Der Indian Summer ist legendär und voller Magie: Ein gelb-orange-roter Blätterwald, der im warmen Sonnenlicht leuchtet, sowie von Mythen und Legenden umwobene Natur im Reich der Indianer und Fallensteller. Zu diesen Sehnsuchtszielen und in die Weltstädte Chicago, Detroit, Toronto  und Montreal  bringt mich eine Kreuzfahrt mit der „MS Hamburg“. Die Reise über die Großen Seen in den USA und Kanada bietet auf  4563 Kilometern ein abwechslungsreiches Kontrastprogramm.

Mit der „MS Hamburg“ auf den Großen Seen unterwegs

Ich gehe in Chicago an Bord, weil ich nur den zweiten Teil der Reise von Chicago bis Montreal mitfahre. Dort treffe ich auf erfahrene Kreuzfahrer wie Inge und Horst aus Mönchengladbach. Für das Ehepaar, sowie für etliche andere Gäste,  ist dieses Mal vor allem die Route entscheidend. „Wir wollten eine Lücke schließen“, sagen die beiden. Und diese Route  befährt im deutschsprachigen Markt nur die „MS Hamburg“ regelmäßig. Die 21 Jahre alte weiße Lady ist eine Mischung aus  Expeditionsschiff  und  kuschelig-kleinem Kreuzfahrtschiff mit abendlichem Unterhaltungsprogramm. Die Vorträge der beiden Lektorinnen haben Studiencharakter, geben geografisch, geschichtlich und gesellschaftlich Einblicke in kanadische und US-amerikanische Geschichte und Verhältnisse.

Ticket in die Freiheit

Chicago (Illinois) ist die Hauptstadt des Blues‘. „Nach dem Bürgerkrieg kamen viele befreite Sklaven aus den Südstaaten in die Region, denn damals war das Zugticket an die Großen Seen billiger als das nach New York“, erklärt uns Lektorin Heike Fries an Bord. „Sie brachten ihre Musik und den Blues mit nach Chicago.“  Wie alle Metropolen an den Großen Seen ist die Hauptstadt des Blues‘ durch Zuwanderer geprägt. Das zeigt sich besonders an der Gastronomie. In Chicago  kann man sich durch sämtliche Küchen der Welt essen.

Route Grosse Seen MS Hamburg

Die Route der MS Hamburg.

In Chicago erwartet uns Robert (54). Mit seinem schwarzen Hut und schwarzen Buntfaltenhosen im 20er-Jahre-Stil ist der Guide  unübersehbar. „Früher hatte Chicago nicht nur Al Capone, sondern auch die größten Schlachthöfe der Welt“, erzählt er. „Die sind verschwunden, aber es gibt immer noch sehr gute Steaks und deutsche Bratwurst“, strahlt der Mann in Schwarz.

Bei der Fahrt ins Zentrum sieht man auf den ersten Blick: Die Heimatstadt von Ex-Firstlady Michelle Obama ist wohlhabend. Alle Straßen in der City sind mit Blumen reich geschmückt.  „Der Name Chicago kommt aus dem indianischen Checagou und bedeutet Wilde Zwiebel, denn es liegt am Rande der Prärien“, erläutert Robert. Heute glänzt die Stadt mit ihren schicken Wolkenkratzern aus dem 20. Jahrhundert an der Magnicifent Mile, der Einkaufs- und Flanierstraße. Die Hochbahn ist das Wahrzeichen der City und der Millennium-Park mit seinen überdimensionierten Skulpturen ist ein Touristenmagnet.

Die Kirschen-Republik

Das absolute Kontrastprogramm folgt am nächsten Tag mit Traverse City (Michigan). Die selbsternannte „Kirschhauptstadt des Planeten“ ist ein hübscher 15.000-Seelen-Ort. Dort liegt die „MS Hamburg“ im Michigan See auf Reede, und wir landen mit dem Tenderboot an. Wegen ihres guten Klimas ist die Region für Wein- und Obstanbau geeignet. Im Hinterland sorgen auf der Old Mission Peninsula drei Millionen Kirschbäume jedes Jahr im Juli für eine reiche Ernte.

Im kleinen Künstlerort Glen Arbor hat sich mit der Cherry Republic ein Kirschzentrum entwickelt, wo Köstlichkeiten von Schokokirschen bis zum gewöhnungsbedürftigen Kirschbier hergestellt und verkauft werden. Leider haben die Spezialitäten-Läden an diesem Tag geschlossen. Besitzer Bob Sutherland spendiere einmal im Jahr allen Angestellten einen bezahlten Urlaubstag, einen „Leaf-Day“, erzählt Verkäuferin Sally in der benachbarten Buchhandlung, damit sie die buntgefärbten Blätter des „Indian Summer“ genießen könnten.

