Ente auf Entdeckertour und andere Gaumenfreuden
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Kreative Köche, raffinierte Gerichte, winterliche Hotelgemütlichkeit und Reisen zwischen den Meeren – all das vereint das Schleswig-Holstein Gourmet Festival (SHGF). Der Klassiker im Norden verführt inzwischen auch ein junges Publikum.

Schleswig-Holstein Gourmet Festival: Sterneküche ohne Berührungsängste

Wie läuft ein Gourmetfestival eigentlich ab? Das älteste Festival seiner Art in Deutschland ist das Schleswig-Holstein Gourmet-Festival, das in diesem Jahr zum 33. Mal die winterliche Gastro-Szene zwischen Nord- und Ostsee aufmischt. Jedes Jahr entdecken neben treuem Stammpublikum viele neue Gäste die Schlemmerevents der Sonderklasse für sich – diesmal auch ich, bei einer Festivalveranstaltung im Friederikenhof bei Lübeck. Mein Abend mit dem „bayrischen Dänen“ Rainer Gassner, einem Sternekoch aus Fredericia in Dänemark, beginnt vielversprechend: In dem gemütlichen Gutshof aus dem 17. Jahrhundert treffen sich rund sechzig auf den Abend gespannte Gäste bei Champagner und Weizenbier zunächst im Pesel, der ostfriesischen guten Stube. Der Mix aus Besuchern aus der Region und von weit hergereist, von jungen und älteren sorgt für Stimmung im Restaurant. Berührungsängste, wie sie in manchem Sterne-Restaurant durchaus aufkommen mögen, hat hier keiner.

Wie viele andere bin auch ich zu der Koch-Gala mit Wochenendköfferchen angereist, nach dem Dinner übernachte ich im Ringhotel Friederikenhof, mit seinem provenzalischen Flair an der Ostsee an diesem Abend Gastgeber des Events. Das Schleswig-Holstein Gourmet Festival mit 36 Veranstaltungen und 19 Spitzenköchen in diesem Jahr funktioniert so, dass die Köche jeweils in einem der 15 beteiligten Betrieben in fremder Küche mit dem dortigen Team aufkochen. „Die Verbindung von hochkarätiger Küche mit norddeutschen Landlocations macht einen Reiz des Festivals aus“, erklärt mir Susanne Plaß, Sprecherin des SHGF. Und dann kommt schon der „warme Tee“ unseres heutigen Star-Kochs Rainer Gassner auf den Tisch – eine Kräuterconsommé aus dem Teekännchen mit Topinambur, Aromaäpfeln, Thymian, Liebstöckl und Sellerie auf Sellerie-Öl. Die Kännchen-Idee ist auf jeden Fall nachahmenswert!

Ein Abend mit Sterne-Koch Rainer Gassner: etwas Säuerliches, etwas Sprödes, etwas Frisches

Beim Reisen steht das Essen auf der Bewertungsskala ganz oben, neben Hotel und Lage – keine schlechte Idee also, gleich alles miteinander zu verknüpfen, neue Orte sozusagen über den Gaumen kennenzulernen. Rainer Gassner aus Bayern, schon über 15 Jahre sesshaft in Dänemark, war in diesem Jahr erstmals Gastkoch beim Gourmetfestival. Der Patron des Sterne-Restaurants „Ti Trin Ned“ in Lillebaelt, dem größten Naturpark Dänemarks, erklärte mir: „Ich brauche immer etwas Säuerliches, Sprödes und etwas Frisches in den Speisen.“ Ein Knaller dann gleich sein erster Gang – lauter Kohlsorten aus dem eigenen Gemüsegarten. Aber nicht breiig wie aus Omas Küche angerichtet, sondern knackig-verfremdet kamen Sauerkraut, gegrillter Schwarzkohl und gebratener Grünkohl daher, wie versprochen säuerlich und spröde. Später, mit Entenschlegeln, gelang Gassner der nächste Geschmacks-Coup mit Gewürzen aus Nelken, Anis und Zimt und einer Beilage von Rote Beete Ravioli. Zum heimischen Rindroastbeef, auf Holzkohle gegrillt, kredenzte er drei verschiedene Zwiebelpürees. Zum Abschluss ein Pfifferlinge-Eis mit eingelegten Brombeeren – eine gewagte, aber super leckere Dessert-Kombination.

