Blauwale an Steuerbord!

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MS Ocean Diamond - Susanne Mueller - Reiseblog Breitengrad53-2

Die Ankunft mit dem Flugzeug in Reykjavik ist ernüchternd. Unter uns dehnt sich eine schwarze Geröllwüste ohne Baum und Strauch. Es ist Juni, und das Thermometer zeigt bescheidene 7 Grad Celsius bei bedecktem Himmel. Sommerferien stellt man sich anders vor. Im Hafen von Reykjavik wartet unser Zuhause für die nächsten zehn Tage: die „Ocean Diamond“. Das Expeditionsschiff von Iceland ProCruises bricht heute Abend zu seiner Island-Umrundung auf. Alle sind gespannt, als es losgeht.

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Ankunft in Island

Der Tag war lang, das Essen gut und mit den zwei Stunden Zeitverschiebung eingerechnet wäre es jetzt immerhin schon Mitternacht in Deutschland. Zeit, um ins Bett zu gehen. Aber wie soll man schlafen, wenn die Sonne noch immer hell in die Kabine scheint? Wenn Papageientaucher waagerecht eine Hand breit übers Meer fliegen? Wenn schneebedeckte Berge mit den weißen Schönwetterwolken eines hellblauen Himmels zusammenstoßen? – Als die „Ocean Diamond“ Islands Hauptstadt verlässt, wissen ihre Passagiere noch nicht, was sie dort alles zurücklassen. Den Lärm der Stadt, die Sensationsnachrichten der Welt, die Zwänge des Alltags. Was sie erwartet? – Die zeitlose Schönheit einer wilden Natur.

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Jules Vernes Gletscherberg

„Soft Expedition“ nennt Ann-Cathrin Bröcker vom Veranstalter Iceland ProCruises die Reise mit einem Augenzwinkern. Immerhin ist kein „wet landing“ vorgesehen, also keine Anlandung bei der man sich garantiert nasse Füße holt. Das Publikum auf der
„Ocean Diamond“ unterscheidet sich allerdings in mancher Weise von der „normalen“ Kreuzfahrt-Klientel. Schon bei der Anreise tragen etliche Passagiere Trekking-Klamotten, Wanderschuhe, Rucksäcke. Ein Amerikaner nutzt die letzten zehn Minuten vor dem Aufbruch zur Gletscherwanderung, um im Flur vor der Lobby noch ein paar Stretchingübungen zu machen. Highheels, Kleidchen, Discoabend? – Fehlanzeige.

Der erste Ausflug führt auf die Snæfellsnes-Halbinsel. Vom Hafen Stykkishólmur aus fahren wir durch eine archaische Landschaft. Über viele Kilometer hinweg begegnet uns kein einziger Mensch. Dafür jede Menge Möwen und Seeschwalben, Schafe und Islandpferde. Manchmal taucht vor einem blau glitzernden Fjord eine kleine, halboffene Hütte auf. „Dort wird Fisch getrocknet, wie zum Beispiel unser berühmter Gammelhai“, erklärt Arndís Halla vom Expeditionsteam des Schiffes.

Island: Das Land der Sagen und Legenden

Arndís, die zugleich Reiseleiterin und Opernsängerin ist und viele Jahre lang in Deutschland lebte, zeigt uns nicht nur die Gletscher, Vulkane und Wasserfälle ihrer Heimat. Sie kennt auch die Sagen und Legenden Islands, mit denen sie als Kind aufwuchs. Während wir durch das karge Land kurven, erzählt sie von den Menschen, die hier vor hundert Jahren lebten und die für ihre übernatürlichen Kräfte bekannt waren. Vom Bárður, einem der ersten Siedler, in dessen Adern Trollblut geflossen sei. Und während wir uns dem Gletscher Snæfellsjökull nähern, der auf einem 700.000 Jahre alten Vulkan thront, erfahren wir, dass dies eines der Hauptenergiefelder der Erde sei. Jules Verne erklärte den Gletscher gar zum Tor zu einer unterirdischen Welt, nachzulesen in seinem Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Noch heute werden dem Berg magische Kräfte nachgesagt. Ufos seien dort gelandet, meinen gar manche. Zumindest aber überragt der 1146 Meter hohe Gipfel eine wilde Landschaft, die einem den Atem verschlägt.

