Leger übers Meer mit der Europa 2

Susanne Müller und die Europa 2 auf dem Mittelmeer

Leger übers Meer mit der Europa 2

Schwüle Luft hat sich wie eine Glocke über Barcelona gelegt. Blitze zucken über den Himmel, der Verkehr der spanischen Metropole hinterlässt ein Summen im Ohr. Doch alles ist vergessen in jenem Moment, als man die helle, klimatisierte Empfangshalle der „Europa 2“ betritt. Zur Begrüßung gibt’s ein Glas Champagner, ein herzliches Lächeln und das Gefühl, das jetzt alles gut wird. Trotzdem sind an diesem Anreisetag alle noch ziemlich gespannt: Wie mag sich so ein Urlaub auf dem Luxusschiff von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten gestalten? Und was für Leute fahren da überhaupt mit?

Das ist tatsächlich die erste Überraschung: 80 Kinder tollen über das Schiff, soviel wie nie zuvor. Sie haben Sommerferien und sind zusammen mit ihren Eltern hier und manchmal auch mit den Großeltern. Den familiären Anhang sehen einige während der Reise aber nur selten. Denn Freundschaften werden schnell geknüpft, und etliche Nannys sind von früh bis spät damit beschäftigt, die Kleinen zu bespaßen.

Dann gibt es die Paare, jung und älter an Jahren, und ein paar Alleinreisende. Die typischen Kreuzfahrer? Eher nicht. Hier sind einige gut verdienende Menschen unterwegs, um sich eine Woche lang etwas richtig Schönes zu gönnen. Sie buchen die Massagen im Spa, reservieren einen Tisch im Tarragon und streifen durch die mondänen Häfen dieser Reise: St. Tropez, Portofino, Calvi, Portoferreiro – um nur einige zu nennen. Viele Gäste waren natürlich auch schon mit andern Schiffen unterwegs, sind Hapag Lloyd-Fans, und einfach neugierig, wie es auf der „Europa 2“ ist.

Die Traditionsbewussten kehren wohl auf ihre „alte Europa“ zurück. Dort, wo sie ihren festen Platz am Tisch haben, das Kapitänsdinner, Schlips und Anzug zum Essen. Wer im Urlaub aber lieber Shorts und Poloshirt (die meisten natürlich mit Designerlabel) trägt, der geht auf die „Europa 2“. „Die `Europa` ist das Grandhotel, die `Europa 2` das chillige Resort“, erklärt Cruisedirektor Uwe Mannweiler. Er findet die Namenswahl des neuen Schiffes eher unglücklich. Schließlich sei es doch nun alles andere als eine Neuauflage der „Europa“, sondern ein ganz anderes Schiff mit einem ganz anderen Konzept.

Es lebe das Legere

Seit Jahren ist Gisela Stammgast auf der Europa

Das hat auch Gisela aus Bonn inzwischen festgestellt. Die 80-Jährige geht auf Kreuzfahrt seitdem sie 19 ist und hat in ihrem Leben wohl schon mehr Häfen gesehen, als mancher Kapitän. Seit Jahren ist sie Stammgast auf der „Europa“. „Da kennt mich jeder. Ich bin diejenige, die immer am meisten Ausflüge mitmacht“, schmunzelt sie und streicht ihre topmodische Bluse glatt. In Zukunft wird die „Europa“-Crew jedoch auf sie verzichten müssen. Gisela wechselt aufs neue Schiff. „Das Legere gefällt mir doch irgendwie besser. Und meine ganzen langen Abendkleider habe ich sowieso schon weggegeben.“

Neben den langjährigen Kreuzfahrt-Fans treffen sich abends zum Sonnenuntergang an der Sansibar aber auch Menschen, die bisher nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, eine Schiffsreise zu buchen. Nicht mit einem Schiff mit Massentourismus. Oder einem mit kleinen, altmodischen Kabinen. „Wir haben irgendwo gelesen, dass es hier sehr viel Platz für die Gäste gibt. Das war uns wichtig“, sagt der Unternehmensberater, der im Urlaub sonst lieber mit einem Porsche-Oldtimer von einem Boutique-Hotel zum nächsten saust. Bei seiner Premiere auf der „Europa 2“ machen seine Frau und er bereits die nächste Tour auf dem Hapag-Lloyd-Schiff fest.