Schon zum Eis mischte sich der eher scheue Herdchampion unter die Gäste, was besonders goutiert wurde: „Wir reisen schon im dritten Jahr zum Gourmetfestival nach Schleswig-Holstein“, verriet ein Ehepaar aus dem Ruhrgebiet, „Sterneköche zum Anfassen gibt’s sonst eigentlich nirgends. Wir lieben den Austausch und manche verraten sogar ihre Rezepte.“ Auch Gassner gab eine geheime Inspiration lächelnd preis: „Spaziergänge mit meiner Frau Mette über unsere Felder, da entdecken wir saisonal, was zusammenpasst und wie man es zubereiten könnte.“ Zu den willigen „Versuchskaninchen“ bei seinem Gastdebüt im Friederikenhof mit viel ländlicher Idylle gehörten auch die neuen Inhaber Brigitte und Johann Schulke, die das in der Region wohlbekannte Anwesen mit 30 Zimmern und zwei Restaurants am Elbe-Lübeck-Kanal kürzlich übernommen haben. Der ansässige, populäre Küchenchef Dirk Werner mit seinen „Feinheimisch“-Gerichten unterstützte Gassner.

Leckere „Extrawürste“ für junge Foodies und Alleinreisende

Vier Gänge in drei Restaurants, dazwischen winterliche Landschaften, gemeinsame Transfers und das alles an einem Tag – das ist das inzwischen erprobte Mobil-Konzept der „Tour de Gourmet Jeunesse“. Es ist eine Art kulinarischer Extrawurst für junge Feinschmecker beim Schleswig-Holstein Gourmet Festival. „Viele Köche sind heute jung“, erklärt SHGF-Sprecherin Susanne Plaß, „und ihre Gäste genauso.“ Bei den lockeren Road-Trips inklusive Bustransfers für Gäste zwischen 18 und 35 Jahren hagelt’s „Geschmacks-Eindrücke unterschiedlicher Küchen“ am laufenden Band. Nachfragen und Öko-Bewusstsein sind ausdrücklich erwünscht. Diesmal geht’s am 11. Januar 2020 im Park Hotel Ahrensburg mit Küchenchef Christian Stockmann los, weiter zur “Wulksfelde“-Gutsküche des Ehepaars Gfrörer in Tangstedt und zum Dessert ins Ringhotel Friederikenhof. Übernachtungsmöglichkeiten gibt’s in zwei Hotels. – Wer nicht mehr ganz so jung, dafür aber Single ist, kommt bei der „Tour de Gourmet Solitaire“ für Alleinreisende ab 40 Jahren zum Saisonabschluss am 8. März 2020 auf seine Kosten.

Feinschmeckerland zwischen den Meeren

Gischt und Dünen, sattgrüne Wiesen und Deiche. Ein einsamer Strand, der Schein eines Leuchtturms durch winterlichen Nebel. Von Sylt bis zum Timmendorfer Strand, von Sankt Peter-Ording bis Reinbek reicht die raue Idylle des norddeutschen Feinschmeckerlandes. 50 Restaurants zwischen Nord- und Ostsee zählen inzwischen zur Oberliga, drei davon mit zwei Michelin-Sternen und zehn mit einem. Das Schleswig-Holstein Gourmet Festival begreift sich wohl zu Recht als “Geschmacksverstärker” für den hohen Norden: 1987, als kulinarischer Zusatzservice des berühmten Musikfestivals in derselben Region von der Kooperation „Gastliches Wikingland“ gegründet, lädt es alljährlich nationale und europäische Starköche ein.

Dazu gehört schon als Stammkoch Deutschlands bester Chef, Harald Wohlfahrt, die Berliner Sterneköchin Sonja Frühsammer (eine von vier weiblichen Chefs in 2019/2020) und Köche aus Skandinavien, Frankreich, Österreich und der Schweiz. „Netzwerken, Austausch und kulinarische Horizont-Erweiterung“, nennt Wikinger-Präsident Klaus-Peter Willhöft als Antrieb des Festivals, das den Winter-Tourismus im Norden Deutschlands „entscheidend mit angekurbelt“ habe. Auch an neuen Ideen mangelt’s den Veranstaltern offensichtlich nicht: Zum zweiten Mal gab’s in dieser Saison ein Feinschmecker-Insel-Hopping von Amrum nach Sylt und zurück – mit Frühstück, Bootsfahrt, Austern und Dinner ein kompletter Gourmettag.

REISE-INFORMATIONEN Schleswig-Holstein Gourmet Festival (SHGF)

Zeitraum: immer September bis März, in 2020 bis 8. März
Preise: für die einzelnen Veranstaltungen zwischen 95 und 185 Euro inkl. Menü und Getränke. Teilnehmende Restaurants und Hotels bieten Übernachtungen an.
Infos und Buchung: www.gourmetfestival.de


Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.
Andrea Tapper
Andrea Tapper kann es als Journalistin gar nicht weit genug sein, doch auch aus Europa berichtet sie gerne. Als Jungredakteurin durchquerte sie Afrika mit einem Ford Transit Minibus, der Trip von Düsseldorf nach Nairobi dauerte ein Jahr. Heute berichtet die Hamburger Reporterin für Tageszeitungen und Frauenzeitschriften aus aller Welt – ihr Herz aber hat sie an Sansibar verloren, wo sie ein Büro unterhält.

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