Der Schnee pfeift über die Landebahn und eisige Kälte schneidet sich beim Aussteigen des Flugzeuges in mein Gesicht. Vor uns liegt das kleine Flughafengebäude von Bagotville, kaum größer als ein Einfamilienhaus. Beim Betreten des Gebäudes empfängt uns Nancy. Im Hintergrund setzt sich das kleine Gepäckband in Bewegung und wir haben in weniger als zwei Minuten unsere Koffer in der Hand – das fängt vielversprechend an. Ich bin unterwegs im eisigen Québec und auf mich wartet eine unerwartet, unvergessliche Woche voller Schnee, Natur und gutem Essen.
 In den kommenden Tagen reisen wir durch endlose Wälder und zugefrorenen Seen, entlang dem Sankt-Lorenz-Strom gen Süden bis nach Montreal.

Winterurlaub ohne Skifahren?

Québec ist das kleine Frankreich im Nordosten von Kanada und die einzige Provinz, deren Amtssprache offiziell Französisch ist. Es ist die größte Provinz von Kanada und bereits für die Ureinwohner war der Sankt-Lorenz-Strom, der die Region durchquert, ein wichtiger Teil des Lebens und so bedeutet Québec ursprünglich in der Sprache der Algonkin „wo der Fluss enger wird“. In den nächsten Tagen erfahre ich, was für eine Bedeutung dieser Strom für eine ganze Nation hat. Québec steht für Natur, dessen Wälder und tausenden Seen darauf warten, erkundet zu werden. Auf einer Fläche, viermal so groß wie Deutschland, reisen wir durch die Weiten des Landes mit Swowmobilen, Hundeschlitten oder per Schneeschuh.

Am Fjord “du Saguenay” verzaubern lassen

Unsere Reise beginnt während der Dämmerung am Fjord du Saguenay. Beim Auspacken meines Koffers blicke ich durch das verschneite Fenster und sehe in der Ferne kleine schwarze Punkte auf dem Eis. Ab und an scheint es, als würde sich jemand um diesen Fleck herum bewegen. Als ich die quietschende Treppe des Hotels “Auberge des Battures” zum Essen herunterkomme, fragt mich Nancy, ob wir schon die Eisfischer auf dem See erblickt hätten. Jetzt schließt sich der Kreis und genau dort soll unser erstes Tagesziel enden.

Auf dem “Skidou” zum Eisfischen

Nancy schaut uns an und zweifelt ein wenig an unserer Kleidung. Im Handumdrehen verteilt sie passende Handschuhe, Helme sowie die nötigen Klamotten für unsere geplante Tour auf dem Snowmobil. Nach dem Einkleiden stellt Sie uns Tom vor, ein waschechter Kanadier – in Saguenay geboren und arbeitet seit 10 Jahren als Tourenführer für seiner Provinz. Kurzerhand sitze ich auf dem Motorschlitten – vorne zwei Kufen und hinten eine Kette. Ich drehe die ersten Kreise auf dem Parkplatz und von dort aus folgen wir Tom auf die abgelegenen Straßen und Wege durch Québec.
 Die doch eher laute Methode sich durch den Schnee zu wälzen zaubert dennoch ein breites Grinsen in meinem Gesicht. Bis zu 130 km/h fahren die Snowmobile, von Einheimischen “Skidous” genannt. Für uns als Laien reichen jedoch 60 km/h vollkommen aus. Bloß alles heil lassen und vorsichtig den abgesteckten Wegen folgen, lautet das Ziel.

Die für uns als Tagesattraktion gedachte Skidoutour ist in Kanada ein sehr hilfreiches Fortbewegungsmittel, um sich in den Wäldern und abseits der Straßen fortzubewegen. Deutlich machen es die Dimensionen: Québec besitzt eine Fläche von 1,5 Millionen Quadratkilometer – im Vergleich hierzu wirkt Deutschland mit 350.000 Quadratkilometern nachdenklich klein. Wer also das europäische Umweltbewusstsein für einen Tag unterdrücken kann, wird dieses Erlebnis in guter Erinnerung behalten. Versprochen.