Gefragt: der Butler-Service

Eine Woche lang im Luxus baden – dazu gehört für manche Gäste auch, die Dienste eines Butlers in Anspruch zu nehmen. Es ist Sonntagnachmittag, wir halten auf Korsika zu, die Sonne scheint auf den Balkon, und es klingelt an der Tür. Butler Ricco bringt einen Nachmittagssnack vorbei. Frischkäse mit Sellerie. Er betreut acht Suiten und liest den Gästen nahezu jeden Wunsch von den Augen ab. „Wenn Sie irgendetwas reservieren möchten, brauchen Sie nicht extra zur Rezeption gehen. Drücken Sie einfach den Butlerknopf“, sagt Ricco Regener. Er stellt abends noch eine Wasserflasche und ein Duftspray fürs Kissen aufs Nachtschränkchen, füllt die Minibar auf, wechselt die Orchideenblüte neben dem Waschbecken aus und bringt – falls gewünscht – morgens das Frühstück auf die Suite.

Früher mal hat Ricco Regener in der Gastronomie gearbeitet. Dann war er Hoteldirektor in Österreich. Mit 40 kam die Midlife-Krise. Da reiste der gebürtige Berliner ein Jahr lang durch die Welt und landete schließlich in der Butler-Akademie in Südafrika. Jetzt darf er sich Personal Manager nennen und ist glücklich mit der Aufgabe seine Gäste zu umsorgen. „Nachdem ich die Welt schon zweimal auf dem Landwege umrundet habe, werde ich sie jetzt nochmal auf dem Seewege erkunden“, freut sich Regener über seinen ersten Job auf einem Kreuzfahrtschiff.

Kunst-Spaziergang

Jeweils für ein paar Wochen im Jahr ist Carola Persiehl mit der „Europa 2“ unterwegs. Die Galeristin aus Hamburg gehörte zum Team, das die Kunstwerke fürs Schiff ausgesucht hat. 890 Originale verteilen sich auf die verschiedenen Decks. An vielen rennen die Gäste vorbei, ohne sie groß zu beachten. Wer Carola Persiehl auf ihrem Kunst-Spaziergang begleitet, erfährt die Geschichten hinter den Bildern und Skulpturen. Im Vorraum des asiatischen Restaurants Elements stehen sie ganz unschuldig: die Vasen der Chinesin Lei Xue. Sie spielt mit Konventionen, malte Bugs Bunny eingerahmt von Blumengirlanden auf die traditionellen, chinesischen Vasen. Hingucker sind die s/w-Portraits von Mathias Bothor, einem der gefragtesten Portraitfotografen Deutschlands. Auf der „Europa 2“ hängen Leonhard Cohen und Kenzaburo Oe. Beide gehören zu Bothors Serie ‚berühmte Persönlichkeiten mit geschlossenen Augen‘. Die endlose Traumlandschaft der fliegenden Schmetterlinge stammt von Georg Küttinger. Und es gibt sogar einen echten „Gerhard Richter“ an Bord. Das Bild des bekanntesten deutschen Künstlers befindet sich gegenüber vom Ausflugsbüro, meist steht ein Fahrrad darunter. Alle paar Wochen wechselt die Ausstellung in der Kunstgalerie an Bord. Carola Persiehl oder einer ihrer Kollegen eröffnen dann die Vernissagen und plaudern mit den Gästen über die Kunst.