Obwohl es längst Sommer ist, kann sich der Winter in den Westfjorden noch nicht so recht loseisen. Vom Hafen Ísafjördur aus fahren die Kreuzfahrer durch gewaltige Tafelberge aus Basalt. Der Schnee liegt meterhoch neben der Straße. Kein Wunder, dass sich die wenigen Menschen in dieser einsamen Gegend noch heute die Geschichten von Magie und Hexerei erzählen. Im ältesten Teil Islands hat sich die Landschaft seit Jahrhunderten nicht verändert. Wer möchte bestreiten, dass hinter den Felsen nicht magische Wesen kauern und hinab zu den Fjorden schauen?

Dynjandi heißt der schönste Wasserfall dieser Region. Wir klettern von der Talsohle den steilen Berg zu ihm hinauf, keuchen Stufe um Stufe auf den teils glitschigen Felsen empor, während das Rauschen uns lauter und lauter entgegenschallt. Regenbogen leuchten über den stürzenden Wassermassen, ein feiner Sprühnebel benetzt unsere Haut. Der Ausblick von Dynjandi hinab ins Tal entschädigt für alle Mühe. Still genießen wir ein Gefühl grenzenloser Freiheit.

Am Abend verlässt die „Ocean Diamond“ Ísafjörður. Die Expeditionsleiter Örvar, Arndis und und Thóra, alle drei sind ausgebildete Opernsänger, tragen alte isländische Balladen vor. Laut Tagesprogramm geht die Sonne um Mitternacht unter und gleichzeitig wieder auf. Das Einschlafen fällt wieder mal schwer.

Akureyri im Norden Islands fordert Sitzfleisch voraus. Weil wir möglichst viel von der Gegend sehen wollen, entscheiden wir uns für den „Diamond Circle“ und sind elf Stunden mit dem Bus unterwegs. Wir bewundern den Wasserfall Dettifoss und fühlen uns angesichts der grauen Schluchten in die „Herr der Ringe“-Filme versetzt. Am Myvatn, dem Mückensee, ragt im Hintergrund der größte Explosionskrater der Welt auf. Der Gestank nach faulen Eiern verfolgt uns nur ein paar Kilometer weiter an den heißen Schwefelquellen des noch aktiven Vulkans Námafjall.


Wie bei Hitchcock…

 


Auf Flatey, der flachen Insel, deren Bewohner 1967 aufs Festland zogen, leben heute nur noch Vögel. Viele Vögel. 35 unterschiedliche Spezies brüten auf der winzigen Insel im Nordatlantik. Wir fahren mit den bordeigenen Zodiacs hin, Wanderschuhe an den Füßen und eingehüllt in warme Windjacken. „Wenn Sie von einer Seeschwalbe angegriffen werden, halten Sie den Arm hoch. Dann tut es weniger weh“, rät Hermann vom Expeditionsteam. Die meisten lachen. Diejenigen, die besorgt gucken, beruhigt Hermann: „Die Vögel hauen dann ab.“ Sein Tipp ist tatsächlich Gold wert, denn nur wenig später schwirren Hunderte von Seeschwalben über meinem Kopf. Eine von ihnen scheint meine Anwesenheit überhaupt nicht zu schätzen. Verständlich in Anbetracht ihres nahen Brutplatzes. Wie in Hitchcocks „Die Vögel“ stürzt sich die Seeschwalbe mit einem heiseren Schrei auf meinen Kopf. In letzter Sekunde reiße ich den Arm hoch und kann dem Angriff entkommen. Allerdings saust die Seeschwalbe noch ein paar Mal im Sturzflug auf mich hinab, bis ich mich weit genug von ihrem Brutplatz entfernt habe. Da sind mir die friedfertigen und lustig aussehenden Papageientaucher ein paar hundert Meter weiter doch entschieden sympathischer.

