Die Lebensader des Südens, die Rhône, wird uns die kommenden Tage begleiten. Am Fluss radeln wir durch kleine Dörfer, Obstplantagen und Weingärten. Wir besuchen Avignon, die Stadt der Päpste, und Arles, das Tor zur Camargue, Stadt des Stierkampfs und Vincent van Goghs. Stellenweise bekommen wir Unterstützung vom Mistral und “fliegen” buchstäblich auf unseren eBikes durch die Landschaften.

Avignon: Die Stadt der Päpste

Gut gelaunt haben wir uns am dritten Tag nach einem opulenten Frühstück auf den Sattel geschwungen, einen gut bestückten Markt besucht und genießen mittags mit Blick auf den Papst-Palast und die Brücke von Avignon ein leckeres Picknick, das Pit, einer unserer beiden Guides von „Die Landpartie“ vorbereitet hat. In der einstigen Welthauptstadt des Christentums steht eine der berühmtesten Brücken, die Pont Saint-Bénézet aus dem 12. Jahrhundert. Bekannt wurde das Bauwerk, das die wie ein abgebrochener Arm vom Dom-Felsen in die Rhône ragt, besonders durch das französische Volkslied „Sur le Pont d’Avignon, l‘on y danse“ aus dem 15. Jahrhundert. Vermutlich hat nie jemand auf dieser Brücke getanzt, aber auf der darunter liegenden Insel gab es damals Jahrmärkte und Vergnügungsviertel.

Höhepunkt des Tages ist der Besuch des Papst-Palastes aus dem 14. Jahrhundert. Vom Aussichtpunkt in den Dom-Gartenanlagen haben wir einen guten Blick auf den Marktplatz, die legendäre Brücke und das gegenüberliegende Villeneuve-les-Avignon, die Stadt des französischen Königs mit dem Fort Saint-André – ein mittelalterlicher Festungsbau. Von 1309 bis 1415 dauerte die Herrschaft der Päpste in Avignon, die erst mit dem Konzil von Konstanz endete; bis heute ist Avignon Bischofssitz.

Beim Stadtbummel schauen wir uns auch die mittelalterliche Stadtmauer an, eine der besterhaltensten Frankreichs, sowie das repräsentative Rathaus und das Theater aus dem 19. Jahrhundert. Noch einmal geht‘s aufs Fahrrad. Zwölf Kilometer sind es bis zu unserem idyllischen Landhotel „Le Moulin D’Aure“, das in einem Olivenhain liegt. Hier verwöhnen uns unsere Gastgeber beim Dinner mit der marktfrischen Küche der Provence.

Meisterwerk römischer Architektur

Tag vier unserer Radtour: Ein stolzer, bunter Hahn schreitet durch den Olivenhain, während wir beim Frühstück auf der Hotel-Terrasse das unvergleichliche Licht des Südens und die warmen Sonnenstrahlen des Herbstes genießen. Der Pont du Gard (die Gard-Brücke), der über den Fluss Gardon führt, ist unser Tagesziel. Doch zuvor radeln wir durch die graziöse und nach Kräutern duftende Montagnette – ein kleiner Höhenzug – zur Abtei Notre-Dame Saint-Michel de Frigolet. Im 12. Jahrhundert diente das Kloster als Erholungsort für die Mönche von Montmajour, heute lebt hier nur noch ein halbes Dutzend. In der Klosterschule verweilte einst auch der Dichter und Literatur-Nobelpreisträger Frédéric Mistral, der in die Vorhalle lyrische Worte eingravieren ließ. Nach 55 Kilometern haben wir am späten Nachmittag unser Ziel erreicht: den Pont du Gard, das fast 50 Meter hohe und 272 Meter lange Aquädukt, über das Nîmes in der gallisch-römischen Zeit mit Frischwasser versorgt wurde. Die schönste Art, sich dem Pont du Gard anzunähern, ist allerdings eine Kanufahrt.

