Was fällt einem zu Jamaika ein? Reggae und Bob Marley natürlich, Sonne und Strand. Außerdem Laufwunder wie Usain Bolt. Und natürlich nicht zu vergessen das grasgrüne Kraut fürs Hochgefühl. Beim kunterbunten Reggae-Marathon gibt sich (fast) alles ein Stelldichein. Hochgefühle sogar ganz legal.

Zeitig raus aus den Federn zum Marathon

„Get up, stand up“ tönt es in Partylautstärke aus den Boxen. Passt. Wer beim Reggae-Marathon dabei sein will, muss zeitig raus aus den Federn. Die Nacht ist noch pechschwarz, als die Veranstalter die Musikanlage und das Flutlicht anschmeißen, um Läufer und Zuschauer in den Startbereich entlang von Long Bay Beach zu lotsen.

Get up, stand up. Nun, der berühmte Reggae-Hit von Bob Marley und Peter Tosh fordert in der Tat dazu auf, sich zu erheben. Aber vielmehr, um zivilen Widerstand zu leisten. An diesem frühen Sonntagmorgen in Negril, Jamaika, aber geht es im weiteren Sinne auch darum sich aufzulehnen. Nämlich gegen den inneren Schweinehund. Denn ohne Fleiß kein Preis. Der Preis, die Belohnung, ist das endorphingeschwängerte, rauschähnliche Hochgefühl beim Langstreckenlaufen. Das runner‘s high. Runner’s high oder runners high? Nicht nur für Jogger, Marathonläufer, Anglizisten und Apostrophenfetischisten ein kleiner aber feiner Unterschied. Der Strich macht’s.

Das Rauchen von Marihuana gleicht einem rituellen und religiösen Akt

Gegen den Strich geht nicht wenigen Jamaikanern das Klischee über ihre Insel als Eldorado für diverse Rauchwaren aus Hanf. Mitverantwortlich dafür ist die auf Jamaika weit verbreitete Rastafari-Kultur. Für ihre Anhänger kommt das Rauchen von Marihuana allerdings einem rituellen und religiösen Akt gleich. Weshalb es von Seiten des Staats in diesen Kreisen in der Regel geduldet wird.

Weil viele Reggae-Fans den Rastas nahestehen, haben sie das Schmauchen von Joints gleich mitvereinnahmt. High dürfte einer der meistverwendeten Begriffe im Reggae sein. Was sich wiederum geschmeidig auf fly reimt. Wie man so hört, gehören beide Begriffe nicht nur aufgrund ihres Gleichklangs zusammen. Vermutlich deshalb kamen Spaßvögel auf die Idee, die qualmenden Tüten auch „Jamaican Airlines“ zu nennen.

Reggae, Sonne, Strand, Laufwunder und Hochgefühle

Was das jetzt alles mit einem Sportevent zu tun hat? Nun, beim alljährlichen Reggae-Marathon im Dezember (2018: Sonntag, 2. Dezember) in Negril an der Ostküste von Jamaika geben sich die High Five von Jamaika ein Stelldichein: Reggae, Sonne, Strand, Laufwunder und Hochgefühle.

Qualmen tun bei den Sportsfreunden vom Reggae Marathon allerdings höchstens die Socken. Über 40 Kilometer entlang der malerischen Ostküste warten auf die Teilnehmer. Auch ein Halbmarathon steht auf dem Programm.

Ob voll oder halb – high and happy wird hier jeder. Und das nicht nur vom Laufen. Der lässige karibische Rahmen mit wohltemperiertem Klima und unaufhörlicher Reggae-Beschallung an der Strecke wirkt beflügelnd. „Die Musik motiviert total“, erklärt Martin aus Peine, „wenn man ein Tief hat, hört man schon die nächste Musikstation aus der Ferne und gibt wieder Gas.“ Als deutscher Läufer ist Martin bei weitem nicht der einzige Exot beim Reggae-Marathon. Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Welt. Nicht wenige mit Spaß-Outfits und T-Shirts mit lässigen Sprüchen. Etwa „I thought they said rum“. Oder „Running is a mental sport … and we are all insane.“ (insane = wahnsinnig). Die größte Gruppe stellen die Reggae Runnerz – bestehend aus fast 500 Läufern.

Ein Dutzend Bands und unzählige Musikanlagen am Straßenrad heizen den Sportlern ein

Ein Dutzend Bands und unzählige Musikanlagen am Straßenrad heizen den Sportlern ein. Und natürlich auch den Zuschauern. Die Party-Atmosphäre mit Live-Bands im Start- und Zielbereich ist ein Magnet. Es ist kurz nach vier Uhr morgens, als sich die Läufer nach und nach im Startbereich versammeln. Am nahegelegenen Strand säuseln die Wellen gemütlich vor sich hin. Schon um fünf Uhr fünfzehn fällt der Startschuss. Um der unerbittlichen karibischen Sonne nach Tagesanbruch zu trotzen. Aus den nahegelegenen Bars und Diskos wanken die letzten Gäste.