Die schlafende Bärin

Unser Ausflug in die wilde Einsamkeit der Wälder Nord-Michigans, das die längste Süßwasserküste der USA besitzt, führt uns auch zu den 140 Meter hohen Sleeping-Bear-Dunes am National Lake Shore. Laut einer Legende soll eine Bärenmutter dort seit Jahren auf ihre im See ertrunkenen Jungen warten. Wie ein Peeling treibt mir der Sturm den feinen Sand über Haut und Haare. Der Strand in Empire Beach erinnert mich mit seinem kleinen Leuchtturm und den aufgepeitschten Wellen an die deutsche Nordseeküste. Als die Wolkendecke aufreißt und die Sonne durchkommt, leuchtet das Wasser in magischem Türkisblau. „Weiße Sedimente, die Korallenriffe vor 400 Millionen Jahren hinterlassen haben, sind dafür verantwortlich“, erklärt uns die studierte Geografin und Stadtplanerin Heike Fries später an Bord.

They rocked the world

Wie in Chicago spielt Musik auch in der Autostadt Detroit (Michigan) eine große Rolle.  „This littel house rocked the world“, begeistert sich  Guide Peggy (55), die uns voller Leidenschaft durch das Motown-Museum führt und die Besucher immer wieder zum Mitsingen und -tanzen auffordert. Stevie Wonder, Marvin Gaye, Diana Ross und The Jackson Five  haben dort in einem 30 Quadratmeter großen Studio eine Weltkarriere gestartet.  Vom ehemaligen Fotografenatelier, das 1959  von  Motown-Label-Gründer Berry Gordy gekauft wurde,  hat der Motown-Sound die Welt erobert. 1972 erfolgte der Umzug nach Los Angeles und seit 1985  ist das Haus mit dem originalen Studio ein Museum.

Detroit ist eine sehr ambivalente Stadt. Vom kanadischen Windsor, wo die „Hamburg“ am Detroit River liegt, hat man einen hervorragenden Blick auf das gegenüber liegende Detroit mit seiner strahlend neuen  Waterfront. Das Zentrum sowie die Gegend um die Universität sind aufpoliert. Unser Guide Carlos (34) ist mexikanischer Abstammung und in der Arbeiterstadt geboren. Carlos gehört zu einem Netzwerk von Detroitern, die Enormes leisten, um das Image der Stadt von unten zu puschen und ein optimistisches Bild der Stadt zu präsentieren.

Im Hauptberuf betreibt Carlos einen Feinkosthandel mit mexikanischen Spezialitäten, die er auf dem Eastmarket (Großmarkt) verkauft. Er zeigt uns seine Stadt von ihrer besten Seite. Auch das „Heidelberg Project“ – ein Outdoor-Kunstprojekt mit Wohlstandsmüll auf teilweise leeren, von Unkraut überwucherten Grundstücken zwischen bunt bemalten Holzhäusern – gehört dazu. Doch schon  einige Straßen weiter gibt es  No-Go-Areas, wo Ampeln nachts auf Blinken geschaltet werden, damit Autofahrer nicht anhalten müssen.

Gigantische Niagarafälle

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Grafik: Plantours | Bilder: Liane Ehlers | Titelbild: Adobe Stock / lucky foto

Spannend wird es für die Passagiere, aber auch für Kapitän und Mannschaft, wenn die „MS Hamburg“ auf ihrem Weg nach Osten  die Niagarafälle durch den 43,3, Kilometer langen Welland-Kanal umschifft. Ganz langsam bewegt sie sich bei Port Colborne auf die erste der acht Schleusen zu, die den Eriesee mit dem Ontariosee verbinden. 15 Schleusen sind es auf der gesamten Strecke. Die schmalste misst gerade mal 24 Meter in der Breite. Das ist für die 21,5 mal 144 Meter große „Hamburg“ so knapp, dass man im Vorbeifahren Unkraut-Blümchen pflücken könnte.

Für die Mannschaft und Kapitän Vladimir Vorobyov (65), der seit 2014 diese Route fährt, ist das trotz aller Routine hochkonzentrierte Zentimeterarbeit. Beim Schleusen wird die Außen-Kommandobrücke  eingefahren. „Weil das ganze Revier nautisch mindestens genauso anspruchsvoll ist wie die Antarktis, sind auf der gesamten Route einheimische Lotsen an Bord“, berichtet uns Kapitän Vorobyov.

