Australien hat mehr zu bieten als Backpacking und Sydney: Der australische Westen wird oft unterschätzt, fasst aber die ganze Bandbreite des Kontinents zusammen: Von der Wüste bis in den Ozean sind es nur wenige Schritte. Und wer sich traut und etwas Glück hat, trifft im Meer auf den größten Fisch der Welt: den Walhai.

Australien_Katja Wille--Sunset Shark bay

Sonnenuntergang an der Shark Bay an Australiens Westküste.

Von Katja Wille

Eins, zwei, drei – weiter zählen die Aborigines, wie die australischen Ureinwohner genannt werden, nicht. Für weitere Zahlen haben sie schlichtweg keine Wörter; alles, was über drei hinausgeht, ist einfach „viele“. Was man sich als pünktlicher, durchorganisierter Deutscher (und damit meine ich nicht mich) kaum vorstellen kann, scheint im heißen australischen Busch gut zu funktionieren. So erklärt es mir zumindest Darren Capewell (45), Capes genannt, ein echter Aborigine, der in seiner Heimat Shark Bay (eine Meeresbucht 826 Kilometer von Perth entfernt und Teil des UNESCO-Welterbes) an der westaustralischen Küste Touren durch den Busch anbietet.

Capes Zuhause zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass es der einzige Ort Australiens ist, in dem die Wüste direkt ins Meer übergeht. Ihm ist seine Heimat und der Umgang mit der Natur sehr wichtig – das merkt man an seinen leidenschaftlichen Erzählungen, denen ich stundenlang lauschen könnte. Selten habe ich jemanden erlebt, der so lebendig von seiner Kultur erzählt. Aber bei Capes geht es nicht nur ums Zuhören: Ob Camping, Kayak fahren im Indischen Ozean, fischen nach alter Tradition oder das Spielen des Didgeridoos – Capes Touren sind sowohl für Kinder als auch auf Senioren zugeschnitten. „Ich biete diese Touren nicht an, um damit reich zu werden“, sagt Capes. „Ich möchte den Leuten die Natur näher bringen und sie auf eine Reise mitnehmen, die auch meine Vorfahren gemacht haben.“

Das Eden-Projekt schützt die einheimische Tierwelt

Wir streifen mit Capes durch den Francois-Peron Nationalpark (rund 525 Quadratkilometer groß) in Shark Bay. Um hier voranzukommen, braucht man ein Fahrzeug mit All-Rad-Antrieb – die Straßen sind nicht geteert. Unterwegs steigen wir öfters aus, deuten Spuren im Sand (meistens Kängurus oder Emus), probieren essbare Pflanzen (die „native flax“ etwa schmeckt leicht nussig) und wir lernen einiges über die Natur Westaustraliens. Ich wurde stutzig, dass uns so viele „Achtung, Gift“-Schilder begegneten – Capes hatte die Erklärung für uns. Ausgelegte Giftköder sollen den Bestand der eingeschleppten Arten, vorallem wilde Katzen und Füchse, verringern. Diese fressen zum Beispiel die kleinen Bilbies (Kaninchennasenbeutler), von denen es in Australien kaum noch welche gibt. Das ausgelegte Gift wird aus einheimischen Pflanzen gewonnen, das bedeutet, australische Tiere können es fressen, merken aber nichts davon. Gleichzeitig werden bedrohte Arten, wie Bilbies, nachgezüchtet und ausgesetzt.

Capes Prinzip für den Umgang mit der Natur ist einfach (trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich es mir öfter ins Gedächtnis rufen muss): „Wir nehmen uns, was wir brauchen – nicht, was wir wollen.“ Der Erhalt der natürlichen Flora und Fauna seiner Heimat ist ihm wichtig, er engagiert er sich ebenfalls für das Projekt Eden und möchte mit seiner Tour besonders zwei Dinge lehren – „Respekt für Natur, Respekt für Kultur.“

