Im Luxuszug durch die Wüste
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Schon der Anflug auf die Hauptstadt Windhuk gibt einen beeindruckenden Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Namibia ist ein Land der Extreme: Ein Trockenflussbett schlängelt sich durch die rot leuchtende Erde, gesäumt von Kameldornbäumen – dem sicheren Zeichen für unterirdisches Wasser. Das Natur- und Wildtiere-Paradies ist dreimal so groß wie Deutschland, liegt zwischen zwei Wüsten – der Namib und der Kalahari – und sieht um jede Ecke anders aus. Die winterlichen Nächte im Juli/August sind kalt, die Tage bis zum Sonnenuntergang heiß. Eine zweiwöchige Reise mit dem „African Explorer“ durch das trockenste Land im südlichen Afrika ist nicht nur für Eisenbahnfans ein Erlebnis.

Stilvoll reisen

Stilvoll, mit einem Sektempfang auf dem Bahnsteig, beginnt in Windhuk die Reise des „Shongololo Express“, der als „African Explorer“ im Exklusiv-Charter des Reiseveranstalters „Lernidee Erlebnisreisen“ durchs südwestliche Afrika rollt. Eine Gruppe von 50 australischen, deutschen und Schweizer Gästen hat sich im traditionsreichen Bahnhof von Windhuk versammelt. Erwartungsvoll freuen sie sich jetzt auf das große Eisenbahnabenteuer in einem Luxuszug, der neben dem „Orient Express“, dem „Rovos Rail“ und der „Transsibirischen Eisenbahn“ zu den Highlights des nostalgischen Eisenbahn-Tourismus gehört. Für die einen ist es ein Herzenswunsch, auf den sie gespart haben, für die anderen ein weiteres Teilchen in ihrem großen Weltreisepuzzle.

Mit 580 Metern Länge macht der „Shongololo“ (=Tausendfüßler) seinem Namen alle Ehre: u.a. gehören zehn Schlafwagen, zwei elegante Speisewagen, ein Küchenwagen, ein Rauchersalon, ein Barwagen und ein Salonwagen mit Aussichtsplattform dazu. Alle Zimmer sind in edlem Mahagoniholz eingerichtet und verfügen über komfortable Betten, ausreichend Staumöglichkeiten und ein Bad mit Dusche/WC. Pamela, unsere Zimmerfee, die unser Abteil blitzeblank hält und täglich mit Trinkwasserflaschen versorgt, zeigt uns den Weg. Die Koffer aus dem AVANI Windhoek Hotel, wo wir beim Vorprogramm übernachtet haben, sind bereits im Abteil.

Ganz schön (W)ild

Jetzt warten wir nur noch auf die Diesellok. Dann setzt sich der Zug langsam in Bewegung und rollt auf der Kap-Spur-Breite von 1,06 Metern (ein ICE in Deutschland fährt auf 1,46 Metern) mit 30 Stundenkilometern gemütlich von Windhuk Richtung Norden nach Otjiwarongo. Die ersten Wildtiere lassen nicht lange auf sich warten, und die Fahrt auf der Aussichtsplattform mit Blick auf eine Savannen- Landschaft, Giraffen, Gazellen, Oryxe und Springböcke – einen Kaffee in der einen, einen Amarula in der anderen Hand – ist sensationell. Ich fühle mich wie in einem der Agatha-Christie-Filme.

Oryx und Springbock werden wir in den kommenden zwei Wochen auch auf der Speisekarte wiederfinden. Was Küchenchef Otto (52) und sein vierköpfiges Team fast täglich in dem engen Eisenbahnwaggon zum dreigängigen Lunch und Dinner auf den Tisch zaubern, überrascht und hat Sternequalität. Seit 13 Jahren arbeitet der Südafrikaner für die südafrikanische Rovos Rail Tour Ltd., der die Nostalgie-Luxuszüge gehören.

Gewöhnungsbedürftig ist die erste Nacht in unserem mobilen Luxushotel mit Vollpension. Das Rattern der Räder und das Schwanken auf der schmalen Spur mit dem alten Gleisbett erinnern mich an Michael Endes schaurig-schöne Geschichte von der alten Lokomotive Emma, Jim Knopf und der Wilden 13. Kaum dass wir nach dem Dinner im Bett liegen, gibt der Lokführer Gas. Als der Zug dann um 3 Uhr für den Rest der Nacht zum Stehen kommt, kann auch ich endlich einschlafen – bis zum Weckruf um 5 Uhr, als Pamela freundlich-gutgelaunt an die Tür klopft. Doch keine Sorge, man gewöhnt sich an alles!

