Es riecht nach Pilzen, feuchtem Moos, frischen Beeren und Nadelwald. Märchenwelt! Und irgendwie kommt mir das hier alles sehr vertraut vor. Die Geschichten von Astrid Lindgren scheinen plötzlich real und das Lebensgefühl, was ihre Bücher widerspiegeln, mit nicht Ende wollenden,  hellen Sommernächten voller Unbeschwertheit und Freiheit, ist überall spürbar.

Entschleunigung im Pippi-Land

Durch die Region Småland zu reisen, bedeutet für mich Reisen im klassischen Sinne. Entschleunigung. Ich reduziere das Tempo automatisch, weil ich nichts verpassen will und mich nicht satt sehen kann, an dieser Bilderbuch-Idylle. Ich halte immer wieder an, weil ich von der Szenerie die sich mir bietet, fast benommen bin. Gefühlt jeden zweiten Kilometer, passiere ich einen See. Kein Wunder, denn hier im tiefsten Südschweden, gibt es über 5000 davon. Glasklar und eingebettet in pure Natur. Diese Weite, flaches Land, mit überbordender Natur, fast surreal, wie auf einem Gemälde. Das Licht, die Farben, im ständigen Wechsel zwischen Blau und Grün, dazwischen üppige Sonnenblumenfelder, greller Klatschmohn und als Akzente die kleinen knallroten Holzhäuser, die „Stugas“. Typisch skandinavische Sommerhäuser, klassisch, mit weißen Fensterläden und Fahnenmast vor der Tür. An manchen Tagen fahre ich endlos lange mit meinem Auto, ohne einem Menschen zu begegnen. Und wenn ich dann doch einen treffe, etwa in einem Cafe am Straßenrand, das mich schon von weitem mit dem Duft frisch gebackener Waffeln lockt, dann sind die Einheimischen so Tiefen entspannt und fröhlich, dass ich mich unweigerlich frage, ob in dieser reinen, unverbrauchten Luft pure Endorphine mit enthalten sind. Vielleicht sind diese auch im Essen zu finden? Bio ist hier an der Tagesordnung, fast alles, was in den Restaurants und Gasthöfen auf den Teller kommt, stammt aus lokalem Anbau. Kulinarisch hat das Land übrigens weitaus mehr zu bieten, als die bekannten „Köttbullar“ oder Lachs in allen Varianten. Die jungen Köche sind ausgesprochen experimentierfreudig und „Organic Food“ steht (fast) überall auf der Speisekarte.

Zuckerstangen aus Schweden

Die Qual der Wahl: Rund 100 Sorten “Polkagrisar” werden hergestellt.

Zeitmaschine

Schweden, bietet viel Platz zum Sein und  Småland, das „kleine Land“, entspricht jedem skandinavischen Klischee. Die einsame Wildnis teilt sich der Besucher mit ein paar imposanten Elchen, die vornehmlich in der Dämmerung als natürliche Roadblocks fungieren – und beschauliche Orte, wie Gränna, die Hauptstadt der Zuckerbäcker, deren sündig-leckere „Polkagriskokeri“ (Zuckerstangen) weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind- oder Mariannenlund, Heimat von Astrid Lindgrens kindlichen Protagonisten Michel aus Lönneberga, verströmen ein herrlich nostalgisches Flair. Sie wirken, als wären sie liebevoll dekorierte Filmsets, sind aber real. Ähnlich, sieht es auch in der kleinen Stadt Eksjö aus, deren bunte, windschiefe Holzhäuschen zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert stammen. Während ich über die engen, Kopfsteingepflasterten Gassen laufe, fühle ich mich, als wäre ich in eine Zeitmaschine geraten. Dazu passen auch die prächtigen Herrenhäuser, „Herregård“ , auf riesigen, Parkähnlichen Anwesen, die am Wegesrand versteckt hinter prächtigen Hecken liegen und heutzutage oftmals  zu charmanten „Bed & Breakfasts“ (besonders schön: www.grimsnas.se) umfunktioniert wurden und im weißen, skandinavischen Stil, mit viel Holz und Glas eingerichtet sind. Mehr Schweden geht dann auch beim Träumen nicht.