Ich möchte mein eigenes Mittagsessen angeln

Nach einiger Zeit rollen wir mit unseren Kufen an die Ufer des “Fjordes du Saguenay“. Ich bin ein wenig nervös, ob ein solches Fahrzeug wirklich auf die Eisfläche gehört. Doch meine Angst wird mir schnell genommen, als sich rechts von mir ein riesiger Jeep über das Eis bewegt. Zwischen den hunderten Eisfischerhütten wartet bereits Marc-Andre auf uns. In Kanada hat das Eisfischen eine Jahrhunderte alte Tradition und ist während der dunklen Winterzeit mit einer Art Volkssport gleichzustellen. Für die Einheimischen birgt es eine Gelegenheit, die Familie und Freunde mit Nahrung in den kalten Monaten zu versorgen. Marc-Andre begrüßt uns in einer seiner spärlich eingerichteten Fischerhütte am Ende des Fjordes. Mit einem dumpfen Geräusch verschwindet der Köder im schwarzen, ca. 30 cm großen Eis-Loch. Die Jagd hat begonnen.

Während wir die Angelruten langsam auf und ab bewegen, berichtet Marc-Andre ein wenig über die Geschichte und den Stellenwert des Eisfischens in Kanada. Stolz holt er kurzerhand sein Smartphone heraus und zeigt einige der Fänge aus den vergangenen Monaten. Doch die Fangquote erlaubt es ihm und den anderen Fischern lediglich fünf Fische an einem Tag aus dem Eis zu angeln. Außerdem erzählt er uns, dass es mit dem Auto nicht erlaubt ist, schneller als 15 km/h auf dem Eis zu fahren. Dadurch wird vermieden, dass sich kleine Wellen bilden und das Eis durch Erschütterungen zum Einbrechen gebracht wird. Ich zumindest habe heute leider kein Glück. Jedoch holt Marc-Andre in der Zwischenzeit eine nicht unwesentliche Entschädigung aus seinem Rucksack, eine kleine Geschmacksfahrt durch die lokale, stetig wachsende Brauerei- und Craft-Bier Szene der Provinz. Ein schöner Tagesabschluss offenbart sich am Horizont, wo sich die Sonne langsam hinter die Berge der Stadt Sagueney schiebt.

Auf dem Hundeschlitten durch die Berge

Wir betreten die kleine Ranch und ich werde von hunderten blauen Huskyaugen skeptisch gemustert. Schnell wird mir klar, dass die Tiere nur darauf warten, ihrem natürlich, ausgeprägten Bewegungsdrang nachzugehen. Als sie unsere Gruppe erblicken, ziehen und zerren die Tiere an ihren Leinen und wirken dabei fast bedrohlich. Doch ich komme den Tieren näher, ganz nah und mir wird klar, dass diese Wesen unglaublich friedlich sind.
 “Es ist ganz einfach”, erklärt uns der Musher Christian mit einer ruhigen Stimme: ,,Festhalten, stabil stehen und die Hunde beobachten.“ Nach der zügigen Einweisung in die Welt der Schlittenhunde versuche ich mir die Kommandos einzuprägen. Dann geht es los und ehe ich bis drei zählen kann, war es auch schon wieder vorbei. Ich stand falsch auf dem Schlitten und lag nun wie ein Käfer im Schnee. Meine fünf Schlittenhunde? Weg.