Safari im Etosha-Nationalpark

Noch im Dunkeln geht es an diesem Morgen mit Bus und offenen Fahrzeugen für eineinhalb Tage auf Safari durch den Etosha-Nationalpark. Etosha heißt nichts anderes als „der große weiße Platz“. Dort, wo vor Millionen Jahren ein Gletscher eine Moränenlandschaft und einen riesigen See hinterlassen hat, hat sich Kalkstein abgelagert. Heute ist das ganze Areal ein Naturschutzpark für wilde Tiere aller Art. In der weiten Landschaft mit der Etosha-Salzpfanne sammeln sich an den Wasserlöchern Antilopen, Giraffen, Zebraherden, Elefanten und Löwen. Mit kleinem Gepäck übernachten wir in der eleganten Mokuti Etosha Lodge, um am nächsten Morgen noch einmal bis mittags auf Pirschfahrt zu gehen.
Wieder im Zug gibt es am Abend neben dem Gleisbett – mitten in der Wildnis – unter einem grandiosen Sternenhimmel ein typisch afrikanisches Braai (Grillfest). Ab 22 Uhr rollt der Shongololo wieder, diesmal Richtung Kranzberg. Das monotone Rattern wiegt mich in den Schlaf.

Namibias „Matterhorn“

Nach dem Frühstück stehen die Busse bereit. Zunächst fahren wir auf einer geteerten Straße bis ins unscheinbare Usakos. Hotels gibt es dort keine, nur ein paar Privatquartiere. Der alte Wasserturm aus tonnenschwerem Stahl an der Eisenbahnlinie ist ein Relikt der Vergangenheit als noch Dampfloks fuhren. Die Chinesen, die in Namibia wie auf der ganzen Welt in lukrativen Milliarden-Geschäften unterwegs sind, wollten ihn vor ein paar Jahren einschmelzen lassen. Aber die Bevölkerung hatte sich erfolgreich dagegen gewehrt, erzählt unser deutschsprachiger Guide Michael Niemeyer, dessen Familie in vierter Generation in Namibia lebt.

Über die staubige Kalkstein-Schotterpiste nähern wir uns der kleinen und der großen Spitzkoppe (1700 (Meter), dem „Matterhorn“ Namibias. Busfahrer Eden (40) kennt die perfekte Fotostopp-Stelle für ein Panoramabild aus der Ferne. Jetzt sind es nur noch zehn Bus-Minuten bis zum Fuß der Bergkette, eine weltberühmte Kulisse für Spielfilme und Werbespots. Durch ein Loch in den monumentalen Felsen kann man hindurchschauen und fotografieren. Nur ein paar hundert Meter weiter liegt das kleine Buschmann-Paradies, ein historisches Siedlungsgebiet mit Felsformationen und zwei bis vier Millionen Jahren alten Höhlenmalereien. Sie geben Aufschluss über die Buschmann-Kultur, ein Volk von Jägern und Sammlern. Mit einem Körpermaß von 1,50 bis 1,65 Metern waren die Männer klein. Ihre Jagdwaffen waren Designerbogen, auf die jeweilige Größe des Jägers zugeschnitten.

Wilhelminisches Swakopmund

Zurück im Zug fahren wir über Nacht nach Swakopmund, eine Kleinstadt im Stil der Wilhelminischen Zeit. Weil dort die Namib-Wüste auf den kalten Atlantik trifft, liegt an diesem kühlen Wintermorgen ein leichter Nebel über dem Meer. An die koloniale Vergangenheit, als Namibia Deutsch-Südwestafrika hieß, erinnern das Hohenzollernhaus, das Amtsgericht und das Brauhaus. Das Städtchen bietet eine schöne Einkaufsstraße und eine Uferpromenade zum Bummeln. Kuchenliebhaber sollten unbedingt ins Café Anton gehen, dort gibt es nicht nur Schwarzwälder Kirschtorte, sondern auch freies WLAN. Direkt gegenüber liegt der alte Leuchtturm. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum Markt mit vielen afrikanischen Souvenirs. Herero-Frauen mit ihrer bunten Kleidung lassen sich gegen 50 Rand fotografieren

Das große Ruckeln der Waggons ist mit einem Schlag vorüber, weil das alte Schienenteilstück von 1902 zwischen Windhuk und Swakobmund vor einiger Zeit erneuert wurde. Wie so oft auf dieser Reise fahren wir an einem Revier, einem unterirdischen Wasserlauf, entlang. Die Kameldornbäume, eine Akazienart am Trockenflussrand, sind ein sicheres Zeichen dafür. „In Namibia gibt es keine Flüsse, nur Reviere“, erklärt uns Guide Michael. In einer guten Regenzeit, ab November, laufen die Reviere voll und werden zu Flüssen.