Einige Passagiere nutzen den Tag zu einem Ausflug an die Niagarafälle.  Die sind wegen ihrer Disneyland-Kulisse zwar verpönt, aber  trotzdem ein absolutes Muss. Eine Fahrt mit der „Hornblower“ auf der kanadischen oder der „Maid of the Mist“ auf der amerikanischen Seite, sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Dieses Naturschauspiel ist einmalig, wenn 2,6 Millionen Liter Wasser pro Sekunde aus 54 Metern Höhe mit ohrenbetäubendem Getöse am Schiff vorbeidonnern. Das rote Wegwerf-Regencape, das jeder Fahrgast erhält, kann  klatschnasse Hosenbeine und Haare aber nicht verhindern.

Die Niagara-Fälle entwässern vier der fünf großen Seen: Erie, Huron, Michigan und Oberer See. Von den Fällen fließt das Wasser in den Niagara-River hinunter zum Ontariosee und von dort in den Sankt-Lorenz-Strom, um dann im Atlantik zu münden. Nachts, wenn die Touristen fort sind,  werden die Wassermassen um 50 Prozent reduziert und zur Energiegewinnung durch Kraftwerke für die USA und Kanada umgeleitet.

Vier Meter hohe Wellen

Die nächste Nacht auf dem Ontario-See wird stürmisch. Bis zu vier Meter hohe Wellen klatschen  an die runden Fenster auf den unteren Kabinendecks. Am Morgen scheint zwar wieder die Sonne, aber starke Seitenwinde zwingen die „MS Hamburg“ vor der Einfahrt in den St.-Lorenz-Strom für einige Stunden zum Abwettern. Dafür können wir dann bei strahlendem Sonnenschein das Schärengebiet der Thousand Islands genießen, das stark an Schweden erinnert. Allerdings sind in der Sommerfrische der New Yorker zwischen bezaubernden, kleinen  Holzhäusern auch zahlreiche Luxusvillen auf einsamen Inseln zu finden. Eine davon, so groß wie eine Burg, gehörte dem deutschstämmigen Fabrikanten Isaak Singer (1811-1875), der mit Nähmaschinen ein Vermögen gemacht hat.

Babylonisches Montreal

„Bonjour, Montreal“, heißt es am Ende der Reise in Kanada. Hier wird vor allem Französisch gesprochen. Montreal ist die zweitgrößte französisch sprechende Stadt der Welt. Die zweite Hauptsprache, neben einer babylonischen Sprachenvielfalt von über 100 Sprachen, ist Englisch. Mit ihrem Kopfsteinpflaster wirkt die Altstadt wie ein Stück Bretagne, dahinter erheben sich Wolkenkratzer wie in einer amerikanischen Großstadt. Vom Liegeplatz der „MS Hamburg“ sind es keine zehn Minuten und die Stadt lässt sich zu Fuß wunderbar erkunden. Der Place Jacques-Cartier ist Montreals gute Stube, wo sich Touristen, Straßenkünstler und Einheimische treffen. Vor der Basilika Notre-Dame mit ihrer gotischen Architektur stehen Touristen für Eintrittskarten an, um die außergewöhnliche Musik- und Licht-Show in der Kirche zu erleben. Draußen pfeift der Wind und pustet die gelb-orange-rot gefärbten Blätter von den Laubbäumen: magischer Indian Summer.

Reiseinformationen in Kürze

Anreise: Zum Beispiel mit Air Canada von Frankfurt nach Montreal nonstop. Mit Lufthansa von Frankfurt nonstop nach Chicago.

Reisezeit: Mai bis Mitte Oktober. Die Laubfärbung beginnt Anfang Oktober.

MS Hamburg: Die „MS Hamburg“ fährt im Auftrag der Bremer Reederei Plantours. Das Schiff wurde 1997 gebaut. Es ist 144 Meter lang und 21,5 Meter breit. Es hat nur sechs Passagier-Decks mit 134 Kabinen und kann maximal 400 Gäste an Bord nehmen. Restaurants: Eine Tischzeit (zusätzlich Büfett im Palmgarten).. Die Routen liegen abseits des Massentourismus. Eisklasse: 1B (Klasse E2 des Germanischen Llloyd). Für Expeditionsfahrten gibt es Zodiacs. Bordsprache ist Deutsch.

Kreuzfahrt: Auch 2019 befährt die MS Hamburg vom 15.9. bis 2.10. und vom 1.10. bis 18.10. als einziges deutschsprachiges Schiff die Großen Seen zwischen Montreal und Chicago. Preis in der Zweibettkabine innen inklusive Flug ab 4.299 Euro/Pers., außen ab 5.599 Euro/Pers. Buchbar in jedem Reisebüro oder über Tel. 0421/173690.

Mehr Infos: Auf der Webseite von Plantours Kreuzfahrten.

Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.