Also dem verlorenen Schlitten hinterher. Der erfahrene Christian wartet bereits mit einem breiten Grinsen hinter der nächsten Ecke. Ich werfe mich noch einmal auf die Kufen des Schlittens und nun sollte es klappen. Auf schmalen Wegen zwischen den Bäumen rasen wir auf und ab. Nach kurzer Zeit bekomme ich ein Gefühl für das Steuern des Schlittens („Ha“ (links), „Gee“ (rechts) und „Ho“ (Stopp)). Dabei fange ich an, die Natur zu genießen sowie eins mit dem Schlitten und den Hunden zu sein. An  steilen Abhängen benötigen die Vierbeiner meine Hilfe und ich steige mit einem Fuß ab, schiebe den Schlitten an und springe wieder zu ihnen auf. Zwischendurch geben wir den Hunden ihre verdienten Verschnaufpausen und haben die Möglichkeit der Natur ganz nah zu sein. Mit der Sonne im Gesicht überqueren wir noch einen letzten See und biegen schlussendlich auf die ca. 30 km südlich der Stadt Saguenay liegende „Alaskan Du Nord“ Ranch ein. Ich bedanke mich bei meinen Gefährten, ehe wir erneut getrennte Wege gehen.

Endlose Weiten mit Schneeschuhen erkunden.

Diese Ruhe – eine fast ungeheuerliche Ruhe, das Einrasten beim Anziehen der Schneeschuhe wirkt fast störend. Die Sonne schiebt sich langsam durch die gefrorenen Baumkronen der Tannen im „Parc national des Monts-Valin“. Nur das Knacken der Schneeschuhe auf dem eisigen Boden gibt mir den Takt auf die Bergspitze vor. Doch auf einmal höre ich ein weiteres, schnelleres Knacken. Ich drehe mich um und erblicke den Ranger Eric. Er stoppt neben mir und ist sichtlich erfreut:„What a day“ seufzt er vor sich hin und beobachtet dabei die Landschaft.

Auf und ab – links und rechts; der Wanderweg an die Spitze des Berges schlängelt sich durch seine unglaubliche Landschaft. Hier gibt nicht der Mensch die Route vor. Die Natur erlaubt es auf ihren natürlichen Wegen, den Spuren Richtung Bergspitze zu folgen. Nach zwei Kilometern stoppen wir an einer kleinen Holzhütte und genießen am knisternden Kamin unser Lunchpaket. Doch wir haben es noch nicht geschafft, die letzten Meter liegen noch vor uns und jeder ist gespannt, was für ein Anblick uns erwarten wird. Dabei hatte sich jeder Meter gelohnt – die circa eine Milliarde alten, von Schnee und Tannen bedeckten Berge ragen bis zum Horizont. Fühlt sich so Unendlichkeit an ?

Québec kann mehr als gutes Essen

Wir fahren weiter Richtung Süden und nähern uns der Stadt Québec – Die gleichnamige Hauptstadt der Region. Unsere Koffer stellen wir schnell im “Fairmont Le Château Frontenac” ab. Das Resort ist gleichzeitig das Wahrzeichen der Stadt und befindet sich mitten in der Altstadt von Québec. Es ermöglicht eine unfassbare Aussicht über den Sankt-Lorenz-Strom sowie der alten Stadtfestung. Nicht umsonst zählt es zu einem der meistfotografiertesten Hotels der Welt. Wir scheinen Glück zu haben und es wirkt fast, als würde die Sonne uns während der gesamten Reise begleiten. Ich bin gespannt, was Québec noch zu bieten hat und soll nicht enttäuscht werden.

Mit der traditionellen Stadtseilbahn „Funiculaire du Vieux-Québec” erreichen wir in wenigen Minuten die Altstadt. Unten angekommen fühle ich mich wie in einem Film – auch einige Monate nach Heiligabend erhellt die Weihnachtsdekoration die kleinen, geschmückten Häuschen und wundervolle Läden entlang der Gassen Québecs. Wie groß unser Hotel wirklich zwischen den anderen Bauten herausragt, sehe ich am nächsten Tag während unseres Helikopterflugs über Québec. Auch wenn die Stadt mit seinen 542.000 Einwohnern weit mehr als eine Kleinstadt ist, wirkt es keinesfalls wie die Hauptstadt der Provinz und macht dies nur zu einer Zahl auf dem Papier. Mit seinen engen Straßen, der flachen Bauweise der Häuser und einer wunderschönen Architektur verzaubert Québec die Besucher mit seinem Charme.

