Früher wäre so eine Unternehmung lebensgefährlich gewesen. Vor etwas mehr als hundert Jahren sind in diesem stärksten Gezeitenstrom der Welt – einem Strudel zwischen den Fjorden bei Bodø in Nordnorwegen – regelmäßig Fischerboote mit Mann und Maus spurlos verschwunden. Sagen und Mythen rund um Meeresungeheuer und böse Geister ranken sich um das Naturphänomen.

400 Millionen Kubikmeter Wasser

Dabei handelt es hier „nur“ um eine Strömung die durch den engen Fjord in der Nähe von Bodø durch die Gezeiten verursacht wird. „Nur“, dachten wir noch, doch als unsere Bootsführerin Meike Zylmann mit Fellmütze direkt auf einen sich drehenden, gurgelnden Wasserwirbel zurast, werden die Kräfte sichtbar und spürbar, die hier zweimal täglich wirken: 400 Millionen Kubikmeter Wasser strömen im Wechsel der Gezeiten zwischen dem Saltfjord am Meer und dem Skjerstadfjord im Inland hin und her: sie müssen durch einen 2,5 Kilometer langen, etwa 100 Meter breiten Sund. Es sieht aus, als hätte jemand am Grund des Fjords einen Stöpsel gezogen und alles Wasser verschwindet kreiselnd in der Tiefe.

Hinter dem hell-grünen Strudel ist die Wasseroberfläche plötzlich spiegelglatt. Jetzt wird das Boot schnell, richtig schnell. Wir zischen vorbei an bunten Felsformationen. Nur durch unsere Schutzbrillen können wir die schroffe norwegische Küstenlandschaft erkennen. Kälte und Wasser beißen ins Gesicht. Zurück am Steg steigen alle wackelig vom Schnellboot, haben aber viele neue Erkenntnisse une Eindrücke über Naturgewalten.

„Kennt ihr Friluftsliv?“

„Kennt ihr Friluftsliv?“ fragt die deutsche Wahlnorwegerin Maike Zylmann. Jetzt ja. Freiluftleben – das ist in Norwegen alles rund ums Schippern, Wandern, Joggen, Camping oder einfach Draußen sitzen und auf das Nordlich warten, gern auch bei klirrender Kälte. Die Polarlichter, dieses floreszierende Flackern am Winter-Nachthimmel gehört zur zweiten großen Attraktion des ehemaligen Nato-Stützpunktes Bodø. Geduldige Chauffeure kutschieren Abend für Abend aufgedrehte Touristen aus Zentraleuropa raus aus der Stadt und rauf auf den Hausberg. Dort warten bereits andere Friluft-Anbeter in einer Zeltkuppel, genannt Arctic Dome, bei heißem Tee und Keksen. Immer auf dem Sprung nach draußen, in die kalte Polarluft – falls die Wolkendecke aufreisst und das magische Schauspiel geboten wird.

Die Stadtväter der Provinzhauptstadt, die 200 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt, haben sich viel vorgenommen: Der Flughafen, der im Kalten Krieg für Agenten-Stories sorgte, soll aus dem Stadtgebiet verschwinden. Stattdessen wird eine Smart City entstehen, mit selbstfahrenden Elektro-Bussen und Autos und allerlei digitalem Schnickschnack.

Hier pfeift oft kalter Wind

Aus 50.000 Einwohnern sollen 70.000 werden. Und das merkt man: Ein neues Kulturzentrum mit Bibliothek mit dem bezeichnenden Namen Stormen und neue Hotels zieren bereits das Hafengebiet. Hier pfeift oft kalter Wind. Auch im Sommer steigt die Temperatur an der Küste nicht über 15 Grad. In dem nahen Gebirge allerdings kann es im Sommer unter der Mitternachtssonne schön warm werden. Schnee ist in Bodø Mangelware. Dafür haben die Dörfer, die nur einhundert Kilometer weiter östlich in den Bergen liegen, umso mehr davon.

Urlaub in Norwegen - Anja Steinbuch -6

Zum Beispiel das ehemalige Kupferbergwerksstädtchen Sulitjelma. Die Kleinstadt liegt verlassen auf 600 Metern Höhe in einer idyllischen Schneelandschaft. Silos und Fördertürme ragen aus dem unbehelligten Weiß. 1991 wurde die Mine geschlossen. Street-Art-Künstler haben Gebäudefronten mit Graffitis verziert. Touristen kommen allerdings meist wegen der Ski-Pisten und Loipen – Friluftsliv. Schnee liegt manchmal bis Juni. „Wir wollen die Orte wiederbeleben“, verspricht Erik Jensen Liland, der hier aufgewachsen ist. Seine Familie hat einige der bunten Arbeiterhäuser ein paar hundert Meter weiter im Dorf Jakobsbakken aufgekauft und zu so genannten Lodges ausgebaut – mit gemütlichen Parkettböden und Kachelöfen.

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Auch im Sommer steigt die Temperatur an der Küste von Nordnorwegen nicht über 15 Grad. (Fotos: Anja Steinbuch)

Friluftsliv in Reinform

Mitten im arkischen Winter kann man hier vor der Haustür die Langlauf-Skier anschnallen oder sich von einer kleinen Meute begeisterter Schlittenhunde stehend durch die Landschaft ziehen lassen. Die Luft ist so klar und kalt wie die Farben die diese Kulisse umgeben. Und die Stille – Friluftsliv in Reinform.

Weitere Infos zur Reise

  • Hinkommen: Die norwegische Regionalfluglinie Widerøe fliegt im Winter zweimal in der Woche direkt von Hamburg oder München (dreimal ab 30. März) nach Bergen. Von dort gibt es Anschlüsse nach Bodø. Vom 1. Juli bis 31. August wird ein Explorer-Ticket für unbegrenzte Flüge in zwei Wochen angeboten (www.widerøe.no).
  • Übernachten: im Hotel Scandic Bodø: ab 127 Euro/Nacht. Ein Apartment im Jakobsbakken Mountain Resort für acht Personen kostet etwa 600 Euro/Nacht.
  • Gezeitenstrom und Polarlicht: Winter-RIB-Safaris auf dem Saltstraumen mit Stella Polaris, ab 36 Euro/Person; Nordlicht-Touren mit Polar Tours ab 90 Euro/Person.
Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.