Sylt – Immer gegen den Wind

Sylt – Immer gegen den Wind

Pedelecs und E-Bikes müssen auf Sylt erfunden worden sein. Wer schon einmal auf einem Drahtesel ohne Motorunterstützung von Westerland nach Hörnum im Süden geradelt ist, zum Lister Hafen am anderen Ende der Insel oder den Ellenbogen hinauf, dem nördlichsten Zipfel Deutschlands, kennt das Problem: Immer scheint der nordseestarke Wind von vorne zu kommen. Da ist es praktisch, ein paar umweltfreundliche PS zusätzlich zu den Beinen zu haben. Das hat mittlerweile selbst der letzte Fortschritt-skeptische Insulaner gelernt: Fast jeder Fahrradverleih auf der größten nordfriesischen Insel bietet mittlerweile auch Drahtesel mit Motor an.

Wir kommen mit dem Zug über den Hindenburgdamm nach Sylt. 1927, nach vier Jahren Bauzeit, wurde der Damm eröffnet. Diese Anreise ist noch immer die beliebteste Art auf die „Insel der Schönen und Reichen“ zu kommen. Für den Autoreisezug sind bei der Verladung in Niebüll rund 90 Euro zu berappen (Hin- und Rückfahrt). Von hier sind es dann nur noch 39 Schienen-Kilometer bis nach Westerland. Okay, einige Sylt-Gäste kommen auch mit der Fähre von Dänemark nach List oder mit dem Flugzeug auf die Insel, aber keine Anreise ist so schön, wie über den schmalen Damm, vorbei an Wiesen, Windrädern und Schafen.

Solarladesäulen für E-Bikes

Obwohl Sylt keine nennenswerten Steigungen aufweist – abgesehen vielleicht von der Straße vom alten Munckmarscher Hafen hoch zum Golfplatz von Kampen – gilt es, sich immer und überall gegen die Kraft des Windes zu stemmen. So kann selbst sportlichen Naturen bei Touren über Sylt schon mal die Puste ausgehen. Wir wollen das vermeiden. Deswegen wählen wir die konditions- und umweltfreundliche Alternativen Pedelec. Diese Fahrräder geben mit ihren CO2-neutralen Elektromotoren auch bei stürmischen Witterungsbedingungen mit bis zu 25 km/h Schwung. Das Pedelec ist ein Fahrzeug, das die Tretbewegungen des Fahrers mit einem eingebauten Elektromotor unterstützt. Hört der Fahrer auf zu treten, stoppt auch der Motor. Anders beim E-Bike. Das fährt auch dann, wenn der Fahrer nicht in die Pedale tritt. Sein Elektromotor lässt sich über einen Griff bedienen, über den der Fahrer auch das Tempo regulieren kann. Nach zehn Minuten und dem ersten Kilometer kein Problem mehr. Wir gewöhnen uns schnell an die neue Art, Fahrrad zu fahren. Rechtlich gelten Pedelecs als Fahrräder, wenn sie höchstens 250 Watt Leistung bringen. E-Bikes dagegen sind laut Juristen keine Fahrräder, sondern Leichtmofas.

Da ein Pedelec bis auf den Elektroantrieb einem ganz normalen Fahrrad entspricht, ist das Radeln auch ohne Motor jederzeit und auf allen Fahrradwegen der Insel möglich – sieben Gänge bieten hohen Fahrkomfort und mit teflonbeschichteten Reifen ist es so gut wie unplattbar. Wer es besonders komfortabel liebt, wählt ein Pedelec mit Bordcomputer, der über aktuelle Geschwindigkeit, gefahrene Strecke und Akku-Leistung informiert. Und die ist beachtlich: Mit einer Reichweite von rund 80 Kilometern rückt jedes Inselziel in nächste Nähe – absolut klimafreundlich und völlig führerscheinfrei. Neben Privatverleihern hat auch die Sylter Verkehrs-Gesellschaft (SVG) die Zeichen der Zeit erkannt und bietet das „Sylt-E-Bike“ an. Zu erkennen ist es am roten Signet der Sylt Marketing Gesellschaft (SMG) als Kontrast zur weißen Lackierung der Räder. Leihen kann man diese sowohl am Pavillion der SVG auf dem Westerländer Bahnhofsvorplatz als auch am Erlebniszentrum Naturgewalten in List. Die Gebühr beträgt etwa 20 Euro pro Tag. Initiator Ingo Börner will ein engmaschiges Netz mit Solar-Ladesäulen aufbauen: „So können die Ausflügler zum Beispiel bei gastronomischen Partner-Betrieben während der Kaffeepause ganz bequem Strom nachladen.“