Geschichtsstunde in Wendake

Hinter der erst seit 1986 namentlich benannten Siedlung “Wendake” versteckt sich eine uralte und emotionale Historie eines Volkes. Wir sind zu Gast im traditionellen „Hôtel-Musée Premières Nations“ und haben die Chance mit echten Indianern in Kontakt zu treten. Das von den First-Nations geführten Hotel besitzt sein hauseigenes Museum, in dem wir mehr über die bewegte Geschichte erfahren. Ein Lagerfeuer knistert vor uns und wir sitzen in einem der traditionellen Langhäuser und drehen langsam Stockbrot, während Tom uns die Vergangenheit seines Stammes erzählt.

Im Grunde genommen ist es eine Art Gemeinschaftshaus für mehrere Generationen, in dem wir bei minus 20 Grad zwei Stunden in der Kälte sitzen und Tom andächtig zuhören, und versuchen, keinen Teil der Geschichte zu verpassen. Ich fühle mich ein wenig in die Kindheit versetzt und in mir spielt sich eine kleine Geschichte ab – immer wieder erhebt er seine Stimme und sorgt dafür, dass wir der emotionalen Reise permanent folgen. Um Québec und seine Gastfreundschaft zu verstehen, spielt die faszinierende Vergangenheit einen großen Faktor.

Zurück in der Großstadt Montreal

Wir beenden unsere Reise in der 1,6 Millionen Einwohner großen Metropole Montreal. Nach dieser Bilderbuchwoche im Schnee empfinde ich es wie eine Art Kulturschock. Die aus mehreren Kleinstädten entstandene Metropole ist die größte Stadt in der Provinz Québec. Aber auch Montreal hat mit seiner Größe nicht den französischen Zauber verloren. Hier treffe ich neben den Wolkenkratzern eine Altstadt mit Gassen, wunderschönen alten Gebäuden und Kirchen an.

Doch eins steht vor der Abreise noch ganz oben auf der Agenda : Poutine, das Nationalgericht von Kanada! Stundenlang musste ich mir im Laufe der Reise anhören, wie der Käse einer Poutine quietscht. “Dasist auch genau der Punkt”, erklärt mir der Guide auf unser Foodtour durch Montreal. “Woran erkenne ich eine wirklich kanadische Poutine? Der Käse muss im Mund zwischen deinen Zähnen quietschen.”

Mittlerweile wirkt es wie eine Art Fastfood auf mich, denn die Zutaten sind simpel : Pommes Frites, Käse und einen großen Schwung Bratensauce. Um den Menschen in dem kältesten Monat Januar auch eine warme Mahlzeit zu verkaufen, hat sich die Kette Chez-Ashton eine einprägsame Werbung ausgedacht: Fallen die Temperaturen – Fallen die Preise.

Wow – ich bin schlichtweg beeindruckt

Die Gastfreundschaft der Menschen auf unserer Tour war unfassbar. An jedem Ort wurde die Gruppe herzlich aufgenommen. Es scheint, als wird das Leben dort sehr leichtgenommen; Probleme wirken zweitrangig fast schon nebensächlich. Die weiten der Natur wirken außergewöhnlich und lassen mich pausenlos staunen. Jeden Tag wurde ich aufs Neue beeindruckt und kann es kaum in Worte fassen. Wer einen eisigen Winter mit Schnee möchte, ist in Québec genau richtig – denn minus 20 Grad sind hier keine Seltenheit. Zugegeben, die Städte wurden von dem internationalem Tourismus bereits entdeckt, aber es wäre auch schade, diese Orte unbeachtet zu lassen. So verging die Woche in Québec im Flug und ich bin mir sicher – Québec ich komme wieder.

Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen. (c) Titelbild: Adobe Stock / Pololia.