Kulinarische Weltreise

Ein Thema, über das alle auf dem Schiff gerne reden, ist das Essen. Die Restaurants an Bord laden zur kulinarischen Weltreise ein. Allesamt sind sie zuzahlungsfrei, allerdings sollte man in den Spezialitäten-Restaurants frühzeitig einen Tisch reservieren. Jedes besitzt seine eigene Note, schlichte Eleganz trägt zum Luxusgefühl bei. An weiß eingedeckten Tischen unter maigrünen Kronleuchtern speisen die Gäste im Serenissima. Hier kommen Italiens Spezialitäten auf den Teller. Ein paar Schritte weiter bietet das Tarragon im lässigen Bistrostil französische Küche. Fernöstliches Ambiente stimmt im Elements auf Asiens kulinarische Verlockungen ein. Eine Fülle exotischer Aromen regen hier den Gaumen an. Kunstvoll bereitet der Sushi-Meister im Sakura seine Spezialitäten vor, für einige Reisende der ultimative Tipp an Bord. Jederzeit ohne Reservierung bekommen Kreuzfahrer einen Tisch im großen Restaurant Weltmeere und im Yachtclub. Letzterer war auf unserer Sommerreise im Mittelmeer die angesagte Location. Schließlich gibt es schlechtere Möglichkeiten seinen Abend zu verbringen, als beim Sonnenuntergang draußen zu sitzen, einen Chardonnay zu trinken und sich an der Grillstation ein perfektes Steak zubereiten zu lassen.

Kurse für Hobbyköche

Wer gern gut isst, liebt oft auch das Kochen. Deswegen wundert es nicht, dass die Workshops wechselnder „Genusshandwerker“ wie Chocolatiers, Eis-Experten oder Gewürz-Profis auf der „Europa 2“ so beliebt sind. Ebenso wie die Kochkurse. Sous Chef Stefan Sköries aus Schwerin begrüßt auf jeder Reise maximal acht Schüler in seiner Miele Kochschule auf Deck 9. Die Themen variieren nach Fahrtgebiet. In Asien wird gezeigt, wie Sushi gelingt, in Indien steht Curry auf dem Speiseplan. Heute im Mittelmeer wird Thunfisch mit Kapernbutter und Pak Choy zubereitet. Zum Nachtisch zergeht eine Creme Brûlée auf der Zunge. „Wir kochen Dinge, die man auch zu Hause problemlos nachkochen kann. Alles andere wäre Quatsch“, sagt Sköries. Er begrüßt bei seinen Kinder-Kochkursen manchmal bis zu 20 Nachwuchsköche am Herd. Was es dann gibt? – Pizza! Nachdem alle geschnippelt und gerührt, probiert und gewürzt haben, wird gemeinsam gegessen. Zum Schluss bekommt jeder das Rezept und eine Schürze von der „Europa 2“. Mit der lässt sich zu Hause Eindruck schinden.

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Sous Chef Stefan Sköries bei einem Kochkurs. (Fotos: Susanne Müller)

Shows der besonderen Art

Wie’s mit der Abendunterhaltung aussieht? – Anders als auf vielen anderen Schiffen. Mit einer bunten Folkloreshow würde man die anspruchsvollen Reisenden auf der „Europa 2“ wohl kaum aus ihren Sesseln hervorlocken. Die Gastkünstler an Bord sind oft sehr bekannt und treffen mal den einen, mal den anderen Geschmack. Doch wenn eine der eigens für dieses Schiff entworfene Productionshow angesagt ist, dann trinken alle schnell ihren Cocktail aus und eilen zum Theater. „Water“ heißt eine dieser Shows, die ohne Worte auskommt, und daher ideal für ein internationales Publikum geeignet ist. „Water“ verwandelt die Bühne in eine surreale Badelandschaft. Unglaublich, was die Weltklasse-Artisten mit einer einfachen Badewanne so alles anfangen können! Keiner, der die witzige Collage aus Artistik, Gesang und Licht-Effekten gesehen hat, verpasst die zweite Show dieser Art: „Air“ wird noch in der gleichen Woche präsentiert.

