Und dann das Fernglas, natürlich ist es da, wo es immer war, auf dem Fenstersims. Für Halldór Laxness war das Fernglas immer ganz wichtig. Jeden Tag, wenn er zuhause war, stand er hier in seinem Wohnzimmer im ersten Stock und schaute hindurch und hinaus. Richtung Westen, über den Garten mit dem kleinen Pool und dem Pferdedenkmal hinaus in die große Weite des Mosfellstals, das bei guter Sicht weit hinten, nur ganz knapp vor dem Horizont, noch auf den Nordatlantik trifft.

Sicher, die Gegend zwischen den Bergen links und rechts sah jeden Tag gleich aus, karg, einsam, schroff, und doch entdeckte Halldór Laxness immer wieder eine neue Kleinigkeit, die ihn zum Nachdenken brachte. Einen Busch, einen Baum, einen Stein. Das reichte oft schon, als Inspiration für eine neue Erzählung, eine kleine Geschichte oder einen großen Roman.

Genau 60 Jahre sind vergangen, seit er 1955 den Literaturnobelpreis erhielt, als einziger Isländer bislang. Halldór Laxness, den sie in seiner Heimat heute noch als wichtigsten Autoren des Landes verehren – ein Mensch, der selbst aber mit all seinen Wendungen und Wandlungen doch so widersprüchlich war. Ein Mann, dessen Leben man sich hier nähern kann, im Laxness-Museum Gljúfrasteinn, seinem alten Wohnhaus im Südwesten Islands. An einem einsamen Ort, wo man sich am Ende der Welt fühlt. Und manchmal noch ein wenig dahinter.

Wie innig sich die Isländer ihren Schriftstellern verschrieben haben, das sieht man alleine bei einem Bummel durch Reykjavik, das 2011 von der Unesco als erst fünfte Stadt weltweit offiziell zur Literaturstadt ernannt wurde. Die Läden, in denen sich die meisten Einheimischen tummeln, das sind die Buchhandlungen in der Austurstræti und der Skólavörðustígur, den beiden Einkaufsstraßen der Hauptstadt, mit ihren Lesecafés und Schmökerecken. Freie Plätze an einem Samstagnachmittag, ein Glücksfall.

Halldór Laxness Gljúfrasteinn

Der Ort, in dem der einzige Literaturnobelpreisträger Islands gewohnt hat: Gljúfrasteinn.

Island, also nicht nur das Land der Trolle und der Vulkane, der Gletscher und Geysire. Sondern eben auch das Land des Halldór Laxness und vieler anderer Dichter, deren Geschichte keiner besser kennt als Arthúr Björgvin Bollason. Bollason ist 64, viele Jahre lebte er in Freiburg, Frankfurt, München, er arbeitete als Lehrer, Journalist und Deutschland-Korrespondent für das isländische Fernsehen und schrieb selbst viele Bücher. Eines davon handelt von einer Reise durch seine Heimat, auf den Spuren von Autoren und Literaten. Der Isländer sei ein Menschenschlag, der gerne Geschichten hört, aber auch gerne erzählt, sagt Bollason einmal während der gemeinsamen Fahrt zum Laxness-Haus durch den Süden Islands, wo es vorbei geht an dampfenden Quellen, hell erleuchteten Gewächshäusern und dem tosenden Gulfoss, dem bekanntesten Wasserfall des Landes.

Und wie ein Wasserfall redet auch Bollason, ein Schwall an Wortkaskaden.

Anekdoten, Episoden, Schmonzetten. Von einem halb erblindeten Scharfrichter berichtet er, der sich im 17. Jahrhundert bei der Hinrichtung eines Delinquenten so stümperhaft anstellte, dass er bis zur erfolgreich vollzogenen Enthauptung 36 Schläge brauchte und die Isländer schon damals ihrem Ruf als weltgrößte Dilettanten gerecht worden seien. So wie nun vor knapp sieben Jahren bei der katastrophalen Finanzkrise 2008.

Ob die Henker oder Banker, alles Versager.

Oder von dem ganz eigenen Humor seiner Landsleute, den auch Ronald Reagan nicht verstand, 1986. Reagan traf sich hier damals mit Michael Gorbatschow, der Gipfel von Reykjavik gilt heute als der entscheidende Wendepunkt im Kalten Krieg. Unter Begleitung von Staatspräsidentin Vigdís Finnbogadóttir unternahmen beide in einer freien Stunde einen Ausflug zum Thingvellir, dem Nationalpark mit der großen Grabenbruchzone zwischen amerikanischer und eurasischer Kontinentalplatte, als die Erste Frau Islands im Scherz zu Reagan sagte: „Jedes Jahr schieben sich die Platten mehr auseinander. Irgendwann müssen sich die Isländer entscheiden, ob sie zu Moskau oder Washington gehören wollen.“ Abends, viele Stunden später beim Staatsbankett, habe Reagan dann beunruhigt bei Finnbogadóttir nachgefragt: „Und wann, denken Sie, wird die Entscheidung fallen?“

Halldór Laxness hatte sich schon früh entschieden. Sein Haus Gljúfrasteinn, eine halbe Auto-Stunde vom Thingvellir entfernt, liegt im Westen auf der amerikanischen Seite. Und doch wandte er sich Moskau zu.

