Mallorca im Winter
Du fährst Ende November nach Mallorca?” Meine Bekannte lächelt mich mitleidig an. “Um die Zeit kann es dort ungemütlich sein”, lautet ihr weiser Rat. Unsicher packe ich dicke Socken, Strumpfhosen und warme Pullis in meinen Koffer. Eine Winterjacke und Stiefel erscheinen mir selbstverständlich. So fliege ich am 20. November aus dem Hamburger Nebel direkt nach Palma. Es ist ein ruhiger Flug.

Mir kommen George Sand und Frédédric Chopin in den Sinn. Sie machten sich 1838 auch an einem Novembertag auf den Weg mit der Kutsche, um dem grauen Winter und dem Tratsch in Paris zu entfliehen und um auf der Sonneninsel zu genesen. Mit den Schiff setzten sie von Barcelona nach Palma über. Die Schriftstellerin George Sand, ihre beiden Kinder und der um einige Jahre jüngere Komponist Chopin mit schwerem Husten – wie müssen sie sich gefühlt haben, als sie anlegten? Wie war das Wetter?

Ein Winter auf Mallorca – Georg Sand

George Sand schreibt im ersten Kapitel in “Ein Winter auf Mallorca”, ihrem Reisebericht: “Auf Mallorca erwartete uns sommerliche Hitze. In Barcelona milderte ein frischer Seewind die Sonnenstrahlung und fegte alle Wolken von den breiten, in der Ferne von schwarzen und kahlen oder schneeweißen Gipfeln eingefassten Blickfeldern.”

Druck auf meinen Ohren lässt mich aufwachen. Wir landen in Palma. Sommerliche Hitze flirrte auch mir entgegen, als ich das Flughafengebäude verlasse und im Schutz einer Überdachung bei gefühlten dreißig Grad mit Winterstiefeln auf einen Bus warte. Der Himmel ist so blau als gäbe es nur diese eine Farbe und auch sonst erinnert nichts an Nebensaison. Allerdings sind kaum Touristen zu sehen.

Im Winter auf Mallorca

Hafen von Portixol

Geheimtipp in Palma

Mein Hotel “Portixol” liegt an einem kleinen Fischerei- und Sporthafen zwei Kilometer östlich von Palma mit Blick auf die Kathedrale. Im Restaurant herrscht auch nachmittags geschäftiges Treiben. Die Terrasse ist gut besucht und auf den Liegestühlen sonnen sich Gäste. Das 25-Zimmer-Haus wurde 1996 von den schwedischen Ehepaar Johanna und Mikael Landström gekauft und komplett renoviert. Mit Pool, Spa, Restaurant mit Bar und Terrasse ist das Vier-Sterne-Haus nicht nur bei Touristen beliebt, sondern auch ein frequentiertes Ausflugsziel für die Einwohner der Hauptstadt. “Vor 20 Jahren war das hier noch eine heruntergekommene Gegend”, erzählt Christina Östrem, die Managerin des Hotels. “Dann hat die Inselverwaltung hier einen neue Promenade gebaut und das Hafenbecken renoviert.” Die Gegend ist seitdem ein Geheimtipp. Wenig Touristen, viel maritimes Flair.

Mein Zimmer ist eine Mischung aus skandinavischer Gemütlichkeit und mediterraner Eleganz. Mallorquinische Tapeten harmonieren mit weißen Möbeln und Wänden. Der Blick über die Fischerboote aufs Meer bringt mir die Reisenden aus dem 19. Jahrhundert wieder in den Sinn. George Sand notierte: “… man könnte in ebenso wenigen Tagen hingelangen (wie in die Schweiz) und fände dort eine ebenso sanfte Schönheit und einzigartige, erhabene Größe der Szenerien vor, die der Malerei neue Nahrung gäben. Derzeit kann ich diese Reise guten Gewissens nur körperlich robusten und geistig feurigen Künstlern empfehlen. Zweifellos aber wird die Zeit kommen, da zartbesaitete Kunstliebhaber und sogar gepflegte Frauen mit nicht größeren Mühen und Unbequemlichkeiten als nach Genf nach Palma fahren können.”

