[dropcapss]H[/dropcapss]ier riecht es gut! Ein bisschen nach Tannen und nach Kräutern der Provence.” Meine ersten Worte auf der Insel Rhodos kurz nach der Landung auf dem Flughafen Diagoras lassen meinen Gastgeber schmunzeln: “Das sagt fast jeder, der das erste Mal hier ist. Rhodos hat ein eigenes Aroma. Würzig, frisch, mit einer Prise Salz.”

Lahania - Blick aufs Meer

Sehnsuchtsort Lahania im Süden der Insel mit Blick aufs Meer

Beitrag von Anja SteinbuchGeorg Petras ist ein Sohn der Insel. Der Deutsch-Grieche ist zwar in Stuttgart aufgewachsen, aber sein Herz schlägt hier auf diesem Eiland, das einst der Sonnengott Helios als Geschenk aus den Händen Zeus’ erhielt. 300 Sonnentage im Jahr versprechen Petras und die Reiseveranstalter. Flink brausen wir in knapp 20 Minuten vom Flughafen ins Hotel nach Rhodos-Stadt. Hier wohnt die Hälfte der Insulaner – im Norden des knapp 90 Kilometer langen und 45 Kilometer breiten Eilands. Geschäftiges Treiben auf den Straßen, volle Taxistände, erleuchtete Geschäfte, Restaurants und Cafés sind gut besucht. Auf meine Frage nach der Krise antwortet Petras: “Auf Rhodos hat die Wirtschaftskrise nur wenige wirklich hart getroffen. Weder Tourismus noch Immobilienmarkt haben massive Einbrüche erlitten, als 2010 der Staatsbankrott ausgerufen wurde.”

“Ola kala!” Das heißt soviel wie “alles in Ordnung”. Ja wirklich?

Der Beweis: Mitten in der Rezession hat Petras ein Büro des Maklerunternehmens Engel & Völkers in Rhodos Stadt eröffnet und sich als Franchisenehmer finanziell ins Zeug gelegt. “Viele haben mich damals für verrückt erklärt”, erinnert sich Petras. 2012 kam dann die Regierungskrise, Neuwahlen, Unsicherheit. Keiner wollte Häuser kaufen. Heute klingelt sein Telefon Sturm. Ein Ehepaar aus Süddeutschland bezieht gerade ein Ferienhaus im Süden der Insel. Ein Möbeldesigner aus England hat im Januar eine Villa in Lindos für drei Millionen Euro gekauft. Die Geschäfte laufen gut im Frühjahr 2014. “Das liegt an den gesunden Strukturen auf der Insel”, erklärt Petras. Fast alle Hotels sind in Besitz von griechischen Familien, das heißt, das Geld bleibt hier und der Immobilienmarkt ist nicht durch Investment-Blasen wie in Spanien zerstört worden.

Im Hotel Mediterranean mit Strand- und Meerblick spricht man Griechisch, Englisch und Hebräisch. Zwischen vielen griechischen Gästen sitzen ein paar wetterfest gekleidete Deutsche neben einer Reihe israelischer Familiengesellschaften im Frühstücksraum. Draußen peitschen schäumend Wellen an den weißen Strand. Die israelischen Charterflieger sind die ersten, die im Frühjahr auf Rhodos landen. Dann kommen die Engländer und ab Ostern auch die Deutschen. Von allen großen Flughäfen kann man dann direkt auf die Insel fliegen. In vier Stunden ist man von Deutschland aus da.

Ein Sonnenaufgang weckt mich am ersten Morgen

Ein Sonnenaufgang wie von Helios geschaffen, weckt mich am ersten Morgen. Sieben Uhr – und im Meer plantschen…. Engländer. Sie schwimmen bei 16 Grad Wassertemperatur. Die Luft ist ähnlich warm und weich und würzig. So richtig zum tief einatmen.

