Mount Everst Base Camp – Tagebuch eines Abenteuers
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Einzigartige Natur, Abenteuer pur und ein einmaliges Erlebnis – Manuel Grebe ist immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick. So wie bei seiner Wanderung zum Mount Everst Base Camp. In seinem Tagebuch nimmt er uns mit auf eine nicht alltägliche Reise.

Tag 1 | Lukla – Phakding

Von Manuel Grebe

06:15 Uhr – Der Wecker klingelt. Zeit aufzubrechen. Unser Sherpa holt uns am Hotel ab und fährt uns durch die noch relativ leeren Straßen von Kathmandu zum Flughafen. Vor Ort herrscht reges Treiben. Am Flughafen spürt man die Anspannung. Hier zählt jede Minute – besonders bei gutem Wetter.

Gegen 07:30 Uhr startet unser Flug. Die ersten zwanzig Minuten sind recht entspannt, auch wenn die Lautstärke der Motoren trotz Gehörschutz laut ist. Nach einem Bergkamm beginnt unser Flug dann doch etwas holpriger zu werden und durch die niedrige Flughöhe können wir in regelmäßigen Abständen die Ansagen des Warnsystems aus dem Cockpit hören. Mein Herz schlägt immer schneller. Wir befinden uns auf dem Flug Richtung Lukla – einem der gefährlichsten Airports der Welt. Augen zu und durch – mehr Gedanken kann und will ich mir nicht machen. Das Adrenalin schießt durch meinen Körper.

30 Minuten später haben wir endlich Boden unter den Füßen. Der erste Meilenstein ist geschafft. Das Wetter ist sonnig, klar und die Temperatur perfekt zum Gehen. Das Abenteuer kann starten. Nach einer vierstündigen Wanderung erreichen wir dann auch schon unser erstes Tagesziel: Phakding. Nach einem herzlichen Empfang erwartet uns direkt eine warme Stärkung: Ingwertee und gebratene Nudeln.

Tag 2 | Phakding – Namche Bazar

Zum Frühstück empfiehlt uns unser Sherpa ein traditionelles nepalesisches Brot mit Aufstrich. Wenn, dann will man ja auch die regionalen Köstlichkeiten ausprobieren – dachten wir zumindest. Leider entpuppt sich dieses Brot als trockener dünner Pfannkuchen und so machen wir uns noch halb hungrig um 8 Uhr zur nächsten Etappe auf.

Um diese Uhrzeit ist schon viel los auf den Wegen. Wir hatten wohl nicht als Einzige die Idee zu diesem Aufstieg. Die fantastische Aussicht zu den bevorstehenden Bergen und Schluchten entschädigt uns dafür. Nach einer üppigen Portion Nudeln zu Mittag ist die Hillary Bridge unser nächstes Ziel. Bis zur Mitte der Brücke ist die Überquerung noch harmlos. Plötzlich erfasst uns eine Windböe. Mein Herz bleibt fast stehen.

Wir müssen stark gegen den Wind ankämpfen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Doch wir schaffen es. Am Ende angekommen haben wir ein Lachen im Gesicht. Und auch hier entlohnt uns der atemberaubende Ausblick für die Turbulenzen.

Durch die vielen Lastentiere und den trockenen Boden ist die Luft etwas staubig. Wir ziehen uns ein Halstuch vor Mund und Nase. Hinter einer Kurve dann endlich das nächste Ziel, Namche Bazar. Es ist wirklich erstaunlich welche Massen an Material hier verbaut wurden und wie sauber alles ist.

Tag 3 | Tagesausflug zum Everest View Hotel und Sherpa Museum

Nach einem entspannten Abend und einem reichhaltigem Frühstück machen wir uns zu einer Tagestour auf, die uns beim Akklimatisieren helfen soll. Stück für Stück geht’s in Richtung Base Camp.

Auf unserem Weg treffen wir auf einen Schweizer der schon längere Zeit in Nepal lebt und oberhalb von Namche Bazar ein Recyclingcenter aufbaut. Sein Ziel ist es, dass jeder Besucher auf dem Rückweg nach Namche Bazar 1 kg Plastikmüll trägt und bei dieser Sammelstelle abgibt. Bei rund 35.000 Besuchern im Jahr ist das eine beachtliche Summe, die einem vernünftigen Recyclingprozess zugeführt wird, anstatt sie zu verbrennen. Eine tolle Idee!

Der Aufstieg ist anstrengend und man merkt, dass hier die Luft und das Klima doch anders sind, wie vergleichsweise in den Alpen. Bei bestem Wetter können wir den Ausblick auf Everest, Lotse und Ama Dablam (das Matterhorn Nepals) bei einer Tasse heißer Schokolade vom Everest View Hotel genießen. Auf dem Rückweg zu unserer Lodge machen wir noch einen Abstecher zum Sherpa Museum. Hier erhält man einen wunderbaren und informativen Einblick in die Vielfalt der Expeditionen, die vor Jahrzehnten gemacht wurden. Heutzutage für viele nicht mehr denkbar.