“Radelst Du mit zur Kathedrale?” Meine Reisebegleitung reißt mich aus meinen Tagträumen. Wir fahren mit den Hotelrädern auf einer schnurgeraden Promenade mit Radweg immer der Kathedrale entgegen, vorbei an leeren Stränden und der untergehenden Sonne. Das imposante Gotteshaus empfängt uns im festlichen Feuerrot – dahinter lautes Leben in den Straßen Palmas. Jugendliche treffen sich in Cafés, Berufstätige stehen vor ihren Büros und diskutieren die Tagespolitik und Geschäftsleute präsentieren ihre Waren. “Eine europäische Großstadt mitten auf einer Urlaubsinsel”, staune ich. Nicht umsonst nennt man die Balearenmetropole auch “Klein-Barcelona”. Interessant: Auch hier sprechen viele Einwohner katalanisch anstatt Spanisch. Ich tauche ein in die blaue Stunde dieses südeuropäischen urbanen Juwels, schaue, lasse mich von Designerläden wie Pull & Bear, Mango, Massimo Dutti und Uterique verführen. Einrichtungsgeschäfte wie das Rialto Living in der Calle Sant Feliu lassen mich eintauchen in die Welt des internationalen Designs, ferner Reisen und edler Stoffe. Es war wieder ein schwedisches Ehepaar, durch das ein heruntergekommenes Gebäude neues Leben eingehaucht bekam: Das Rialto Living ist ein Stadtpalais das lange als Kino genutzt wurde und dann leer stand. Heute ist das Einrichtungshaus auf zwei Etagen mit Café-Restaurant die Antwort auf das sterile Einkaufen per Klick im Internet. Hier wird stationäres Shoppen zelebriert. “Wir kaufen immer nur kleine Serien eines Produkts ein. Wenn es verkauft ist, ist es weg”, lächelt Barbara Bergmann, die Besitzerin. Lauter Unikate.

Ruhe im Kloster in den Bergen

Betrachtung, Muße und ein bis zur Meditation reichender innerer Monolog bahnen sich den Weg in mein Bewusstsein. Eine wohlige Ruhe setzt ein. “Ob die Reisenden des 19. Jahrhunderts auch so schnell zu sich fanden während ihres Aufenthalts auf der Insel?” Ich finde heraus, dass Sand und Chopin nach ersten Wochen der Suche nach einer Herberge in das Kloster Valldemossa umgezogen sind, weil sie sich in der Stadt der Kritik der Einwohner ausgesetzt sahen. Ruhe fanden sie nur im einsamen Kloster in den Bergen, das heute übrigens ein Museum ist und eine Reliquien der ersten Mallorca-Touristen bereithält. Zum Beispiel das unter großen Mühen herbeigeschaffte Klavier des Komponisten.

Es ist dunkel geworden und unsere Räder haben kein Licht, aber die Promenade bis zu unserem kleinen Hafen, dem “Portixol”, ist hell erleuchtet. Es weht ein lauer Wind vom Meer.

Der historische Zug in Sóller ist über 100 Jahre alt.

Der historische Zug in Sóller ist über 100 Jahre alt.

Am nächsten Morgen steigen wir in den über hundert Jahre alten Holz-Zug nach Sóller. So müssen auch die ersten Touristen damals gereist sein! Die Landschaft zieht am Auge vorbei. Wir nähern uns dem Tramuntana-Gebirge – im Herbst mit eintausend Höhenmetern angenehmen 25 Grad Luft- und 22 Grad Wassertemperatur ein Geheimtipp für Wanderer. Rast und Verpflegung findet man in einem der Ausflugslokale, zum Beispiel dem „Restaurant Sa Teulera“ nur fünf Kilometer hinter Sóller. Von der Terrasse hat man den besten Blick auf eine Tramuntana-Felswand. Dazu die französische Schriftstellerin: “Die Spitze des Felsens zeichnet ihre festen Konturen vor einem strahlenden Himmel ab, die Palme neigt sich von selbst über den Abgrund, ohne dass eine launische Brise ihren majestätischen Haarwuchs zerzaust, und bis zum kümmerlichsten Kaktus am Wegrand scheint alles sich mit einer Art Selbstgefälligkeit der Augenlust darzubieten.”