Fliegen mit dem Mistral

Am nächsten Morgen „fliegen“ wir mit dem Mistral im Rücken nach Montfrin, wo ein sensationeller, kürzlich eröffneter Radweg beginnt: Die ehemalige, geteerte Eisenbahntrasse führt uns durch beleuchtete Tunnel, fruchtbare Rhône-Ebenen und die von Kräutern und Sträuchern bewachsene Garrigue zur Höhlenabtei St. Roman, einem Felsenkloster aus dem 5. Jahrhundert – ein einzigartiges Monument der Provence. Eine steile Wendeltreppe führt zu den Schlafzellen und aufs Plateau, von wo wir einen fantastischen 360-Grad-Blick auf Rhône-Landschaft und Alpillen, die letzten Erhebungen der Alpenkette, haben. Unten wartet schon Pit auf uns – mit einem herrlichen Picknick unter Pinien. Gut gestärkt machen wir uns auf den Weg nach Arles, der Stadt Vincent van Goghs, die Stadt des Stierkampfs und das Tor zur Camargue. Dort trennt sich der Fluss in Grand und Petit Rhône und entfaltet sich zu einem breiten Delta bis ans Mittelmeer.

Vincent van Goghs Vermächtnis

Weil die Straßen in Arles sehr schmal sind, rät unser Guide Florian uns aus Sicherheitsgründen zur „Schildkrötenformation“. Zwei bis drei Radler fahren nebeneinander, sodass die Autos nicht überholen können. Sobald die Umstände es zu lassen, löst sich die Formation auf und wir radeln wieder brav hintereinander. Beim Stadtbummel zeigt uns Fremdenführerin Martina die Kirche Saint Trophime, die ein bemerkenswertes romanisches Portal besitzt. Ganz in der Nähe liegt das ehemalige „Hotel Dieu“ (Krankenhaus), in dem van Gogh 1888 behandelt wurde, nachdem er sich ein Ohrläppchen abgeschnitten hatte. Das weiß-gelbe Haus, sieht heute noch aus wie zu van Goghs Zeiten. Über 300 Bilder hat der Künstler in den 15 Monaten in Arles gemalt, verkauft hat er nur eins, den „Roten Weinberg“.

„Während seine Aufenthalts in Arles explodierten die Farben“, erzählt Martina. „Niemand zuvor hat in seinen Bildern so ein leuchtendes Gelb erreicht.“ Das gilt auch für das berühmte Bild „Café la Nuit“, dessen originales Vorbild wir auf dem Rundgang am Place du Forum besichtigen. Dort steht auch die Statue des Dichters Frédéric Mistral. Die zweitausend Jahre alte Arena und das antike Theater bieten bei Stierkämpfen und Konzerten fast über 20.000 Zuschauern Platz. „Im Gegensatz zum spanischen Stierkampf ist der provenzalische unblutig“, sagt Martina. „Der Rasateur (Torero) muss mit einem Stock dem schwarzen Stier Ringe von den Hörnern reißen. Das Tier verlässt die Arena lebend.“ Am nächsten Morgen werden wir vor den Toren der Stadt eine Herde der muskulären schwarzen Stiere aus der Nähe betrachten können.

> Teil 1 der Reise: Fliegen mit dem Mistral
> Teil 3 der Reise: Camargue-im Reich der rosa Flamingos

Reise-Infos in Kürze

Die geführten Radreisen von „Die Landpartie“ (www.dieLandpartie.de ) folgen nicht ausgeschilderten Radwegen. Streckenwahl, Begegnungen, Hotels, Besichtigungen und Führungen sind gut aufeinander abgestimmt. Ein Reiseleiter per Rad sowie einer im Begleitfahrzeug sorgen für den Gepäckservice und das Mittagspicknick. Der Oldenburger Veranstalter bietet auch individuelle Radreisen, geführte Wanderradreisen und Silvesterreisen an. Tel: 0441/ 5706830

Reiseliteratur: Reise-Handbuch „Provence Côte d’Azur“, Dumont, 456 Seiten, 22.95 Euro

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung