Gletscher in Alaska – Der Unendlichkeit so nah

Trittsicherheit ist am Spencer Glaciers ein absolutes Muss

Gletscher in Alaska – Der Unendlichkeit so nah

Weiß, Blau, Schwarz. Fast unheimlich, aber erregend schön. Irgendwie kann man sich an den Farben dieser faszinierenden Eiswelt aus längst vergangenen Zeiten nicht sattsehen. Doch zum Meditieren ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Zum Gletscherwandern in Alaska heißt es zunächst, die Spikes über die Bergschuhe zu streifen, Helme auf, Gurte sichern und den spitzen Wanderstab zur Hand. In den nächsten Stunden geht es bergauf und bergab, auch durch Höhlen und über Spalten. Kein Schritt ist eben und Trittsicherheit ist am Ausläufer des Spencer Glaciers ein absolutes Muss.

Gletscherwandern in Alaska 2017 - Brigitte Geiselhart-

(Fotos: Brigitte Geiselhart)

“Wenn kein Wind ist, regnet es in Strömen”

Es hat satte 16 Grad. Vergleichsweise mild und fast ideales Frühsommerwetter im südlichen Alaska. Aber der Wind bläst stark. „Wind ist gut“, sagt Sage. „Denn wenn es keinen Wind gibt, regnet es in Strömen – und dann wird es richtig unangenehm.“ Die junge Frau ist ein Profi in Sachen Gletscherwanderung. Ihr Alltag ist es, als Guide zusammen mit ihrem Kollegen Jeff kleine Gruppen abenteuerbereiter Urlauber zu führen – heute zwei Amerikaner, ein Pärchen aus Australien und zwei Frauen aus Deutschland. „Glaubt mir, ich begehe diese Wanderung fast täglich, aber sie ist immer wieder anders“, erklärt Sage. „Alles ist in Bewegung.  Heute sieht man einen kaum wahrnehmbaren Riss im Eis, der morgen schon eine richtige Spalte sein kann. Die verschiedenen Schichten des Gletschers reiben aneinander, Schmelzwasser dringt ein, kann wieder gefrieren und sich ausdehnen. Für Überraschungen ist hier immer gesorgt.“

Gletscherwandern in Alaska startet mit einem Kajak

Weil keine Straße zum Spencer Glacier führt, hat der Tag mit einer Fahrt in der Alaska Railway begonnen. Der „Glacier Discovery Train“ führt von Anchorage nach Spencer Lake Whistle Stop. An der Endstation angekommen, geht es per Kleinbus weiter zum Camp. Wasserdichte Jacke und Hose aufnehmen, Schwimmweste und Neopren-Handschuhe anziehen und rein geht’s ins Zweier-Kajak – nicht ohne gründliche Einweisung. Bis zum Fuß des Gletschers müssen knappe eineinhalb Meilen auf dem Spencer Lake überwunden werden. Kein schlechtes Aufwärmtraining bei Wassertemperaturen von rund zwei Grad Celsius. Und strenger Gegenwind mit entsprechend hohen Wellen! Also Strömung und vor allem Eisberge beachten und sie geschickt umpaddeln. Nach einer guten Dreiviertelstunde ist das eigentliche Ziel erreicht, Kleidung und Ausrüstung müssen wiederum gewechselt werden.

Gletscher schmilzt 70 Meter pro Jahr

Gehen mit spitzen Eisenhaken an den Füßen will gelernt sein. Stampfen ist angesagt, das jeweilige Bein kräftig heben, sonst verhakt man mit den nach vorne abstehenden Spitzen. „Fest eintreten. Aber die Spitzen bitte nicht ins eigene Bein treten. Ein dummer Unfall ist schnell passiert“, ermahnt Sage. Sie geht voraus und prüft immer wieder, ob sich unter dünnen Eisschichten eine Höhle gebildet haben könnte, und ob eventuell Einsturzgefahr droht. Dass vor 20 000 Jahren der Gletscher das komplette Tal im Chugach Nationalpark ausfüllte, davon wird erzählt und davon, dass sich auch hier in Zeiten des Klimawandels vieles ändert. „Wie 99 Prozent aller insgesamt 100 000 Gletscher in Alaska, zieht sich auch der Spencer Glacier zurück – fast 70 Meter pro Jahr“, sagt Sage betrübt und lässt in den Gesichtern ihrer Zuhörer Betroffenheit zurück.

Risse, Brüche, Spalten

Szenenwechsel: Risse, Brüche, Spalten. Die Guides kennen die gefährlichen Stellen. „Wer will, darf springen – die anderen gehen außen herum“, ermuntert Jeff, als es darum geht, eine etwa ein Meter breite Gletscherspalte mit einer Tiefe von ebenfalls einem Meter zu überwinden. Dann wieder die Konfrontation mit den unterschiedlichen Farben. Gefrorenes Wasser wirke wie ein schwacher Farbfilter. Eisbergkolosse mit wenigen Luftbläschen schimmerten blau, weil rotes, orangenes, gelbes und grünes Licht im Innern der Eisberge von den chemischen Bindungen im Kristallgitter des Wassereises geschluckt würde, erklärt Gletscherexpertin Sage und spricht von „selektiver Absorption“. Deshalb seien zum Beispiel auch in Spalten und Höhlen die Gletschereiswände oft tiefblau gefärbt. „Auch beim Schwarzeis spielen die weitgehend fehlenden Luftblasen eine große Rolle. Es erscheint in der Farbe seines Untergrundes, der aus dunklen Gewässerböden besteht“, ergänzt Jeff.

Irgendwo tut sich immer wieder eine Eishöhle auf

Die Stunden gehen schnell vorbei. Wieder und wieder tut sich eine unerwartete Eishöhle auf, die es – bei aller Vorsicht – sofort zu erkunden gilt. Wo ist der Weg sicher? Sage und Jeff sind mit ihren Eispickeln damit beschäftigt, jedes Risiko so gut es geht, auszuschließen. Gerade das transparente Schwarzeis erweist sich in der Praxis des Gletscherwanderns als spiegelglatt mit steinharter Oberfläche. Jeder Schritt will überlegt sein und die Entscheidung fällt leicht, in die Stapfen des Vordermannes zu treten. „Nicht überholen oder seitlich ausscheren.“ Eine Anweisung, der man gerne Folge leistet. Bergab empfiehlt Jeff den „Cowboy-Gang“. Breitbeinig geht also in diesem Fall vor „Ladylike“. Es geht durch Spalten, durch die man sich mühselig zwängen muss und die sich manchmal als Sackgasse erweisen. Kleine Becken mit Schmelzwasser schreien förmlich danach, die Trinkwasserflasche wieder aufzufüllen. Köstlich! Besser hat klares Wasser wohl noch nie geschmeckt.

Am Abend ist ein Bier fällig

Am Ende des Tages steht fest, dass das Erlebte erst einmal verarbeitet werden muss. Der Rückenwind bei der Rückfahrt auf dem Kajak tut gut – auch wenn er das Umschiffen der Eisberge nicht unbedingt einfacher macht. Auch die Euphorie des Augenblicks trägt. Entspannung und großer Gesprächsbedarf unter den Beteiligten dann im Glacier Discovery Train. Es geht zurück nach Anchorage. Ein Bier ist heute Abend fällig. Mindestens. Und morgen geht’s mit dem Wasserflugzeug in Richtung Norden. Bären in freier Wildbahn beobachten. Und Elche.

Infos zu Alaska

Alaska – eine fast unberührte Natur für Einsamkeit suchende, abenteuerlustige und aktive Menschen. Ein Land, das fünfmal so groß ist wie Deutschland, allerdings nur rund 680 000 Einwohner zählt. Anchorage ist zwar nicht die Hauptstadt (das ist Juneau), aber sie ist mit rund 300 000 Einwohnern die größte Stadt Alaskas und, wenn man so will, die einzige echte Metropole – und ist Ausgangspunkt für zahlreiche kleine und große Abenteuer. Gleich neben dem International Airport liegt der größte Wasserflughafen der Welt. Die Wildnis beginnt hinter der Stadt. Eine Reise mit dem Zug von Süd nach Nord mit Start in Seward erlaubt Blicke auf Bär & Co. Urlauber finden zahlreiche Zimmer in ruhig gelegenen Lodges, in Hotels und Motels sowie in Bed & Breakfast-Unterkünften.

Anreise: Mehrmals wöchentlich mit Condor im Direktflug von Frankfurt nach Anchorage. Iceland Air fliegt via Island nach Anchorage.

Einreise: Deutsche benötigen zur visafreien Einreise einen gültigen Reisepass und eine vor Reiseantritt bewilligte ESTA-Genehmigung.

Weitere Infos: Visit Anchorage, Anchorage, AK 99501-2212, Tel. 001-907-257-2310, www.anchorage.net.


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