„Ein menschliches Leben reicht nicht aus, um diesen Planeten kennen zu lernen“
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Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde mit Kapitän Kjell Holm der erste Kapitän von TUI Cruises in den Ruhestand verabschiedet. Wie kein anderer Kapitän hat der sympathische Finne die Mein Schiff Flotte geprägt und mitentwickelt. Gut 55 Jahre fuhr er zur See. Rund 10 davon für TUI Cruises. Ob bei Gästen oder Crew – bei allen war er gleichermaßen beliebt. Wir haben mit Kjell Holm in seiner Wahlheimat Kontakt aufgenommen und ihn über sein Rentnerdasein und seine persönliche Einschätzung zur derzeitigen, Corona bedingten, Situation der Kreuzfahrtbranche befragt.

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Genießt seit einem Jahr den Ruhestand in seiner Heimat Australien: Kjell Holm (Fotos: Privat)

Als Kapitän warst du immer auf Reisen und hast die ganze Welt gesehen. Wie ist der Ruhestand für dich persönlich?

Um ehrlich zu sein, habe ich mich schon lange auf den Ruhestand gefreut. Obwohl ich meinen Job als Kapitän geliebt habe. Es war einfach an der Zeit, etwas anderes zu machen. Ich habe viel gesehen während meiner Reisen. Vor allem natürlich Wasser, Wasser und nochmals Wasser. Aber auch genug vom Land, um zu wissen, wie wenig ich wirklich gesehen habe! Ein menschliches Leben reicht nicht aus, um diesen Planeten kennen zu lernen.

Dann geht deine „Reise“ also noch weiter?

Ja, auf jeden Fall! Jetzt ist es mein Wunsch, ein bisschen mehr von dem zu erkunden, was ich noch nicht gesehen habe. CoVid-19 hindert mich zwar momentan daran, aber diese Situation wird nicht ewig andauern. Schon jetzt kann ich wieder zusammen mit meiner Frau unsere Wahlheimat Australien bereisen und entdecken.

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Was hast du während des Lockdowns gemacht, als reisen noch nicht möglich war?

Nach der Pensionierung haben wir einfach die Zeit zu Hause in Australien genossen. Und ich habe mich handwerklich mit unserem Haus beschäftigt.  Zudem haben wir die Familie meiner Frau Michelle in Malaysia und Singapur besucht. Gerade noch rechtzeitig vor dem CoVid-19-Lockdown hier in Australien sind wir nach Hause zurückgekehrt. Dann haben wir das beste aus der Situation gemacht und unser schönes Haus und Michelles Garten genossen. Wir sind sehr glücklich, in diesem Teil der Welt zu leben.

Und jetzt reist ihr in Australien herum?

Ja, sobald die strikte Isolation vorbei war, sind wir mit unserem Wohnmobil mit Anhänger und Boot gestartet und haben angefangen dieses wunderschöne Land für einige Zeit zu erkunden. Meine „Bucketlist“ ist einfach noch sehr lang und Australien ist ein super Anfang. Danach wird es Zeit, unsere Segelyacht wieder ins Wasser zu bekommen und im Südpazifik zu segeln. Im Moment sind wir jedoch sehr stark durch CoVid-19 Vorschriften eingeschränkt.

Vermisst du die Mein Schiff Flotte und Ihre Crew an Bord?

Ich bin auf jeden Fall in Kontakt mit meinen früheren Kollegen – auch wenn eine regelmäßige Kommunikation schwer ist. Ich bin nun mal auf der anderen Seite der Welt, in einer anderen Zeitzone. Ich muss aber auch sagen, dass der Abstand ganz gut ist. Das Leben geht weiter, meine Zeit als Kapitän ist vorbei. Jetzt ist es an der Zeit, dass die nächste Generation das Kommando übernimmt.

Bei deiner Verabschiedung wurde ja durchaus offengehalten, dass du noch mal als Urlaubsvertretung zurückkehrst. Wie sieht es damit aus?