Halldór Laxness, geboren 1902, gestorben 1998, ein Leben im 20. Jahrhundert. in jungen Jahren reiste er viel durch Europa, in einem Kloster in Luxemburg konvertierte er zum Katholizismus. Dann, in den Dreißiger Jahren ging er nach Hollywood, in der naiven Überzeugung, seinen Roman „Salka Valka“ zu verfilmen, doch das Projekt scheiterte, was wollte Hollywood schon mit einem Isländer. Amerika enttäuschte ihn, mehr noch erschütterte ihn aber der Gegensatz zwischen Reich und Arm. Laxness wurde zum SozialistenLaxness wurde zum Sozialisten, bereiste die Sowjetunion, und als er sich 1945 zurück in seiner Heimat wieder in Gljúfrasteinn niederließ, wetterte er in seinem Roman „Atomstation“ mit Vehemenz gegen die Pläne der US-Amerikaner, die auf dem gerade von Dänemark unabhängig gewordenen Island für 99 Jahre einen Militärstützpunkt errichten wollten.

1955 dann der Literaturnobelpreis, in einer Zeit, in der sich seine Bücher schon wieder weniger als sozialistische Pamphlete lasen, sondern mehr als eine detaillierte und bildhafte Beschreibung der isländischen Gesellschaft. Es ging nicht mehr um das weltpolitische Universum, sondern um den heimischen Mikrokosmos, und doch blieb er immer auf der Seite der Schwachen, als ein literarischer Kämpfer für die Gerechtigkeit.

Halldór Laxness_pool

Ein Pool, der nie kalt wird. Dank der heißen Quellen ist auch der Pool am Haus von Halldor Laxness immer warm. (Fotos: Florian Kinast)

Immer öfters weilte Laxness mit den Jahren zuhause, spazierte alleine oder mit seiner Frau Audur Sveinsdóttir auf Wanderwegen durch die verlassene Landschaft des Mosfellstals, die Gegend seiner Kindheit, oder viele Kilometer entlang des Kaldakvísl, einem kleinen Gebirgsbach, der direkt am Haus vorbei plätschert. Immer mit einem Zettel in der Hand und einem Bleistift. Inspirationen sind unberechenbar, sie können jeden Moment vorbeikommen, da ist es gut, etwas zum Schreiben dabei zu haben. Als Halldór Laxness mit 96 Jahren starb, hinterließ er das Haus, in dem er ein halbes Jahrhundert lebte, wirkte und durchs Fernglas schaute.

Was blieb, war ein beeindruckendes Museum, am Rande zwischen Thingvellir nach Reykjavik. Mit Erinnerungsstücken wie der imposanten Standuhr in der Eingangshalle, über die Laxness einmal schrieb, die Sekunden würden hier nicht wie hektisch emsig herumkrabbelnde Käfer vergehen sondern in aller Gemächlichkeit wie Kühe, die nur so schnell gehen würden wie sie müssten. Mit dem großen Flügel, auf dem er regelmäßig spielte, auf dem es heute noch jeden Sonntag Klavier-Konzerte gibt. Mit dem winzigen und witzigen Globus inmitten der prall gefüllten Buchregale, auf dem Island als riesige Insel allein von einem winzigen Blau umgeben auf einem kleinen Weltmeer schwimmt. Und mit dem schmucken Jaguar vor der Tür, dem weißen Luxus-Auto Modell „Mark 2“ mit dem 3,4-Liter-Motor, den die Museumsbetreiber im Winter dann immer in der Garage parken.

Der alte Sozialist mit dem Luxusauto also

Als man mit Arthúr Bollason auf der Schnellstraße 36 durchs Mosfellstal nach Reykjavik zurückfährt, bleibt von Halldór Laxness das Bild eines Mannes voller Gegensätze. Irgendwie schien er doch wohl sehr zerrissen. Zerklüftet wie seine Heimat. Oft gärend wie der Boden, brodelnd wie die Vulkane. So wechselhaft wie das Wetter hier.

Ein Mann wie Island.

[toggle title=”Laxness Museum“]Gljúfrasteinn, Laxness Museum, 270 Mosfellsbaer, Island.
Telefon +354 5868066.
www.gljufrasteinn.is/de[/toggle]

[toggle title=”Öffnungszeiten“]Sommer (1. Juni bis 31. August)
Täglich von 9.00 – 17.00 Uhr.
Winter (1. September bis 31. Mai)
An allen Wochentagen außer Montags von 10-17 Uhr.[/toggle]

[toggle title=”Eintrittspreis“]Eintrittspreis: 800 Kronen (ca. fünf Euro)
Kinder unter 18 Jahre: Eintritt frei[/toggle]

[toggle title=”Anreise“]Nach Island kommen Sie unter anderem mit Icelandair, täglich ab Frankfurt, mehrmals wöchentlich Direktflüge ab Hamburg, München. Aktuelle Angebote: Vier Tage Kurzurlaub inklusive Flug und Hotel mit Frühstück ab 349 Euro. Weitere Infos unter www.icelandair.de[/toggle]
Das

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Hinweis: Der Autor wurde von Icelandair auf diese Reise eingeladen