Auch für die Läufer war die Nacht kurz. Nicht nur wegen der nervösen Vorfreude auf den Marathon. Auch weil an den Stränden von Negril zumeist Feierlaune herrscht, vor allem an den Wochenenden. Die Bars und Open-Air-Diskotheken kennen keine Ruhezeiten – und offenbar auch keine Grenzen in der nach oben offenen Phon-Skala. Als würden sie sich gegenseitig übertönen wollen. Die Reggae-, Reggaeton- und Dancehall-Rhythmen sind auch noch tief in der Nacht unter der Bettdecke im Hotel zu hören.

Auch für Fred war die Nacht kurz. Der 71-jährige Deutsche aus Bad Essen ist der älteste Teilnehmer. Seinem 25. Marathon wollte er unbedingt einen würdigen Rahmen verleihen. Die Wahl fiel auf den Reggae-Marathon. Zufall, dass Fred im selben Jahr wie Bob Marley geboren wurde. Er hält es eher mit einem anderen berühmten Jamaikaner, nämlich mit Usain Bolt. Die Einheimischen sind überaus stolz auf ihre Nationalikone. Sogar Häuserwände werden mit dem Konterfeis des Sprintwunders bemalt. Oder mit dem von Merlene Ottey, einer weiteren jamaikanischen Lauflegende.

“Usain Bolt hat mich zum Laufen gebracht”

„Ich bin Fan von Usain Bolt“, sagt Fred, „er hat mich zum Laufen gebracht.“ Das war vor fünfzehn Jahren, da war Fred 56. „Ich kannte Sport nur aus dem Fernsehen und wurde immer fetter.“ Schließlich gab er sich einen Ruck. „Nach drei Monaten war ich laufsüchtig.“ Viele Jamaikaner würden nicht verstehen, wie man bei dieser Hitze und in diesem Alter einen Marathon bestreiten könne. „Doch das schert mich nicht, auch nicht, wenn sie mich einen Marathon-Opa nennen.“ Es ist freilich nur die halbe Wahrheit. Auch in Jamaika ist längst die Erkenntnis durchgedrungen, dass man durch Sport den Körper fit halten kann. Und Übergewicht abbauen.

Beim Reggae-Marathon gehen längst nicht nur athletische Sportskanonen an den Start. Sondern alle Alters- und Gewichtsklassen. Dabei sein ist alles. Auch in Jamaika hat sich die Junk-Food-Kultur unübersehbar ausgebreitet. Und damit so manche Figur. Weshalb auch noch weit nach den magischen 2:45 Stunden für einen Marathon viel los ist entlang der Strecke. Und im Zielbereich.

Kokoswasser als willkommener isotonischer Trunk für die Läufer

Ein halbes Dutzend coconut men säbelt unentwegt und stundenlang Kokosnüsse auf. Ein riesiger Stapel mit tausenden Kokosnüssen türmt sich auf. Ein willkommener isotonischer Trunk für die Läufer, die es ins Ziel geschafft haben. Viele stürzen sich durstig auf das Kokoswasser. Während im Hintergrund Reggae-Bands für Unterhaltung sorgen. Auch ein Sprung ins Meer, natürlich in voller Montur, gehört zum authentischen Reggae-Marathon-Feeling. Und natürlich die berühmte Usain-Bolt-Siegerpose mit den parallel und seitlich nach oben gestreckten Armen.

Fred braucht weit über fünf Stunden für die 42,195 Kilometer und kommt als einer der Letzten ins Ziel. Das Kokoswasser interessiert ihn erstmal nicht. „Wo gibt’s Bier?“ fragt er, als sich ein paar Fotografen auf ihn stürzen, fürs Zielfoto und die lokale Presse. Der Deutsche kann halt nicht aus seiner Haut. Und so manch Jamaikaner offenbar auch nicht: Entlang der Strecke soll angeblich so manch Rasta gestanden haben, mit verdächtig konisch zulaufender Zigarette im Mundwinkel. Ihr Schlachtruf: „Rasta, run fasta!“ Fred und all den anderen hat‘s offenbar beflügelt. Ganz legal.

Weitere Infos zum Reggae-Marathon

Informationen zum Reggae-Marathon unter www.reggaemarathon.com

Allgemeine Informationen über Jamaika auf der offiziellen Website www.visitjamaica.com/de/