: „Gentiane“) verdanken ihren Namen dem illyrischen König Gentius, der um 500 vor Christus die Pflanzen erstmals aufgefunden und sie zur Behandlung der damals grassierenden Justinianischen Pest eingesetzt haben soll. Der Gelbe Enzian wurde als Heilpflanze auch von Pfarrer Sebastian Kneipp sehr geschätzt. Die Pflanze besiedelt kalkreiche Magerwiesen, Hoch-staudenfluren und Gebüsche in Alpenlagen zwischen etwa 2000 und 2600 Metern.

Galtür

Galtür liegt im Tiroler Paznauntal an der Grenze zu Vorarlberg – auf einer Meereshöhe von knapp 1600 Metern. Durch seine Höhenlage bietet der Ferienort vor allem Allergikern und Asthmatikern eine erholsame Umgebung – seit 1997 ist Galtür erster offizieller Luftkurort Ti-rols. Gleich hinter dem Dorf erhebt sich die mächtige Silvrettagruppe mit ihren 74 Dreitausen-dern und Gletschern.

Übernachtung:

Im Paznauntal gibt es zahlreiche Hotels und Appartementhäuser.
Tipp: Post Hotel See und Apart Neue Post, Au 164, 6553 See im Paznauntal,
Telefon +43 5441 8219, Mail: [email protected], www.postsee.at
Günstigste Übernachtung für zwei Personen im Doppelzimmer mit Halbpension 140 Euro

Allgemeine Infos zum Paznauntal gibt beim Tourismusverband Paznaun – Ischgl – www.paznaun-ischgl.com

Brigitte Geiselhart
Zum Einen liebt Brigitte Geiselhart die lokale und soziale Berichterstattung – vor allem in ihrer Heimatregion am Bodensee – und zum Anderen bereist die bekennende Schwäbin gerne „den Rest der Welt“. Da die Freie Journalistin mit offenen Augen durchs Leben geht, ist es eigentlich klar, dass ihr, egal wo frau geht oder steht, schon die nächste Story begegnet. So war es nur konsequent, dass sie auch die „freie Zeit“ nutzt und unter anderen als Reisejournalistin für die Deutsche Presseagentur (dpa) tätig ist. Ausgezeichnet wurde sie 2007 mit dem Journalistenpreis der Diakonie in Baden und Württemberg. 2009 erhielt sie den Sonderpreis des vom Rhein Kreis Neuss bundesweit ausgeschriebenen Journalistenpreises „Pro Ehrenamt“. 2014 gehörte sie zu Preisträgern des internationalen Journalistenpreises „Belarus in Focus“, der vom polnischen „Solidarity with Belarus Information Office“ aus Warschau ausgeschrieben war. Im März 2015 erhielt sie den Journalistenpreis Irland 2014 der Irland Information Tourism Ireland.

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