Auge in Auge mit einem Riesen in Australien

Nur wenige Schritte trennen die Wüste von Shark Bay vom Indischen Ozean. Dort setzt sich die Artenvielfalt Australiens fort: 28 verschiedene Haiarten sind in der Bucht heimisch, außerdem kann man mit etwas Glück die selten gewordenen Dugongs (auch: Gabelschwanzseekuh) beobachten. Der Bestand vor Australien ist der größte dieser scheuen Tiere. Weniger scheu sind die Delfine: In Monkey Mia, dem Zentrum des Delfintourimus in Shark Bay, kommen jeden Morgen einige Delfine an den Strand, um sich von Rangern der Naturschutzbehörde füttern zu lassen. Ein tolles Schauspiel, bei dem man den niedlichen Tieren besonders nahe kommt. Die Gewässer vor der westaustralischen Küste, insbesondere das 250 Kilometer lange Ningaloo Reef, sind aber auch – zumindest zeitweise – die Heimat des größten Fischs der Welt. Von April bis Ende Juli ist der Walhai hier unterwegs und man kann das friedliche Tier ganz aus der Nähe beobachten und sogar neben ihm schwimmen.

Ganz im Ernst: Australien beheimatet viele tolle, aber auch viele giftige Tiere. Spinnen oder Schlangen an Land, Quallen, Seeschlangen oder Steinfische im Meer. Etwas mulmig war mir schon, durch den Busch zu streifen oder im Ozean zu baden. Aber egal ob ich mit Capes oder der erfahrenen Crew vom Exmouth Diving Center unterwegs war, wenn man sich an die Anleitung dieser Experten hält, kann nichts passieren. Und hätte ich mich nicht ins Wasser getraut, hätte ich den schönsten Moment meines Lebens verpasst.

“Schließlich tauchen wilde Tiere nicht sofort dort auf, wo man sie haben möchte”Um einem Walhai zu begegnen, fahren wir nach Exmouth (684 Kilometer von Shark Bay entfernt) wo man den größten Fisch auch Ende Juli noch beobachten kann. So richtig glauben konnte es keiner von uns: schließlich tauchen wilde Tiere nicht sofort dort auf, wo man sie haben möchte. Doch kaum waren wir auf dem Boot, der „Mahi Mahi“ vom Exmouth Diving Center, kommt auch schon die Durchsage, dass die „Spotter“ in den Flugzeugen, die für uns auf der Suche nach Walhaien sind, auch schon welche gesichtet haben. Schnell rein in den Neoprenanzug, Taucherbrille, Schnorchel und Flossen parat und das Adrenalin rauscht durch den Körper. Da sind wir nun, mitten im Ozean, und sollen gleich ins Wasser, um mit einem Walhai zu schwimmen – Wahnsinn. Nico, unser Guide, gibt das Startsignal und wir springen mit ihm ins Wasser, das mit 22 Grad schon recht kühl ist – das merke ich aber erst später. Ich schwimme so schnell ich kann Nico hinterher, halte immer Ausschau in die Ferne – wo ist er denn nun, dieser Fisch? Bis ich einen Blick nach rechts riskiere und dort ist er – auf Armlänge, direkt neben mir und unter der Wasseroberfläche, gleitet er majestätisch dahin. Ich bin sprachlos (aber unter Wasser merkt das sowieso niemand). Etwas erschrocken schwimme ich ein Stück zurück, aber der Walhai lässt sich gar nicht von mir stören. Mit offenem Mund gleitet er dahin, filtert Plankton aus dem Wasser und scheint mich gar nicht wahrzunehmen. Gut 7 Meter ist er lang, ein beeindruckendes Tier, das Maul so breit wie die abgeflachte Schnauze. Das Adrenalin ist weg und zurück bleibt nur das pure Glücksgefühl, diesem Tier so nah zu sein.

Nachdem ich in Westaustralien an Land und auf dem Wasser so viele Abenteuer erlebt habe, bin ich mir sicher, dass ich wiederkomme. Als hätten die Aborigines es geahnt, dass man sich von ihrem Land nicht trennen kann: in ihrer Sprache gibt es kein Wort für „Lebewohl“. Zur Verabschiedung heißt es immer: „Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal.“

Das

[mappress mapid=”55″]

Hinweis: Die Autorin wurde von Tourism Western Australia zu dieser Reise eingeladen.