Mehr Schweden geht nicht: Jönköping am Vättern-See

Place to be: Die Uferpromenade in Jönköping am Vättern-See

Phantasie und Realität „in the mix“

“Alle großen Dinge”, sagte die bekannte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren einmal, “passieren zuerst in der Phantasie eines Menschen”. Und jetzt bin ich mittendrin, in der Welt meiner Kindheitsträume. So habe ich mir Bullerbü immer vorgestellt… oder auch Lönneberga… Ortsschilder verweisen auf die Plätze, die mir vom Namen her schon Jahrzehnte so vertraut sind. Es würde mich nicht überraschen, wenn Pippi Langstrumpf, mit ihren lustig wippenden, roten Zöpfen gleich um die Ecke biegen würde- oder Ronja Räubertochter. Starke Frauenpersönlichkeiten, die Vorreiter waren für den Feminismus und die auch heute noch Groß und Klein faszinieren. Unabhängig, freigeistig, unkonventionell, etwas verrückt… eigentlich eine gute Mischung, um durchs Leben zu kommen.

Es passiert mir dann auch tatsächlich, dass ich fast über die leibhaftige Pippi stolpere. Als Teil einer Gesamtinszenierung. Mit dem Freizeitpark „Astrid Lindgrens Welt“, haben drei Familien des Städtchens Vimmerby schon 1981 der berühmtesten Tochter ihres Städtchens ein lebendiges Denkmal gesetzt. Im größten Freizeitpark Schwedens taucht man live in die Geschichten von Astrid Lindgren ein.  Behutsam und so gar nicht amerikanisiert, sind die Kulissen ihrer Romane in ein riesiges Naturareal integriert  Ich laufe durch die „Krachmacherstrasse“, besuche die Räuber auf der „Mattisburg“ und mache einen Abstecher nach Bullerbü. Achtzig junge Schauspieler inszenieren täglich aufs Neue die Geschichten von Karlsson vom Dach, Pippi Langstrumpf und all den anderen Kinderhelden. Die Bühne ist da, wo sie sich gerade befinden, egal ob auf dem Piratenschiff, vor der Villa Kunterbunt oder einfach mitten im Gelände.  Nach ein paar Stunden verlasse ich ganz beseelt das Märchendorf und fahre auf der Rückfahrt noch im „Barnfilmbyn“ vorbei. Hier in der Umgebung, wurden die meisten der Astrid Lindgren Filme gedreht und in den Ausstellungsräumen des Kinderfilm-Zentrums tauche ich, anhand vieler Requisiten und alter Fotos, in die Entstehung der Filme ein.

Auf ins Glasreich…

Um noch mal mit den Worten der Grand-Dame der skandinavischen Literaturszene zu sprechen: „Ich wohne in dem schönsten Land der Welt … Hier gibt es alles, vom Lichten und Lächelnden bis zum Dunklen und Ernsten, oft auf die bezauberndste Weise gemischt”. Wie Recht sie hat, denke ich, während ich mich von Vimmerby aus in Richtung „Glasriket“ dem Glasreich, der Region, in der schon seit Jahrhunderten Glasbläser außergewöhnliches Design entwerfen, aufmache. Vorbei an tiefen Wäldern, unberührter Wildnis und durch Dörfer, die aussehen, als wären sie die Vorlagen für Puppenstuben, fahre ich nach Kosta. Gelassen zieht i die Landschaft an mir vorbei. Keine Hektik, nur Ruhe und Einsamkeit.

Glasblaeserei in Smaland

Weltberühmt: Glasbläserei in Smaland. (Foto: Tina Stafrén/imagebank.sweden.se)

