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„Zwischen Himmel und Heu“

Am Abend, wenn das Tal unten schon im Schatten liegt, die Sonne noch ihre letzten Strahlen hierher schickt auf die kleine Terrasse des Bauernhofs, wenn oberhalb der sonst so harsche…

Am Abend, wenn das Tal unten schon im Schatten liegt, die Sonne noch ihre letzten Strahlen hierher schickt auf die kleine Terrasse des Bauernhofs, wenn oberhalb der sonst so harsche Felsgipfel des Großen Ifingers in mildem Dämmerungslicht ganz lieblich anmutet, dann ist es endlich Zeit für eine Riesenportion Kaiserschmarrn.

Haben sich die Kinder auch wahrlich verdient, nach all der Arbeit, die sie hier geleistet haben. Eier im Stall einsammeln, Hühner füttern, die Schafe unten auf der steilen Weide durchzählen, ob sie auch noch alle da sind, dann die Salatblätter im plätschernden Brunnen waschen und zum Schluss noch einen Blick in den Schweinestall werfen, einen zugegeben kurzen Blick, des Geruchs wegen. Es ist schon ein recht intensives Hineinschnuppern in die Welt der Berge und ihrer Bauern, das die Kinder hier heroben erleben dürfen, bevor sie nach dem Abendessen matt, satt und zufrieden im Stadl nebenan in ihr Nachtlager plumpsen. In ihr Bett im Heu.

So ist das, in den Sommermonaten auf dem Berggasthof Gsteier, wo die kleinen Gäste vom Hotel „Hohenwart“ unten im Ort ihr Hotelbett für eine Nacht im Stroh tauschen können, ein besonderes Angebot für junge Abenteurer – und wo es keine Smartphones, Fernseher und sonstige weltfremde Digitalbespaßung zur Beglückung der Kinder braucht, sondern viel besser noch, gute Luft, frisches Essen und ein paar Haustiere zum Streicheln und Spielen wie die sieben Katzen und natürlich die Heidi, die gute Seele vom Gsteier, ein sechsjährliger Mischling aus einem Berner Sennenhund und noch einigen anderen Rassen.

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Gut möglich auch, dass man hier außerdem noch dem alten Mair Franz über den Weg läuft, der Mair Franz ist immer noch gut beieinander mit seinen 86 Jahren und schaut hier oft nach dem Rechten in seinem kleinen Bauernmuseum, das er hier eingerichtet hat mit alten Utensilien wie Krautstampfern und Traubenpressen, Butterkübeln und Dreschflegeln, Werkzeuge, die man früher eben so benutzt hat. Es ist genau jener Franz Mair, der nicht nur das Hotel unten im Dorf aufgebaut hat, sondern dem es als Tourismus-Pionier zu verdanken ist, dass Schenna in den vergangenen sechs Jahrzehnten aus einem unbeachteten kleinen Nest zu einem der beliebtesten Tourismusorte in Südtirol aufstieg. Und so ist die Historie des Orts und des Hotels auch ein kleines Stück Südtiroler Zeitgeschichte.

“Schenna geht’s hier kaum noch”

Schenna, ein wenig oberhalb von Meran gelegen, der Name kommt wohl vom lateinischen „scenae“, was passt, wegen der imposanten Landschaftsszenerie hier. Die Einheimischen selbst sagen gerne auch „Schönna“, trifft es auch ganz gut, denn man hört ihn hier oft, den Spruch: „Schenna geht’s hier kaum noch.“ Über viele Jahrhunderte jedenfalls war hier herzlich wenig geboten, immerhin kam im 19. Jahrhundert mal der österreichische Erzherzog Johann vorbei und ließ für sich und seine Familie hier als letzte Ruhestätte ein Mausoleum bauen. Schenna, ein Ort der Grabesruhe.

In den 1950er Jahren zog es dann die ersten Urlauber Richtung Italien, und auch wenn viele der deutschen Wirtschaftswundertouristen Südtirol eher als Transitstrecke Richtung Adria und Mittelmeer nutzten und nur für einen Tankstopp und den ersten Espresso kurz anhielten, entwickelte sich der Landstrich zwischen Brenner und dem Trentino immer mehr zu einer begehrten Urlaubergegend. Das erkannte auch der junge Franz Mair aus Schenna, der in seinem Militärdienst als Fahrer viel herumkam, bei Nato-Manövern chauffierte er amerikanische Soldaten durchs Land und sah, wie viele Orte touristisch aufrüsteten – und wie sein Heimatort immer noch ein verschlafenes Bauerndorf war.

Wer soll da schon zum Übernachten kommen?