Auf der Sandbank ist kein Platz mehr für Insulaner

Nutzen werden diesen Service wohl fast nur Feriengäste. Warum? Weil es auf Sylt immer weniger Einheimische gibt. Gerade noch 20.000 Sylter haben ihren Erstwohnsitz auf dem Eiland. Laut einer Prognose des Bauamts der Gemeinde Sylt könnte diese Zahl in den kommenden 20 bis 30 Jahren sogar auf unter 12.000 sinken. Viele Einheimische können sich eine Wohnung auf Sylt, wo eine 20-Quadratmeter-Behausung schon mal 700 Euro Miete kosten kann, schlicht nicht mehr leisten. Jeden Morgen pendeln deshalb rund 6.500 Beschäftigte vom Festland auf die Insel – und abends zurück. Die Folgen der Vertreibung der Insulaner aus ihrem Paradies: Die Infrastruktur der Insel leidet, Kindergärten und Grundschulen schließen, es gibt keine Hebamme mehr auf Sylt und der Feuerwehr gehen die Feuerwehrmänner aus. Thomas Nissen, dem ein Lebensmittelgeschäft in Rantum gehört, öffnet nur noch drei Stunden am Tag – „für die Grundversorgung der Nachbarn“. Viele junge Leute ziehen weg. Die sozialen Kontakte in den kleiner werdenden Gemeinden leiden. Ein Taxi-Fahrer klagt: „Wir vereinsamen langsam.“

Daran ändern auch die Tropfen auf dem heißen Stein nichts, die Lokalpolitiker alle Jahre wieder herausquetschen: So wurde unlängst zwar beschlossen, mit öffentlichen Geldern 59 bezahlbare Wohnungen für Landesbeschäftigte zu bauen, die auf Sylt arbeiten. Und für weitere Neubauten für Normalverdiener gibt es 30 Millionen Euro zinsgünstige Darlehen. Aber kaum Jemand zwischen List und Hörnum glaubt ernsthaft, dass solche Maßnahmen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum lindern werden. Angebot und Nachfrage auf dem Sylter Immobilienmarkt lassen sich nicht mehr ins Gleichgewicht bringen. Dafür gibt es zu wenig Land auf der beliebten Sandbank in der Nordsee und zu viele wohlhabende Hamburger, Düsseldorfer und Züricher, die bereit sind, fast jeden Preis für Ferieneigentum auf Sylt zu zahlen.

Das führt zu skurrilen Situationen wie in Rantum, wo gerade das Haupthaus des Hotels „Watthof“ abgerissen wurde, weil hier neue, teure Eigentumswohnungen entstehen sollen. Von dem beliebten, traditionsreichen Hotel bleibt nur noch ein Nebengebäude mit zehn Zimmern. In Kampen, dem berühmten Filetstück der Insel, herrscht Preis-Wahnsinn: Frei stehende Einfamilienhäuser in Wattlage kosten hier zwischen vier und 20 Millionen Euro. Die Straße Hobookenweg gilt als teuerste Deutschlands. In Kampen wird laut Tom Kirst von der Maklerfirma Dahler & Company um unbebaute Grundstücke „gepokert“. Für einen Quadratmeter Bauland müssen zwischen 3.500 und 4.000 Euro auf den Tisch gelegt werden. Bauträger spekulieren auf weiter steigende Preise und zahlen Summen, so Kirst, „die sich nur rechnen, wenn die Entwicklung der vergangenen Jahre auch künftig so weiter geht“.

Es bleibt bei der Abreise in Westerland das Gefühl, dass auch die Politiker der Insel im Kampf gegen Spekulanten und Reiche immer nur gegen den Wind strampeln – ohne Pedelec oder E-Bike. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Das

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