Treffpunkt 8 Uhr. „Ausgeschlafen? Gut gefrühstückt?“, will Reiseleiterin Anja von den Mitgliedern der kleinen Gruppe von abenteuerbereiten Touristen wissen, die sich pünktlich am Hoteleingang eingefunden hat. „Na klar“, kommt es wie aus einem Munde zurück. Alle freuen sich auf einen Tag, der verspricht, etwas anders zu verlaufen. Ein bisschen sportlich soll es werden, hoffentlich spannend und auch ein wenig mystisch. Und ein Tag, an dem die Sonne ausnahmsweise mal nicht die Hauptrolle spielen wird. Ein Urlaub an der mexikanischen Karibikküste muss sich schließlich nicht nur auf das Relaxen an den Traumküsten von Playa del Carmen und das Eintauchen in die auch in den Wintermonaten nie unter 25 Grad sinkenden Meeresfluten beschränken.

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Das Ziel heißt „Rio Secreto“. Der geheime Fluss also, der bis 2007 der Öffentlichkeit verschlossen war. Zunächst aber gilt es während einer knapp halbstündigen Fahrt im Kleinbus auf der Küstenstraße Riviera Maya, die Nase ein wenig in den Wind zu halten und die Aussicht auf Felder und üppige Vegetation zu genießen. Anja erzählt derweil davon, dass es sich beim Rio Secreto um sogenannte „Cenoten“, mit Wasser gefüllte Höhlen handelt, die in der Regel von professionellen Tauchern erkundet werden, und Teil eines riesigen Netzes ist, das aus insgesamt 580 Kilometern unterirdischer Flüsse besteht. Ein Naturphänomen, das große Bedeutung für die Kultur der Maya hatte. Hört sich schon mal sehr aufregend an.

Einfahrt ins Naturreservat. Auf unwegsamem Gelände geht es etwa sieben Kilometer durch den dschungelhaften Mangrovenwald. „Ihr seht unglaublich viele Orchideen und unzählige Schmetterlinge. Man darf aber auch nicht vergessen, dass in diesem Areal auch große Raubkatzen wie Jaguar und Puma leben, Tapire, Brüll- und Klammeraffen – und 48 verschiedene Schlangenarten. Gerade im Frühjahr, wenn das Laub noch am Boden liegt, ist es sehr gefährlich, hier durchzulaufen“, erzählt Anja ohne mit der Wimper zu zucken. Gut zu wissen. Das Zusammentreffen mit der „Zigarettenschlange“, nach deren Biss man im dümmsten Fall nur noch eine Zigarettenlänge zu leben habe, erspart man sich doch gerne.

Erst duschen, dann rein in den Rio Secreto

Jetzt aber raus aus dem Bus und rein in die Neoprenanzüge. Aber vorher erstmal duschen. Makeup, Sonnencremes und die Überreste von Mückensprays sind im Rio Secreto aus nachvollziehbaren Gründen nämlich unerwünscht. Die siebenköpfige Gruppe wird von Guide Nico schon erwartet. Ein Münchner, der auf der Halbinsel Yucatan seinen beruflichen Traum zu leben scheint. Spezielle Schuhe, ein Helm mit Stirnlampe, eine Schwimmweste – o.k. Aber außerdem noch ein stabiler Stock? Ist hier jemand fußkrank? Muss das wirklich sein? „Den braucht ihr, um auf dem unebenen und nassen Gelände den nötigen Halt zu haben, aber auch dafür, um die Wassertiefe für den nächsten Schritt abschätzen zu können“, sagt Nico. Verstanden. Ein kleiner Fußmarsch. Komisch, aber nach den vorhin von Anja gehörten mahnenden Worten ist der Blick wie selbstverständlich auf den Boden gerichtet. „Übrigens habe ich den schönsten Beruf der Welt“, kommt Nico währenddessen ein wenig ins Schwärmen. „Wenn man die Natur, das Ökosystem und ganz besonders das unterirdische Labyrinth, das ihr gleich durchwandern dürft, liebt, dann ist man hier genau an der richtigen Adresse.“