Im Landesinneren wirkt das Land unendlich weit. Knapp 720.000 Einwohner teilen sich eine Fläche von rund 29.400 Quadratkilometern. Sie sind nicht nur naturverbunden, sondern haben von Kindheit an ein starkes Bewusstsein für Naturschutz. Schweden vergessen nicht, dass sie der Natur ihren Wohlstand verdanken. Wasserkraft aus den reißenden Flüssen des Nordens, Holz und Bodenschätze wie Silber, Eisenerz und Kupfer haben das Land einst reich gemacht. Davon profitieren sie heute noch. Das „Glasreich“ mit seiner unnachahmlichen Designkunst und den vielen Glashütten und Studios,  wurde Gerüchteweise schon häufig als untergegangen eingestuft. Zu Unrecht, denn in den letzten Jahren sind viele der Hütten, wie Boda Glasbruk oder Orrefors, reanimiert worden. Die Region ist lebendiger, denn je.  Wer sich etwas ganz Besonderes gönnen will, bucht sich im „Kosta Boda Art Hotel“ ein. Bei einem Tauchgang im Indoor-Pool des künstlerisch ambitionierten Design-Hotels lässt sich unter Wasser eine wechselnde Kunstausstellung mit verschiedensten Exponaten der benachbarten Kosta Boda-Glashütte entdecken. Wer nicht ins SPA möchte, bestellt sich einen Drink in der „Glass Bar“ der extravaganten Bleibe. Sie ist komplett in blaues Glas gefasst und Gäste werden Teil des Gesamtkunstwerkes.  Auch auf den Zimmern findet sich ungewöhnliche Glaskunst. Diese kann bei Gefallen auch gleich im Hotel-Shop erstanden werden. Weil hier noch diverse andere Glasmanufakturen ihre Outletstores haben, ist der kleine Ort Kosta das Eldorado für Designfans schlechthin. Mir gefällt ganz besonders das schlichte Design von „Orrefors“, für das auch Modezar Karl Lagerfeld eine exklusive Trinkglas-Edition kreiert hat. In Kosta wurde auch die erste Glashütte Smålands eröffnet. Das war bereits 1742!

Rote Häuserzeile in Eksjö in Schweden

Filmkulisse: Das Städtchen Eksjö mit seinen Holzhäusern.

Eksjoe bei Nacht

Eksjö bei Nacht. (Foto: Göran Assner/imagebank.sweden.se)

next generation…

Heute ist es eine ganz neue Generation, die sich um den Erhalt des alten Handwerks kümmert. Eine davon ist die heute 39-jährige Geschäftsführerin der „Glass Factory“ in Emmaboda, Maia Heuer. Seit sie drei Jahre alt ist, ist sie von Glas fasziniert. Ihr Onkel gilt als einer der größten Glassammler der Welt und so entdeckte sie früh ihre Liebe zum Kristall. Die gebürtige Lübeckerin machte ihr Hobby zum Beruf und landete in Schweden.  Suchte Sponsoren und hauchte der brach liegenden „Glass Factory“ neues Leben ein. Heute ist der Ort ein lebendiges Museum, mit ständig wechselnden, internationalen Ausstellungen, Live-Ateliers und eine Begegnungsstätte internationaler Glaskünstler in einem. Es werden Workshops zu verschiedensten Themen abgehalten und natürlich kann man den Glasbläsern bei der Arbeit zuschauen. Rund um Emmaboda lohnt es sich, den kleinen Hinweisschildern am Straßenrand zu folgen, die zu weiteren Werkstätten führen. Besonders idyllisch liegt „Transjö hytta“.

Chillig: Feierabend auf schwedische Art (Jönköping)

Chillig: Feierabend auf schwedische Art (Jönköping)

Außergewöhnliche Exponate schwedischer Glaskunst sind in ganz Småland zu finden. Beeindruckend ist der Glasaltar der Domkirche des quirligen Studentenstädchens Växjö. In mehrjähriger Arbeit hat der „grand old man“ der schwedischen Designszene, der Glaskünstler Bertil Vallien, den 5 Meter hohen und 4 Meter breiten Glasaltar zusammen mit der Glashütte in Åfors geschaffen. Pures Glas, in dem sich das Licht durch Millionen kleinster Kristalle bricht. Växjö ist jedoch nicht nur zentraler Mittelpunkt des „Glasriket“ und die „grünste Stadt Europas“ sondern auch ein Sehnsuchtsort für Genussmenschen wie mich. Schönster Platz zum sein: Das erste Gastro und Designhotel Schwedens, das „PM & Vänner“, mit verglastem Pool auf der chilligen Dachterrasse, Loft ähnlichen Zimmern und kulinarischen Hochgenüssen, im gleichnamigen Restaurant. Es wurde erst kürzlich zu einem der neun besten Restaurants Schwedens gewählt und der Mittagstisch ist mit ca. 12 Euro für das Hauptgericht nahezu entwaffnend günstig. Womit es an dieser Stelle gilt, ein Vorurteil auszuräumen: Die Preise für Gastronomie und Übernachtungen sind keinesfalls überteuert, sondern den hiesigen Preisen sehr ähnlich, so ist ein Urlaub in Skandinavien mittlerweile, Euro sei Dank, erschwinglich.

