Wintersport in einem Tal, das ein halbes Jahr kein Sonnenlicht sieht? Kein schöner Gedanke. Noch weniger schön ist es aber, gleich sieben Monate ohne Sonne zu leben. Daher haben die Einwohner von Rjukan seit jeher eine ganz besondere Beziehung zum Licht und sich ganz verschiedene und ganz besondere Wege an die Sonne gesucht. Unser Autor war vor Ort und hat mitgefunden.

Berge, Schnee, Eis – eigentlich hatte das Städtchen Rjukan in der norwegischen Region Telemark schon immer alles, was sich Winterurlauber wünschen. Nur mit der Sonne war es in der Vergangenheit schwierig. Gleich sieben Monate erreichte kein Sonnenstrahl das von Bergen umschlossene Tal. Seit einem Jahr sorgen drei Spiegel spektakulär für Abhilfe. Außer für Licht sollen sie auch für einen touristischen Schub sorgen und bei der Anerkennung als Weltkulturerbe durch die Unesco im kommenden Jahr helfen.

Seine erste Blütezeit erlebte Rjukan Anfang des 20. Jahrhunderts, als der kleine Ort zum führenden Industriestandort Skandinaviens wird. In wenigen Jahren explodiert die Zahl der Einwohner von 300 auf 10.000 und „Norsk Hydro“ betreibt in dem abgeschiedenen Tal mit der Kraft des Wassers aus dem Fjäll das größte Kraftwerk der Welt. Von zahlreichen großen Plänen des Industriellen Sam Eyde, Gründer von Norsk Hydro, sind die Spiegel, am Ende die einzigen nicht realisierten.

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Ein Geschenk an die Einwohner Rjukans: Die historische Krossobanen fährt seit 1928 aus dem dunkeln Talgrund an die Sonne. Fotos: Stefan Schwenke

Die Seilbahn zur Sonne

So sind Skifahrer in der winterlichen Telemark in der Krossobanen, 1928 die erste Drahtseilbahn Nordeuropas, auf historischen Spuren unterwegs. Die Bahn war damals ein Geschenk an die Einwohner Rjukans, um auch im Winterhalbjahr ins Sonnenlicht zu kommen. Im Sommer wie Winter ist die Bergstation heute Ausgangspunkt für Touren auf die Hochebene Hardangervidda – ein ganzer Fuhrpark von Schneemobilen, die neben dem Bergrestaurant parken, zeugt von der Bedeutung der Bahn bis heute.

Wer von Rjukan aus mit dem Auto an die Sonne will, landet entweder im Gaustablikk Skisenter mit seinen 34 Kilometer Pisten, geöffnet von November bis Ende April, oder auf der Reichsstraße 37 Richtung Westen bei Erik Øgarden im Hardangervidda Nationalparkcenter, das über das wohl grandioseste Aussichts-Café von ganz Südnorwegen verfügt. Mit etwas Glück, kann der Biologe die Rentiere direkt aus seinem Büro hoch über dem Møsvatn beobachten. Im Sommer verkehrt sogar ein Schiff auf dem See, im Winter muss, wer ans andere Ufer will, mit Schneeschuhen oder Skiern rüberstapfen – und im Gegensatz zum tief eingeschnittenen Mâna-Tal, an dessen Grund Rjukan liegt, stellt sich hier oben kein Berg mehr der Sonne in den Weg.

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Winterstimmung am Møsvatn: Mit etwas Glück kann man Rentiere sogar direkt aus dem warmen Hardangervidda Nationalparkcenter beobachten.

Viel Wasser und Winter, wenig Licht: Perfekt für Eiskletterer

Viel Wasser, viel Winter und wenig Sonne haben das Tal dagegen in der jüngeren Vergangenheit zu einem Eldorado für Eiskletterer gemacht, die in André Trondsen nicht nur einen absoluten Experten für die gut 200 Wasserfälle der Region, sondern in seinem Hostel „Climb Inn“ auch gleich die passende Unterkunft und Gleichgesinnte finden. Höhepunkt der Saison ist das „Rjukan Ice Festival“, in diesem Jahr vom 20. bis 22. Februar, das alljährlich hunderte Extremsportler in das abgelegene Tal lockt.

Skifahrer und Freerider schwören seit 2004 auf einen anderen Hotspot: Die 1959 eröffnete Gaustabahn, die unterirdisch zum Gipfel des 1883 Meter hohen Gipfel des Gaustatoppen führt. Das von der NATO finanzierte Projekt am höchsten Berg der Region Telemark war fast ein halbes Jahrhundert so geheim, dass es bis heute in kaum einer Landkarte verzeichnet ist. Im Kalten Krieg war der Gaustatoppen durch seine strategische Lage eine wichtige Funk- und Radarstation der Militärs. Erst seit einigen Jahren sind die für eine Million Dollar in den Berg getriebenen Stollen nicht mehr ganz so geheim. Seitdem können auch Touristen mit der einfachen U-Bahn bis kurz unter den Gipfel fahren.

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Streng geheim: Die Gaustabahn war Teil eines NATO-Projektes – bis heute ist die unterirdische Bergbahn in kaum einer Karte verzeichnet.

Skifahrer dürfen jetzt auch die «Nato-U-Bahn» nutzen

Mit dem ersten Teil der „Geheimbahn“ geht es auf rumpeligen Schienen fast einen Kilometer horizontal in den Berg, dann übernimmt eine etwas herunter gekommene kleine Standseilbahn den Transport. Der Sonnenschein und das Ziel von Freeriders Träumen liegt schließlich 650 Meter höher am Ende eines weiteren Stollens hinter einer dicken Stahltür, an der ein überdimensionales Schild darauf hinweist, dass sich Bergsteiger und Skifahrer außerhalb der Tür „Off-Pist“ und auf eigene Gefahr bewegen.

Der Gaustatoppen ist steil und spektakulär und bei Freeridern entsprechend beliebt. Aber auch ohne Ski lohnt sich eine Fahrt mit der Berg-U-Bahn: Bei guter Sicht lässt sich vom Gipfel ein Sechstel Norwegens überblicken – von der schwedischen Grenze im Osten bis zum Meer im Süden.

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Antrieb: Der Maschinenraum der Gaustabahn liegt im Gipfel des gleichnamigen Berges.

[tabs][tab title=Informationen]Umfangreiche Informationen zu Rjukan inklusive Anreisehinweisen zum 180 Kilometer westlich von Oslo gelegenen Städtchen gibt es unter www.visitnorway.com (auch in deutscher Sprache) im Netz. Die Gaustabahn (www.gaustabanen.no) fährt vom 15. Februar bis 2. März sowie vom 13. bis 21. April, die Krossobanen (www.krossobanen.no) fährt täglich. Wer auch im Winter Sonne sehen möchte, übernachtet im Gaustablikk Høyfjellshotell (www.gaustablikk.no) nur 50 Meter vom Skigebiet oder im Skinnarbu Høyfjell Hotel Hotel (www.skinnarbu.no) mit Blick auf den See Møsvatn.[/tab][/tabs]

Hinweis: Der Autor wurde von Visit Norway und VisitRjukan auf diese Reise eingeladen. In diesm Zusammenhang wird auf die Leitlinie der journalistischen Unabhängigkeit bei BREITENGRAD53 hingewiesen.