Natürlich bin ich bereit, einzuspringen und das Team zu unterstützen – falls es nötig ist. Momentan ist das aber Corona bedingt natürlich sehr unwahrscheinlich.

Du sprichst es an: Wie siehst du die Zukunft der Reise- und insbesondere der Kreuzfahrtbranche, die ja sehr gelitten hat?

Beide Bereiche werden sich erholen, da bin ich sicher. Aber es wird eine harte Zeit für viele Unternehmen. Dennoch: Das Leben wird zur Normalität zurückkehren, vielleicht nicht ganz wie es war, aber die Menschen haben die Tendenz zu vergessen. Und dies wird auch dieses Mal geschehen. Hoffentlich lernen wir aber, insbesondere in der ganzen Gesellschaft und nicht nur in der Reisebranche, diesmal mehr aus der Situation als bei der „Vogelgrippe“ oder „SARS“.

Wie wird denn deiner Meinung nach eine „neue“ Normalität für die Kreuzfahrt aussehen können?

Zunächst einmal bin ich sicher, dass Kreuzfahrten wieder zur „neuen“ Normalität gehören werden. Aber die Branche wird wacher sein und Pläne parat haben, um kritische Situationen zu vermeiden. Es wird einige schwächere Unternehmen geben, die nicht überleben werden. Das haben wir ja bereits bei der ein oder anderen Reederei sehen können. Aber die starken, und damit auch TUI Cruises, werden stärker als je zuvor zurückkommen. Auch wenn die Neubauprogramme momentan verlangsamt werden, glaube ich nicht, dass der Kreuzfahrt-Boom zum Erliegen kommt. Bald werden wieder neue Schiffe benötigt werden und die Werften wieder Aufträge bekommen. Das ist eine Frage der Zeit.

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Wärst du jetzt gern noch „an Bord“, um zu unterstützen?

Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich froh, dass ich jetzt nicht an Bord sein muss. Natürlich tun mir meine ehemaligen Kollegen sehr leid, die in diesen unangenehmen Zeiten sich an Bord der Verantwortung stellen müssen und für die Teams an Bord verantwortlich sind. Aber ich weiß auch, dass Sie die Situation sehr gut meistern.

Hast du eine Nachricht für die Crew der Mein Schiff Flotte?

Sicher ist es zu Zeit sehr schwierig, sowohl als Kapitän als auch auf der Managementebene an Land, die richtigen Entscheidungen zu treffen, da es keine Lösungen „aus der Schublade“ gibt. Wir waren noch nie in einer solchen Situation. Es gibt so viele Faktoren zu berücksichtigen, wie Grenzschließungen, politische Entscheidungen, Transportverfügbarkeiten und so weiter. Kommunikation ist jetzt ganz wichtig. Auch zur Crew. Denn ich bin mir sicher, dass alles, was jetzt getan wird, im besten Interesse für alle ist. Sowohl für die Crew als auch für die Gäste. Ich bin mir auch sicher, dass die Crew das weiß. Der erfolgreiche Restart mit den „Blauen Reisen“ zeigt ja, dass alle motiviert sind und einen tollen Job machen.

Und für die Gäste?

Ich kann nur eines sagen: TUI Cruises wird nach der Krise besser und stärker sein als zuvor. Kreuzfahrten sind immer noch eine der sichersten Möglichkeiten, um zu reisen und einen Urlaub zu genießen. Ich war vom ersten Tag an bei TUI Cruises und bin sehr stolz darauf, dass ich die Chance hatte, bei der Gründung des Unternehmens eine Rolle zu spielen. Das Konzept der Mein Schiff Flotte ist wirklich toll. Ich dachte, ich würde nach der Pensionierung nicht mehr auf Kreuzfahrt gehen, aber meine Frau Michelle hat mich überzeugt, dass wir bald eine Mein Schiff Kreuzfahrt machen sollten. Dann kann ich nämlich das Schiff aus Gastsicht genießen. Denn das wichtigste am Rentnerleben ist, sich nicht zurückzulehnen, sondern aktiv zu bleiben.

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