Tag 4 | Namche Bazar – Tengboche

Die ersten Anzeichen von Kreislaufproblemen machen sich bemerkbar. Trotz einer erholsamen Nacht und einem gutem Frühstück bekomme ich vor dem Abmarsch Probleme mit dem Kreislauf. Der Körper kämpft gegen das Klima. Ich nehme mir die Zeit, trinke in Ruhe ein wenig Wasser und versuche meinen Kreislauf mit Schokolade wieder zu beleben. Es funktioniert. Gegen 8 Uhr machen wir uns auf nach Tengboche.

Der Weg ist gut zu laufen. Die Landschaft um uns herum einfach atemberaubend. Nach der Mittagspause müssen unsere Waden dann nochmal richtig arbeiten. Für den Aufstieg nach Tengboche benötigen wir rund zweieinhalb Stunden. Leider schlägt das Wetter um. Von einem Moment auf den anderen legt sich kalter Nebel wie ein Schleier um uns. Man kann die Hand vor Augen kaum sehen. Ab hier kündigen sich immer wieder passierende Yak-Kolonen an, die kündigen sich aber frühzeitig durch ihre lauten Glocken an und man kann sich auf dem schmalen Pfad eine geeignete Stelle zum Warten suchen.

Es wird immer kälter. Nach der Ankunft im Teehaus ziehen wir uns wärmer an und gehen zum Kloster, welches das höchstgelegene ist. Das Betreten ist nur mit Socken gestattet und so müssen wir trotz Minusgrade über den eiskalten Boden gehen. Der Gebetsraum ist groß und überall verzieren Malereien und Statuen den Raum. Am Abend wird es immer ungemütlicher und es beginnt zu schneien. Zum Glück, dass es zwei Öfen und genügend Feuerholz gibt.

Tag 5 | Tengboche – Dingboche

Am Morgen des fünften Tages dann die erste Überraschung. Es hat die ganze Nacht geschneit und unser Sherpa wartet auf Rückmeldung, ob der Weg passierbar ist. Nach einer halben Stunde steht fest, dass wir erstmal bis nach Pangboche gehen und dort dann entscheiden ob es an diesem Tag noch weiter geht. Planbar ist ab jetzt nichts mehr. Die Natur hat eigene Regeln an die wir uns halten müssen.

Warum unser Sherpa sehr vorsichtig war, konnten wir wenig später feststellen. Der Weg ist überall vereist und mit Schnee bedeckt, sodass sich einige Trekker die ohne Stöcke unterwegs sind regelmäßig auf dem Weg hinfallen. Während der Tee-Pause in Pangboche entscheiden wir uns noch eine weitere Stunde bis zum Mittagsessen weiter zu gehen.

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir uns nächstes Tagesziel. Hier folgt die nächste Überraschung, Holz ist in dieser Höhe ein sehr teures Brennmaterial und so wird der zentrale Ofen im Raum mit Yakdung befeuert.

Tag 6 | Dingboche – Lobuche

Nach einem überdimensionalen Pancake, der beinahe die Abmaße eines Saugroboters besitzt, machen wir uns bei strahlend blauem Himmel und guter Laune auf den Weg. Auf der ersten Anhöhe peitscht uns der Wind mit voller Wucht ins Gesicht. Wir versuchen in einer Ruine Schutz vor der Kälte zu suchen. Es wird Zeit, sich dem Wetter angemessen anzuziehen. Wir tauschen unsere Hardshelljacken gegen unsere Daunenjacken.

Das Mittagessen nehmen wir in Thugla ein. Es gibt Pizza! Unglaublich. Nach dieser Stärkung geht es weitere 90 Minuten bergauf zur Gedenkstätte für die am Mount Everest Verstorbenen. Ein bedrückender Moment. Wir nehmen uns Zeit, ein wenig zu Ruhe zu kommen – auch wenn die Luft hier oben sehr dünn ist.Nach einer kurzen Andacht führt uns der Weg wieder bergab. Die Luft wird von Meter zu Meter besser. Es wird „nepalesisch flach“ und wir können wieder durchatmen.

Tag 7 | Lobuche – Gorak Shep

An diesem Tag müssen wir nicht mehr so viele Höhenmeter überwinden und trotten in einer Kolonne von zahlreichen anderen Trekkern, die alle das gleiche Ziel haben, in Richtung Base Camp des Mount Everest. Der Weg durch die „Steinwüste“ ist ein ständiges Auf und Ab und durch die Gefahr eines Steinschlags müssen wir ein Stück mit zügigem Tempo passieren. Das ist man gar nicht mehr gewohnt. Viele Porter und Yaks sind auf dem Weg, da in wenigen Tagen die ersten Expeditionen zum Gipfel beginnen sollen.

Im Base Camp angekommen warten bestimmt schon mehr als 50 Trekker darauf, ein Foto vor dem „berühmten“ Stein zu machen. Eine interessante Atmosphäre herrscht hier. Monatelang habe ich auf diesen Moment gefiebert. Und plötzlich stehe ich hier.