Das wollte Mair ändern, er wusste ja eh nicht, was er sonst mit seinem Leben anfangen wollte. Den großen Hof der Eltern bekam der ältere Bruder als Erstgeborener, also baute er auf den 800 Quadratmetern Grund, die ihm als Erbteil geblieben waren, nach dem ersten Spatenstich vor genau 60 Jahren, im Juni 1956, eine kleine Frühstückspension. Im Ort machten sich viele lustig über ihn, eine Pension, was wolle er nur damit, hier in Schenna, wer soll da schon zum Übernachten kommen. Dass am Ende Franz Mair lachen würde, ahnten sie da noch nicht.

Am 20. August 1957 kamen dann die ersten Gäste in die Pension „Hohenwart“ mit seinen 18 Betten, Etagendusche und WC, mit Küche und Speisesaal, die Zimmer mit fließendem Wasser: Es war das Ehepaar Richard und Annemarie Walter aus der Nähe von Aachen, sie zahlten pro Bett inklusive Frühstück 800 Lire. Umgerechnet 40 Cent.

Im Haus selbst war der Junggeselle Franz das Mädchen für alles, er machte die Betten, das Frühstück, einen halbwegs ordentlichen Filterkaffee, und lernte, die Schmutzwäsche in großen Kupferkesseln in einer Aschenlauge auszukochen. Im Lauf der Jahre entspannte sich die Lage für den Franz, das lag zum einen an einer neuen Waschmaschine, Typ Constructa, und zum anderen natürlich an seiner Frau namens Anna: Anna Hölzl, die Gastwirtstochter vom Michelewirt, die in Meran einen Kochkurs besucht hatte und im fernen München im Café Schmid Konditorin lernte.

Einen kleinen Rückschlag erlebte der Tourismus Anfang der Sechziger Jahre. Südtiroler Separatisten, unter ihnen auch der Einheimische Sepp Innerhofer aus Schenna, verübten Anschläge und legten Bomben, sie forderten damit die komplette Unabhängigkeit Südtirols von Italien. Es war ein kurzer Spuk, und als er in den Siebziger Jahren vorüber war, kehrten auch die Urlauber wieder zurück. Bis heute ist der Boom ungebrochen.

Von Frühstücksherberge zum 4-Sterne-Hotel

Längst hat sich das „Hohenwart“ von der kleinen Frühstücksherberge zu einem Vier-Sterne-Superior-Haus entwickelt, zu einem der führenden Hotels des Dorfs und der gesamten Gegend, mit einer wunderbar pittoresken Terrasse samt Bilderbuchblick und einer kulinarisch bezaubernden Küche.

Zwar haben Franz Mair und seine Anna das Haus schon vor vielen Jahren an ihre Kinder übergeben, an die Christine und den Sepp, und sich selbst in einem Austragshäusl neben dem Hotel niedergelassen, man sieht die beiden alten Eheleute aber noch sehr oft. Die Anna etwa am Nachmittag am Kaffee-Büffet, wenn sie die Kuchengabeln nachfüllt und schaut, dass die Käseschnitten und der Apfelstrudel auch schön appetitlich hergerichtet sind, und den Franz eben gerne oben am Bauernhof neben seinem Museum.

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Aber nicht nur allein wegen der beiden ist hier in Schenna noch alles viel uriger und urtümlicher als in anderen Urlaubsorten in den Bergen. Ohne Bausünden, ohne Betonburgen, ohne kommerzielle Großinvestoren, die mit architektonischer Lieblosigkeit monströse Scheußlichkeiten in die Höhe ziehen. Nur ganz behutsam und unaufdringlich hat man hier aufgerüstet, mit dem schönen Spielplatz etwa an der Bergstation vom Taser oder der rasanten Sommerrodelbahn am Piffinger Köpfl, im Winter das Skigebiet Meran 2000. Investitionen, um das Gebiet auch für Familien mit Kindern attraktiver zu machen, um wegzukommen von der Meraner Gegend als reinem Rentnerparadies, dem Florida von Südtirol.

Kurz vor der Abfahrt sagte der Mair Sepp am letzten Abend beim Essen noch, wer einmal hier gewesen sei, der wolle immer wieder zurückkehren, der komme einfach nicht los von hier. Man spürte das auch bei der Heimfahrt, als man bei Bozen auf die Brenner-Autobahn nach Norden bog und einen letzten Blick in die Ebene Richtung Meran warf, selbst die Kinder sprachen schon davon, bald wieder dahin zu wollen. Auf den Spielplatz, auf die Rodelbahn, zum Minigolfen. Vor allem aber für eine Nacht ins Heu.

Hinweis: Die Reise fand auf Einladung statt

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