Der letzte Regen fällt Anfang April. Doch in diesem Jahr, und bereits drei Jahre davor, ist der große Regen ausgeblieben. Deshalb gibt es kein Gras, und die Viehzüchter geraten in Schwierigkeiten. Noch schlimmer sieht es für die Kleinbauern aus, die Ackerbau betreiben. „Für die Menschen ist aber immer genügend Trinkwasser da, denn in Namibias Verfassung ist seit der Unabhängigkeitserklärung 1990 das Recht auf Trinkwasser für jeden verankert“, betont Michael. Das heißt: der Staat muss in den Kommunen Brunnen bohren, einen Anspruch auf Wasser aus dem Hahn gibt es allerdings nicht.
Flamingo-Kolonien

Nach einer Nacht in Swakobmund gehen wir mit kleinem Gepäck von Bord und fahren mit dem Bus zum Hafenstädtchen Walfisbay, wo eine große Flamingo-Kolonie direkt neben der Uferpromenade auf Futtersuche ist. Die grazilen, rosa-weißen Vögel spiegeln sich im Wasser der Lagune und lassen sich durch unser Fotoshooting nicht beirren.

Fünf Stunden dauert die Fahrt auf Schotterpisten durch den Namib-Naukluft-Nationalpark mit reichlich „African Massage“. Fast 50.000 Quadratkilometer misst Namibias größter Naturpark. 29 Gäste haben gegen Aufpreis einen Flug in kleinen Cessna-Maschinen gebucht, der sie in zweieinhalb Stunden zur Namib Desert Lodge – unserem Quartier für die beiden folgenden Nächte – bringt. Wer mit dem Bus fährt, kann sich an der unendlichen Weite der Landschaft und den bizarren Felsformationen des Gaub-Passes und des Kuiseb-Canyons erfreuen. Bei einem Fotostopp in dieser wilden Landschaft ist es so still, dass man nur das leise Pfeifen des Windes hört.

Reiseinformationen in Kürze

01aGrafik LernideeAnreise: Mit South African Airways von Frankfurt oder München via Johannesburg nach Windhuk. Condor fliegt von Frankfurt aus direkt nach Windhuk. Der Reisepass muss noch mindesten sechs Monate gültig sein.

Veranstalter: Unter dem Namen „African Explorer“ bietet der Reiseveranstalter Lernidee Erlebnisreisen im Exklusiv-Charter Fahrten mit dem „Shongololo Express“ auf verschiedenen Routen im südlichen Afrika an. Es gibt eine deutsche Reiseleitung und einen Arzt an Bord des Sonderzuges. Mehr Infos: www.lernidee.de

Währung: Ein Euro ist zurzeit ca. 16 Euro Namibia-Dollar, bzw. südafrikanische Rand wert. In Namibia kann mit dem Rand bezahlt werden, umgekehrt aber nicht. Der Rand kann zurückgetauscht werden, der Namibia-Dollar nicht. Tipp: Bei der Zwischenlandung in Johannesburg ausreichend Geld in Rand umtauschen.

Reiseliteratur: „Namibia“, Dieter Losskarn, Dumont, 393 S., 24,99 Euro. „Südafrika“, Marco Polo, 148 S., 12,99 Euro.


Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.

Liane Ehlers
Liane Ehlers war fast 20 Jahre verantwortliche Redakteurin für das Wochenendjournal der Nordwestzeitung in Oldenburg, der größten Tageszeitung im Weser-Ems-Gebiet. Neben Lifestyle, Wellness, Medizin und Ratgeber gehörte auch Reise dazu, ihr Lieblingsressort. Sie hat ihren Traum verwirklicht. Jetzt ist sie als freie Reisejournalistin für die NWZ und andere Medien unterwegs.

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