Das Tal von Sóller

Nach einer gut einstündigen Ruckelfahrt auf dem Holzsitz öffnet sich der Blick auf das Tal von Sóller. Hier bauten die Franzosen einst Obst- und Olivenbäume an. Die Bäume sind geblieben. Bis nach Puerto de Sóller bringt uns die Bahn, die übrigens der Tram in Lissabon zum Verwechseln ähnlich sieht. Unsere Herberge ist das Hotel Espléndido – ein glänzendes Vintage-Strandhotel aus den 1950er Jahren, das ebenfalls von Familie Landström renoviert wurde. Liebevolle Stoffe, Farben, Möbel und Details wie ein Plattenspieler in der Bibliothek lassen die Zeit um Brigitte Bardot und Jean-Paul Belmondo aufleben. Die mehr als 60 Zimmer sind in diesem Design mit vier-Sterne-Komfort und Blick auf die malerische Bucht gehalten. Zwei Außenpools, eine Spa-Landschaft und ein phantasievoller Küchenchef machen den Aufenthalt im Espléndido zu einer Reise nicht nur in die Vergangenheit. Vor dem Frühstück baden wir im 22-Grad-warmen Meer.

Zurück in Palma ist das Castel Bellver ein Muss. Es ist das einzige Rundschloss in Spanien. Hier oben, über den Dächern von Palma hatten die Könige einst den besten Weitblick. Den brauchten sie auch. Denn als das Schloss 1311 nach nur elf Jahren Bauzeit fertiggestellt war, begann der Streit um die künftige Ferieninsel. Als der Neffe von König Jaume II das Zepter übernahm, meldete Pedro IV von Aragon Anspruch auf das Eiland an. 1343 schlugen dessen Truppen bei Peguera die mallorquinischen Kämpfer und machten aus Jaume III einen König ohne Reich. Er verkaufte daraufhin seine Latifundien in Frankreich, um mit einer gut gerüsteten Armee zurückzukehren. Mit dieser verlor er allerdings nicht nur die Schlacht von Llucmajor sondern auch sein Leben. Witwe und Kinder zogen wieder in Bellver ein – als Gefangene. Die Geschichtsbücher halten fest: “Mallorca verlor die nur wenige Jahrzehnte genossene Unabhängigkeit und musste sich nun bis zur Demokratisierung 1975 vom Festland bevormunden lassen.”

Wandern im Tramuntana Gebirge auf Mallorca

Wandern im Tramuntana Gebirge auf Mallorca

Der Duft frischer Orangen und Kräuter, Bilder von sanften Hügeln und schroffen Felsen ziehen durch meinen Traum, als ich im Flieger zurück nach Hamburg sitze. Der König ohne Reich, die Schriftstellerin in Männerkleidung mit ihrem musizierenden Liebhaber, die unabhängigen Mallorquiner und die großzügigen Schweden, die schöne alte Hotels und Stadtpaläste zu neuem Leben erwecken – sie alle sind im November viel besser zu sehen. Winterjacke und Stiefel hätte ich zuhause lassen können.

Tipps zu Mallorca

Lesetipp: „Ein Winter auf Mallorca“ George Sand. Suhrkamp Verlag.

Unterkunft: Portixol Hotel y Restaurante, Calle Sirena. 07006 Palma de Mallorca. www.portixol.com Hotel Espléndido. Es Traves 5, 07108 Puerto de Sóller, Mallorca. www.esplendidohotel.com

Shopping: Rialto Living, Carrer Sant Feliu 3c, 07012 Palma de Mallorca. www.rialtoliving.com