Haus auf Rhodos für 50 Cent

Ein Haus auf Rhodos für 50 Cent

Mein erster Stadtrundgang führt mich zum Hafen. Hier soll der Koloss von Rhodos – eine 300 Meter hohe Bronzestatue in der Antike gestanden haben, bis ein Erdbeben das Abbild Helios’ straucheln lies. Historiker bezweifeln das inzwischen und vermuten den einstigen Standort der kolossalen Standbildes eher weiter oben in der Altstadt. Zwei viel zu kleine Hirsche, das Wahrzeichen der Insel, zieren heute auf zwei mächtigen Säulen die Hafeneinfahrt. Hier legen in der Saison die Kreuzfahrer an. Wenn man vom Mandraki-Hafen aus in die Altstadt (UNESCO Weltkulturerbe) geht, stößt man ziemlich schnell auf der rechten Seite auf die Ritterstraße. Im 14. und 15. Jahrhundert hatten die Ordensritter zu beiden Seiten der Gasse die Herbergen für die einzelnen Landsmannschaften. Mehrere der Häuser tragen noch die steinernen Wappen der Landsmannschaften und der verschiedenen Großmeister. In dieser Gasse befindet sich außerdem das Ordenshospital. Hinter dem zweiten Bogen, der die Gasse überspannt, endet die Ritterstraße und man befindet sich auf dem Kleoboulos-Platz. Zur rechten Seite befindet sich dann der Durchgang zum Großmeisterpalast. Dieses Gebäude wurde von den Italienern während der Besatzungszeit vollständig neu aufgebaut, da der ursprüngliche Bau aus dem 14. Jahrhundert einer gewaltigen Explosion im Jahre 1856 zum Opfer fiel (ein vergessenes Pulvermagazin flog in die Luft). Über 800 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Außenmauern entsprechen noch dem mittelalterlichen Stil, innen wurde aber nicht viel Wert auf einen originalgetreuen Nachbau gelegt. Ein Besuch lohnt trotzdem, denn es gibt viele Bodenmosaike (hauptsächlich von der Insel Kos) zu bewundern.

Eine griechisch-orthodoxe Hochzeit empfängt mich auf dem Kirchenvorplatz

Der Palast ist in der Vorsaison geschlossen, aber die Großmeisterliche Kirche an der Strandpromenade ist offen. Lautes Hupen empfängt mich auf dem Kirchenvorplatz. Eine Hochzeit. Eine griechisch-orthodoxe Hochzeit. Das Gotteshaus hat alle Schleusen geöffnet und flutet seine Insassen mit Kronleuchtern, Ikonen, Gold, Brokat und funkelnden Gemälden. Ein Pater empfängt die Hochzeitsgesellschaft mit sakralen Gesängen und Gebeten. Mehr als 100 Menschen haben sich versammelt, um dem Spektakel beizuwohnen. Ein Kamerateam mit Licht und Mikrofon dokumentiert das Geschehen vor dem Altar. Nach einer knappen Stunde frage ich meinen Nachbarn im Gang, wie lange das wohl noch so geht. “Eine halbe Stunde brauchen die noch”, sagt mir der Freund des Bräutigams. Es sei heute nur die kleine Feier geplant für Familie und engste Freunde. Was machen die Griechen dann für die Maxi-Version?

Hochzeit auf Rhodos

Hochzeit auf Rhodos

Berauscht von der opulenten Andacht stärke ich mit im Koykos. Das heißt Kuckuck und ist der Name einer Taverne im Zentrum von Rhodos Stadt – ein Lokal das immer voll ist. Sogar in der Vorsaison. Traditionelle griechische Fleisch- und Fischgerichte sowie Gebäck und guter Kaffee sind die Spezialitäten des Restaurants, das nebenbei eine kleine Ausstellung der Telekommunikation zeigt. Steckverbindungen und alte mechanische Telefone zieren den Empfangsbereich. Draußen prangt eine überdimensionale Kuckucksuhr. “In den Bergen im Landesinneren der Insel ist es wie in Tirol”, sagte mir ein Griechenlandfan vor meiner Reise und ich lächelte damals nur ungläubig: “Klar, Tirol mitten in der Ägäis.” Doch tatsächlich eröffnet sich jenseits der kilometerlangen Strände ein Gebirge bis in die 1000er Grenze. Serpentinenstraßen führen zu urigen Ausflugslokalen und Gebirgsbäche plätschern eifrig. Sie versorgen Rhodos und zwei Nachbarinseln mit Trinkwasser.

Rhodos ist mit 1.400 Quadratmetern die viertgrößte Insel Griechenlands

Rhodos ist mit 1.400 Quadratmetern die viertgrößte Insel Griechenlands und Hauptinsel der griechischen Inselgruppe Dodekanes in der Südost-Ägäis. Nach der Volkszählung von 2011 hatte die Insel 115.490 Einwohner, davon fast die Hälfte in der Stadt Rhodos, dem Hauptort und touristischen Zentrum im Norden der Insel. Schätzungen zufolge kommen auf das Jahr verteilt zwei Millionen Touristen auf die Insel.