Die Kalorien vom Lunch trainiere ich mir gleich auf einer Radtour um den vom schattigen Grün umgebenen Växjö-See ab. Er liegt mitten in der Stadt und nach einer für Schweden typischen Kaffeepause, der für Schweden unumgänglichen „Fika“, mache ich einen Abstecher in den „Linné-Garten“ am Ufer. Ein Ort, der mit seinem fast Zen-artigen Charakter herrlich entspannend ist. Eine Oase, in der sich Studenten zum lernen zurück ziehen, Liebespaare auf den Bänken knutschen und Ruhe suchende Menschen wie ich einfach nur verweilen, gebannt von der Schönheit der Blüten und Pflanzen, die mich umgeben. Bereits im 18. Jahrhundert beschäftigte sich Namensgeber Carl von Linné mit der Katalogisierung von Pflanzen und Tieren und wurde damit international berühmt.  Viele Gärten und Parks in der Region sind „Mr. Flower Power“, wie er liebevoll im Volksmund genannt wird, gewidmet. Universitäten wurden nach ihm benannt und jede Stadt, die in Schweden was auf sich hält, hat sicher einen „Linnégatan“.

Naschkatzen-Hochburg: Die Bonbonstadt Gränna.

Naschkatzen-Hochburg: Die Bonbonstadt Gränna.

Möbel für alle

Am nächsten Tag stolpere ich, auf den Spuren eines weiteren großen Visionärs aus dem kleinen Småland, schon wieder über ihn. Im Kulturreservat „Linnés Rashuit“, dem ehemaligen Bauernhof des Botanikers und Biologen, halte ich zum vegetarischen Lunchbüffet und sitze unter schattigen Obstbäumen im Garten. Um mich herum nichts als Blütenmeer und jungfräuliche Wiesen und Felder. Nicht von dieser Welt, erscheint mir dieser Platz, so schön und friedlich ist es hier. Inspirierend. Diese unverbrauchte Szenerie  scheint auf jeden Fall den Geist zu beflügeln und Impulse für kreative Denkansätze  zu geben.  Unweit dieser Traumkulisse entstand auch die Idee für ein Familien-Möbelunternehmen, das heute Weltruf genießt: IKEA! Ingvar Kamprad, der Gründer, wollte chices Möbeldesign erschwinglich machen. Seine Vision lautete „Einen besseren Alltag für viele Menschen machen“. Seinen ersten Shop startete er bereits 1958 im heimischen Almhuit. Dort steht heute das IKEA-Hotel und das Museum, was mit der Ausstellung „IKEA im Laufe der Zeit“ einen amüsanten Einblick in die Geschichte des Erfolgskonzeptes und die Wohnwelten der vergangenen Jahrzehnte seit Gründung gibt. Verblüffend, wie viele IKEA-Klassiker auch heute noch aktuell sind. Wohl jeder hat ein kleines Stück Schweden zuhause – natürlich. Viele haben sicher auch a „touch of Småland“ im Garten. Nach der vielschichtig aufgestellten Fabrik „Husquarna“, die von Rasenmäher, über Motorräder bis hin zu Kettensägen das ganze Sortiment von Motorgeräten abdeckt, wurde sogar eine ganze Stadt benannt. Huskvarna liegt nur 15 km von Jönköping entfernt. Hier verbringe ich meinen letzten Tag am Vättern-See, bevor es per Charterflug direkt nach Hamburg zurück geht. Aller Stress ist von mir gewichen, der Alltag ganz weit weg. Danke Pippi, relaxter war ich nach einer Woche Urlaub noch nie. Einfach Märchenhaft!

Die Reise erfolgte auf Einladung von Smålands Turism und Destination Småland.

Titelfoto: Tina Stafrén/imagebank.sweden.se