Dann ist der Eingang erreicht. Nochmals kurze Einweisung in die Gerätschaften und auf das, was man erwarten darf. Das Berühren der jahrtausendealten Stalagmiten und Stalaktiten ist in jedem Fall verboten. „Ihr seid auch gut beraten, immer in meiner Nähe zu bleiben. In diesem Labyrinth mit seinen vielen Verästelungen hat der ungeübte Besucher trotz einiger Markierungen keine Chance, sich allein zurecht zu finden“, erklärt Nico und fügt augenzwinkernd hinzu: „Ich habe auf dieser Tour zwar noch nie jemand verloren – aber man weiß ja nie.“ Also Augen auf und auch auf den Schutz der Gruppe vertrauen.



Ohne Helmlampen geht bald nichts mehr

Es geht abwärts. Es geht in die Unterwelt der Maya. Ein stufenartiger Abstieg und schnell befindet man sich rund zehn Meter unter der Erde. Der Untergrund ist zunächst trocken, später leicht matschig. Dann steht man im Wasser – erst knöchel-, dann knietief. Das Oberlicht wird spärlicher, verschwindet ganz. Ohne Helmlampen geht bald gar nichts mehr. Ein wenig innehalten tut gut. Kein Blick ist wie der andere. Unbeschreiblich schöne Tropfsteinformen von oben oder von unten. Eine bizarre unterirdische Felsenlandschaft. Fossilien an den Wänden zeugen von einer Geschichte, die in vielem noch unerforscht ist. Übergänge von einer Höhle in die andere. Schmale Pfade. Es gilt, jeden Schritt bewusst zu setzen. „Vorsicht, nicht den Kopf anstoßen.“ Auch Kratzer an Armen und Beinen kann man sich hier leicht holen. Nach oben, nach unten, kreuz und quer. Jetzt reicht das Wasser bis zu den Schultern. Schwimmen im kristallklaren, etwa 24 Grad warmen Wasser, das stark kalkhaltig ist und sich dennoch auf der Haut angenehm weich anfühlt. Ein phantastisches, sinnliches Erlebnis.

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Mal sind die Durchgänge schmal, mal sehr niedrig, mal ist gebücktes Gehen angesagt, mal klettern, mal durchs Wasser waten. Der anfangs fast verschmähte Stock leistet jetzt gute Dienste. An Felsenwänden erkennt man schlafende Fledermäuse und sieht ein paar kleine Fische, auch so etwas wie Glühwürmchen. Andere Menschen? Fehlanzeige. Jetzt machen alle ihre Stirnlampen aus. Eine unglaubliche Stille und eine mystische Dunkelheit, die man so noch nicht erlebt hat. Verharren und sich bewusstwerden, dass man sich an heiligen, unantastbaren Orten befindet. Nur ein paar Minuten und doch Momente für die Ewigkeit, so scheint es.

Gut zwei Stunden sind vorbei. Fast zu schnell. Rund zwei Kilometer sind durchwandert und durchschwommen. Rückkehr ins Irdische und Oberirdische, Rückkehr zum Licht der Sonne. Ein Ausflug, der alles gehalten hat, was man sich versprechen durfte. Mehr als das. Er wird nachwirken, versprochen.

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[toggle title=”Rio Secreto”]Der „Rio Secreto“ umfasst das größte Unterwasser-Flusssystem auf der Halbinsel Yucatan. Es wurde mit dem „World Travel Award“ – dem „Oscar“ der Tourismusindustrie – ausgezeichnet. Es handelt sich hierbei um ein Naturphänomen, das im Laufe der Jahrtausende gewachsen ist und große Bedeutung für die Kultur der Maya hatte. Tägliche Führungen – auch in deutscher Sprache – in kleinen Gruppen. Anfahrt über Playa del Carmen, etwa sechs Kilometer auf dem Highway 307, der Küstenstraße Riviera Maya, entlang. Direktflüge nach Cancun ab mehreren deutschen Flughäfen möglich.[/toggle]

Hinweis: Wir danken dem Reiseveranstalter Alltours für die freundliche Einladung!