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Mit dem Zodiack auf dem Weg zum Whale Watching. Fotos: Susanne Müller

MS Ocean Diamond: Whale-Watching vom Sonnendeck

Am Nachmittag fahren wir in die Skálfandi-Bucht und halten Ausschau nach Walen und Delfinen. Wir brauchen nicht lange zu warten. Kaum haben wir uns mit Kameras und Ferngläsern an Deck positioniert, sehen wir vor uns schon eine gut neun Meter hohe Fontäne aus dem Wasser aufschießen. „Buckelwale auf zwei Uhr!“ brüllt Hermann aufgeregt in sein Walkie-Talkie. Nur ein paar Minuten später verschwindet die Fluke eines weiteren Meeressäugers in den Tiefen des Ozeans. „Blauwale an Steuerbord!“, ertönt es aus den Lautsprechern. Alles rennt auf die rechte Schiffsseite und sieht gerade noch wie zwei mächtige Leiber aus den Wellen auftauchen. Sie schwimmen höchstens hundert Meter von unserer „Ocean Diamond“ entfernt. Keiner kann sich der Faszination dieser Tiere entziehen, deren Herz allein schon so groß ist wie ein VW-Käfer und auf deren Zunge eine komplette Fußballmannschaft Platz hätte. Wir fühlen uns wie Mitwirkende einer Naturdoku, als wir gut zweieinhalb Stunden durch den spiegelglatten Fjord dümpeln und dabei so viele Wale entdecken, dass wir sie schon gar nicht mehr zählen können. Kaum haben wir die Wale hinter uns gelassen, ruft uns eine Durchsage in die Clublounge. Es gibt einen Schnaps umsonst! Schließlich fahren wir genau um 18 Uhr über den nördlichen Polarkreis, und das ist selbstverständlich ein guter Grund, um gemeinsam „Prost“ zu sagen.

Ausritt mit Islandpferden

Wale, Vögel, Feuer und Eis – für Pferdeliebhaber gerät alles zur Nebensache, wenn sie die Herden von Islandpferden sehen und das Getrappel der Hufe hören. In den Ostfjorden ist es endlich soweit. In Husey erkunden wir die Welt vom Pferderücken aus. Mein Isländer heißt Morgenstern und ist ein Fuchs mit blonder Mähne, die üppig nach rechts und links auf den Hals wippt. In einer kleinen Gruppe reiten wir vom Stall aus über eine mit Moosen und Flechten bewachsene Ebene bis hinunter zum Fluss. Jede Menge Vögel begleiten uns auf unserem Ritt. Leider auch Skuas. Das sind die Großen Raubmöwen, die fast zwei Kilo Gewicht auf die Waage bringen. Wir traben durch ihr Brutgebiet, was die Vögel nicht so lustig finden. Sie stürzen sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 80 Stundenkilometer auf uns nieder und drehen erst wenige Zentimeter vor unseren von Reithelmen geschützten Köpfen ab. Ein Ausritt mit Adrenalinkick.

Letzteren dürfte am folgenden Morgen auch unser norwegischer Kapitän Knut Hanssen verspüren. Der kleine Hafen von Höfn liegt in einem Flußdelta, das von Gletscherzuflüssen gespeist wird. Erst kürzlich hat sich eine Sandbank inmitten der Einfahrt gebildet. Viel Können und Fingerspitzengefühl sind gefordert, um überhaupt in den Hafen von Höfn zu kommen. Doch der Kapitän der „Ocean Diamond“ meistert diese Aufgabe mit Bravour. Vom kleinen Fischerdorf aus steuern wir Vatnajökull an, den größten Gletscher Europas. Mit einem Amphibienfahrzeug gleiten wir durch die Gletscherlagune Jökulsárlón, staunen über bizarre Eisgebilde, stöbern Seehunde auf und halten einen dicken Eisbrocken in den Händen. „Dieses Eis ist 1000 Jahre alt!“, sagt der Bootsführer und zerhackt es in kleine Stücke, damit wir es probieren können. „Das reinste Wasser, das ihr jemals gekostet habt!“, verspricht er.

Auf dem Vulkan

Fast hat die „Ocean Diamond“ Island nun schon umrundet. Am letzten Tag vor unserer Ankunft in Reykjavik besuchen wir Heimaey, die einzige besiedelte Insel der Westmännerinseln. 1973 bestimmte sie die Nachrichtensendungen in aller Welt. Um zwei Uhr nachts brach der Vulkan Eldfell aus. Glühende Lava überzog das Land. Mit Fischerbooten retteten sich die Menschen aufs Meer, viele verloren alles außer ihr Leben. Das Vulkanmuseum Eldheimar erinnert mit Filmen, Augenzeugenberichten und einem ausgegrabenen Wohnhaus an die Katastrophe. Beim Spaziergang zurück zum Schiff beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Ich laufe über Straßen, unter denen Häuser und das Schwimmbad des Ortes verschüttet liegen. Manchmal schaut noch der Schornstein eines Bungalows aus der erkalteten Lava hervor.