Anja Steinbuch auf Rhodos

Anja Steinbuch in Lahania

Die Landschaft von Rhodos ist insbesondere im Inneren sehr gebirgig. Die höchsten Erhebungen sind der Attavyros mit 1215 Meter über dem Meer sowie der Akramitis mit 825 Meter über dem Meer. Die bis an die Küsten reichenden Berge fallen meist steil zum Meer ab. Der Süd- und Nordteil der Insel sind deutlich flacher. Das Südende der Insel geht in die Halbinsel Prasonisi über.

Der nächste Tag führt mich gen Süden. Das Dorf Koskinou ist nur fünf Kilometer von Rhodos Stadt entfernt, liegt leicht erhöht und eröffnet einige malerische Blicke auf das Meer. Yiorgros Stavridis hat hier mit seiner holländischen Frau ein paar hübsche Stadthäuser saniert, restauriert und vermietet sie an Deutsche und Skandinavier. “Hauptsächlich Stammgäste kommen hierher und suchen Ruhe und die Geborgenheit in einem griechischen Dorf”, erzählt Stavridis. Seine Häuser sind für diesen Sommer bereits ausgebucht.

Über Faliraki dem so genannten Ballermann von Rhodos, der allerdings sehr gemäßigt scheint, geht es über Lardos, wo übrigens Hans.W Geisendörfer, der Erfinder der Fernsehserie Lindenstraße, seit 30 Jahren mit seiner Familie lebt, geht es über Lindos, die unverwechselbaren Schönheit an der Akropolis, über Pefkos und Vlicha, wo die Schönen und Reichen urlauben, nach Lahania. Hier haben sich viele deutsche Auswanderer niedergelassen. Viele Künstler leben hier. Maler schätzen das Licht, die Farben. Alles ist intensiver als auf dem Festland.

Mein Ziel ist ein Ort zu dem es keine Straßenschilder gibt, von wo aus man einen Blick über den ganzen Süden der Insel hat. Auch einen Namen hat dieser Ort noch nicht. Ein Ehepaar aus Süddeutschland hat das im traditionellen Stil errichtete Anwesen einer Engländerin abgekauft und pflanzt hier Olivenbäume. Ein echter Platz an der Sonne. Der Süden der Insel ist ein Surferparadies. Wind- und Kitesurfing ist hier Pflichtprogramm

Der Süden der Insel ist ein Surferparadies

Hafeneinfahrt von Rhodos. Hier soll der Koloss von Rhodos gestanden haben.

Mit dem Auto geht es zurück gen Norden nach Rhodos-Stadt. Eine Stunde Schnellstraße und ich stehe wieder vor der Stadtmauer. Im Ta Kioupia stärke ich mich am Kamin mit traditionellen Köstlichkeiten wie Lamm mit Oregano gegrillt und köstlichem Pitabrot und gutem Wein. Viel frischer Salat mit Oliven darf nicht fehlen.  Das Lokal wird in zweiter Generation geführt und ist ein echter Geheimtipp. Gäste sind meist Einheimische nur wenige Touristen finden die Menekleous Straße 22 im Herzen der Altstadt. Ein Wochenende auf Rhodos ist Urlaub für Geist und Sinne – für alle? Marianna Minou verkauft am Hafen Lebensmittel, Kräuter und Souvenirs. Wir kommen ins Gespräch. Sie hat drei Jobs. Ihr Mann hat das Geschäft von seinem Vater übernommen. Dann kam die Krise. Von ihrem Schulleiterinnengehalt konnte sie die Familie nicht mehr ernähren. Sie nahm Lehraufträge an der Uni an. Am Wochenende hilft sie ihrem Mann im Laden, damit er sich nachmittags hinlegen kann. Morgens früh ist er auf dem Großmarkt. Das hört sich anstrengend an. “Viele Geschäfte in der Stadt sind leer”, erzählt Minou. Das war vor der Krise anders. “Hohe Steuern und niedrige Löhne zwingen viele in die Knie.” Doch in Rhodos soll es wieder aufwärts gehen: Die Marina soll bald fertig werden, und Segler und Yachtbesitzer anlocken. Kreuzfahrer bringen schubweise Touristenscharen. Die Bürokratie, zum Beispiel, um ein Geschäft zu eröffnen, wurde abgebaut. Die Grunderwerbssteuer von zehn auf drei Prozent gesenkt. Das macht Immobilienkäufe günstiger.

Am Flughafen werden die Ryanair-Schilder in Position gebracht. Massentourismus ist für Rhodos keine Lösung, aber ein Weg, um eine Marke zu werden, ein Sehnsuchtsort mit Aroma wie Sylt, Mallorca, oder Tirol – von allem etwas.