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Zum Absacker nach dem Entertainment ziehen sich die Raucher auf eine Zigarre ins Herrenzimmer zurück. Live-Musik unterhält im Jazzclub. Und richtig gute Stimmung herrscht in der Sansibar. Loungemusik, Lachen, Gesprächsfetzen wehen übers Meer. Gin Tonic, Aperol Spritz, Champagner, ein paar Snacks werden draußen unterm sternenübersäten Nachthimmel serviert. Die Stimmung ist lässig. Wer möchte, findet Anschluss. Nicht selten trifft man Menschen mit ähnlicher Lebensphilosophie direkt am Nebentisch. Dennoch ist die „Europa 2“ alles andere als ein Party-Schiff.

Ausflüge für Genießer

Die Kreuzfahrer wollen auf ihrer Wochentour so einiges erleben. Fremde Häfen kennenlernen, aber nicht auf die übliche Tour, rein in den Bus, raus aus dem Bus. Stattdessen erfahren sie die Toskana bei einer Radtour durch Lucca oder baden im exklusiven Forte dei Marmi im Ligurischen Meer. Sie knattern mit dem Quad über Elba. Düsen mit Segways durch Rom. Oder Sie begeben sich auf eine Genießer-Tour im kleinen Kreis, so wie die Österreicherin Gertraud. Die begeisterte Hobby-Köchin fährt in Portofino mit ein paar Gleichgesinnten ins Hotel Splendido. Die berühmte Luxus-Herberge thront auf einem Felsen hoch über dem wohl teuersten Fischerdorf der Welt. Schon Winston Churchill, Lauren Bacall und Humphrey Bogart genossen den Panoramablick. Richard Burton machte Elizabeth Taylor hier einen Heiratsantrag. Und was tun die Gäste der „Europa 2“ an diesem legendären Ort? – Sie testen Olivenöle. Natürlich gibt es dazu einen guten Vino, knuspriges Weißbrot, selbstgemachte Pasta. „Das war einfach fantastisch!“, strahlt Gertraud nach ihrer Rückkehr. „Portofino ist ja schon schön, aber dieser Feinschmecker-Ausflug hat dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt!“

Etwas Besonderes hat sich die Crew auch für den letzten Tag vor dem Ende der Kreuzfahrt einfallen lassen. Spätnachmittags auf Elba trudeln die Gäste nach und nach wieder auf dem Schiff ein. Dort warten schon die bordeigenen Zodiacs darauf, jeden, der möchte, auf eine kleine Spritztour mitzunehmen. Letzte Gelegenheit, ein paar Fotos von der „Europa 2“ zu schießen. Da werden die Badesachen schnell auf die Suiten gebracht, mit Schwimmwesten im kleinen Motorboot Platz genommen und los geht’s. Pfeilschnell schießt das Zodiac über die Wellen und lässt den kleinen Hafen hinter sich. Wir kurven um eine winzige Felseninsel und stoßen auf ein zweites Zodiac der „Europa 2“, das samt einigen gutgelaunten Crewmitgliedern im Wasser dümpelt. Überraschung! Discomusik macht Laune, eiskalter Champagner wechselt von Boot zu Boot. Die Stimmung wird immer besser, und zurück will eigentlich keiner. Nach Hause schon gar nicht…

Weitere Infos zur Europa 2

Kein anderes Kreuzfahrtschiff bietet so viel Platz pro Passagier wie die „Europa 2“. Es gibt ausschließlich Suiten mit Veranda und einer Mindestgröße von 28 qm. In den Suiten ab 42 qm steht ein Butler zu Diensten. Auf durchschnittlich 450 Gäste kommen 370 Crewmitglieder, also ein Verhältnis von 1:1,2. Achtzig Prozent der ausgesprochen freundlichen Mitarbeiter sind deutschsprachig, stammen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Kinder bis einschließlich elf Jahre fahren kostenlos in der Suite ihrer Eltern oder anderer voll zahlender Begleitpersonen mit.

Hinweis: Susanne Müller ist Chefredakteurin des Ganzjahres-Kreuzfahrtmagazins Welcome Aboard und wurde von Hapag Lloyd zu dieser Reise eingeladen.

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