Die „Soft Expedition“ der „Ocean Diamond“ endet da, wo sie begonnen hat: in Reykjavik. Zum Abschluss besuchen wir noch schnell die „Must sees“ der Umgebung: den alle sechs Minuten ausbrechenden Geysir Strokkur und den berühmten „goldenen“ Wasserfall Gullfoss. Doch nach all den Naturwundern, die wir nahezu ohne Menschenauflauf in all ihrer stillen Schönheit bewunderten, erscheint es uns seltsam, Gullfoss und die Geysire mit Tausenden von Touristen zu teilen.

Es ist der 21. Juni, Mittsommernacht. Zum letzten Mal erleben wir eine Nacht, in der es nicht dunkel wird. Dann bringt uns der Bus zum Flughafen. Wieder erblicken wir rechts und links der Straße nur schwarze Lavaerde und Geröll. Doch jetzt sehen wir Island mit ganz anderen Augen. Der Kreis hat sich geschlossen.

Weitere Infos zu Reisen nach Island

Beste Reisezeit Island: Die besten Reisemonate sind Juni, Juli und August. Aber auch in dieser Zeit wird es meist nicht wärmer als maximal 15 Grad Celsius, deswegen: unbedingt warme Kleidung mitnehmen. Icelandair fliegt ganzjährig direkt ab Frankfurt, München und Zürich, saisonal auch ab Hamburg und Genf nach Island. Die Währung auf Island ist die isländische „Króna“, allerdings kann wirklich überall ebenso mit Kreditkarte bezahlt werden. Wer mit der Fähre anreisen möchte: von April bis Oktober verkehrt die „Norröna“ von Smyril Line wöchentlich zwischen dem dänischen Hirtshals und Seyðisfjörður. In den Häfen gibt es fast überall kostenloses WLAN in den Cafés. Infos über die Kreuzfahrt: www.icelandprocruises.de , mehr Infos: www.visiticeland.com

Lese-Tipp für Island-Fans: Drei Wünsche im Wind: Wer davon träumt, die wilde Insel im Nordatlantik zu bereisen, der muss dieses Buch lesen: „Drei Wünsche im Wind“ von Susan de Winter. Das Buch ist mehr als ein Island-Roman. Es ist eine Liebeserklärung an Island, eine magische Story von unerklärlichen Dingen und eine sehr romantische Erzählung… Auf einem Reiterhof in Island lernt Sabrina den New Yorker Fotografen Scott kennen und verliebt sich in ihn. Doch er verschweigt ihr den wahren Grund für seine Reise auf die Atlantikinsel. Ein dunkles Geheimnis aus seiner Vergangenheit lässt ihn nicht los.

Das im April 2016 erschienene Taschenbuch „Drei Wünsche im Wind“ hat 204 Seiten. Bisher ausschließlich 5 Sterne-Bewertungen. Eine Leserin schreibt: “… Eine spannende Geschichte, die mich von der ersten Seite an in den Bann gezogen hat. Man kann nicht aufhören zu lesen und möchte unbedingt wissen, wie es weiter geht. Dabei wird einem Island so nahe gebracht, dass man am liebsten sofort den Koffer packen möchte…. Ich liebe Bücher, die neben der Handlung auch noch das Land und die Natur so genial beschreiben.“

Hier geht es direkt zum Buch Drei Wünsche im Wind

Geld im Urlaub: Gesetzliches Zahlungsmittel in Island ist die Isländische Krone (ISK). Geld kann an jedem Bankschalter in Island gewechselt werden. Die meisten Geschäfte akzeptieren EC- und Kreditkarten. Geldautomaten stehen fast überall zur Verfügung. Mehr Tipps zur Zahlung im Ausland im Urlaub gibt es auf unserer Service-Seite: Geld im Urlaub.

Hinweis: Die Reise fand auf Einladung statt!

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