Eine junge Frau aus Australien bittet einige Leute zu sich auf das Bild und ein Ire verteilt Whiskey in Pinnchen, die dann erst für das Foto erhoben werden und uns anschließend von Innen wärmen. Nachdem wir unsere Einzelfotos machen und das „Everest-Snickers“ im Magen haben, machen wir uns zurück nach Gorak Shep. Erschöpft aber überaus glücklich sitzen wir nun im Teehaus. Ein besonderer Tag geht zu Ende. P.S.: Unsere Passfotos hängen jetzt übrigens auch auf über 5.170 Metern neben einer Landkarte

Tag 8 | Kala Patthar und Abstieg bis nach Phangboche

Am achten Tag ist das Aufstehen für vier Uhr morgens angesetzt. Heute wollen wir uns den Sonnenaufgang beim Everest von der Spitze des Kala Patthar ansehen. Mit Stirnlampen und genügend Wasser im Gepäck machen wir uns auf den Weg, doch nach mehreren Metern stoppt uns unser Sherpa. Er bekommt keine Luft mehr und muss zurück zum Teehaus. Für uns geht es nun allein weiter.

Mit Musik im Ohr und einigen kurzen Pausen zum Verschnaufen, machen wir uns in langsamen Tempo auf zum Gipfel. Die Kälte wird immer härter. Sogar die Action Cam stellt ihre Dienste aufgrund der niedrigen Temperaturen ein. Gegen sieben Uhr erreichen wir den Gipfel des 5.630 Meter hohen Kala Patthar. Was für eine Aussicht! Um uns herum sind einige der höchsten Berge dieser Welt und der Sonnenaufgang hinter dem Gipfelmassiv des Everest wird uns für immer in Erinnerung bleiben. Atemberaubend.

Beim Abstieg bemerken wir, dass nicht nur die Schläuche unserer Trinkblasen, sondern auch die Hälse der Wasserflaschen zugefroren sind. Wir erreichen das Teehaus um 9.15 Uhr. Müde, durchgefroren aber überglücklich bestellen wir dann „endlich“ unser Frühstück und wärmen uns in den Sonnenstrahlen auf. Unserem Sherpa geht es leider immer noch nicht besser, so dass wir uns entschließen, an diesem Tag weiter als geplant abzusteigen, damit es ihm wieder besser geht.

Wir legen eine Strecke von über 23 km zurück und schaffen dabei einen Höhenunterschied von mehr als 1.630 Metern. Die Tour geht von Gorak Shep über Lobuche, Thoglu, durch Pheriche bis nach Pangboche. Durch den steigenden Luftdruck und höheren Sauerstoffanteil fühlt sich das Laufen seltsam an, als wäre man gedopt.

Wir werden in einem neuen Teehaus untergebracht. Die Begrüßung dort ist zum ersten Mal auf unserer Tour nicht freundlich. Aber die Zimmer sind gut eingerichtet und wir haben sogar ein eigenes Badezimmer mit Dusche – welch ein Luxus. Zur Belohnung gönnen wir uns in dieser Nacht über zehn Stunden Schlaf.

Tag 9 | Pangboche – Namche Bazar

Der Tag startet mit keiner guten Nachricht. Unserem Sherpa geht es noch immer nicht besser und er muss zum Arzt. Dort stellt sich dann heraus, dass er Wasser in der Lunge hat und den weiteren Abstieg nicht mehr mit uns antreten kann. Nur mit unserem Porter machen wir uns auf den Weg nach Namche Bazar, wo wir am späten Nachmittag eintreffen.

Tag 10 | Namche Bazar – Phakding

Der Abstieg von Namche Bazar geht stark auf die Knie, aber man darf auch nicht vergessen wie viele Kilometer bereits hinter uns liegen und was unsere Körper bis jetzt schon geleistet haben. Nach der Ankunft im Teehaus lassen wir uns Wasser zum Duschen aufwärmen und genießen den restlichen Nachmittag.

Tag 11 | Phakding – Lukla

Unsere letzte Wanderung steht bevor. Nach gut dreieinhalb Stunden bei warmen Temperaturen kommen wir in Lukla an. Ein komisches Gefühl. Die vergangenen zehn Tage waren wir Teil der Natur. Schnee, Wind, Sonne – planbar war nichts. Wir mussten uns jeden Tag auf unser Umfeld und die Begebenheiten einstellen. Wir sind körperlich an unsere Grenzen gekommen. Doch es hat sich gelohnt. Die Landschaft, die Momente werden uns ein Leben lang begleiten.

Mein Fazit:

Wer sich gerne auf Abenteuer begibt, anderen Kulturen offen begegnet und seine körperlichen Grenzen ausloten möchte, sollte sich das Himalaya vornehmen und verschiedene Touren im Sagarmatha Nationalpark unternehmen. Auch kulinarisch kann man es sich hier gut gehen lassen. Trotzdem ist und bleibt es eine Tour, die mit gewissen Risiken verbunden ist.

11.3_Mount Everest Tagebuch Manuel Grebe


Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.
Gastautor
Unter Gastautor schreiben diverse Journalisten oder Blogger für breitengrad53.de

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