Sich wie Tom Sawyer und Huck Finn fühlen

Eine Flussfahrt mit selbstgebautem Floß in Värmland

Sich wie Tom Sawyer und Huck Finn fühlen

Mit Kindheitsträumen ist das so eine Sache. Die meisten erfüllen sich nie. Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, wie Tom Sawyer und Huck Finn auf einem selbstgebauten Floß den großen Fluss hinunterzuschippern und dabei so manches einmalige Abenteuer zu erleben. Unerfüllbar? Von wegen.

Geht sogar relativ einfach. Man muss auch nicht nach Übersee reisen und es muss auch nicht der Mississippi sein. „Ol‘ man river“ darf man auch aus voller Kehle singen, wenn man in der mittelschwedischen Region Värmland auf dem mächtig langen Kläralven unterwegs ist. Und es gibt die Chance, für einen oder mehrere Tage zu einem echten Helden zu werden.

Flossfahrt Värmland - Wilfried Geiselhart - Värmland 13 Breitengrad53

Die Floßfahrt in Schweden startet bei „Ulvsby Hergard“ in Sunne. (Fotos: Wilfried Geiselhart)

Die schwedische Flagge steht stramm im Wind

Der Morgen eines aufregenden Tages beginnt zunächst einmal ganz beschaulich. Am Frühstückstisch von „Ulvsby Hergard“ in Sunne. Der Blick richtet sich auf den wenige Meter entfernten See Fryken und auf das herrlich nostalgische Saunahäuschen, in dem sich die deutschen Urlauber am Vorabend einige urig-entspannende Stunden gegönnt und nach ordentlichem Schwitzen die perfekte Abkühlung direkt im erfrischend kühlen Seewasser gefunden haben. Was heute ein Hotelbetrieb mit echter Gourmetküche ist, war in früheren Jahrhunderten ein Herrenhaus, dessen Ursprünge bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen. 1649 hat die schwedische Königin Christina hier schon ihre Finger im Spiel gehabt. 200 Jahre später hatte Sheriff Anders Wahlstrand an gleicher Stelle seinen Sitz inklusive zugehörigem Gefängnis. Er soll sogar als Romanvorlage für Selma Lagerlöfs berühmte „Gösta Berlings Saga“ gedient haben. Fast zu schön um wahr zu sein, dass beim Gedanken an die Literaturnobelpreisträgerin wie bestellt ein Schwarm von Nils Holgerssons Wildgänsen an diesem wunderschönen Morgen vorbeifliegen. Die schwedische Flagge steht stramm im Wind. Gut gefrühstückt? Also raus aus der Komfortzone.

Der Vänern-See, das größte Binnengewässer in Westeuropa

Der Klarälven fließt träge durch die Landschaft im schwedischen Värmland. Von Norwegen kommend mündet er nach 478 Kilometern in Karlstad in den Vänern-See, das größte Binnengewässer in Westeuropa. Noch bis ins Jahr 1991 wurde auf dem Klarälven Flößerei betrieben und Unmengen von Baumstämmen nach Süden transportiert. Die potentiellen Flößer von heute müssen zunächst einmal etwas über den Bau und die Steuerung des eigenhändig zu bauenden Floßes erfahren. Guide Jan ist genau der richtige, um die nötigen Tipps zu geben. Eines wird schnell klar: Kräftiges Zupacken ist nicht nur erwünscht, sondern unbedingt erforderlich. Aber lange „Watstiefel“ aus Neopren, die bis zu den Schenkeln reichen und – fast wie Strapse – am Gürtel der Hose befestigt werden – muss das denn wirklich sein?

Drei und sechs Meter lange, auch unterschiedlich dicke Baumstämme lagern am Flussufer. Jede Menge Seile und sonstiges Equipment. Das Floß soll später mal aus drei Lagen á 3×6 Metern bestehen, die mittels besagter Seile und fachmännischen Knoten zusammengezurrt werden – und insgesamt mehr als zwei Tonnen wiegen. Auf der obersten Plattform ist aus Stangen und einer Plane ein Zelt zu erstellen – als Sonnen- und Regenschutz während der Fahrt. Das Ganze erfordert krassen Körpereinsatz und dauert im Normalfall für zwei bis vier Erwachsene sicher locker einen halben oder ganzen Tag. Mit professioneller Hilfe geht’s schneller – Jan und seinen Kollegen sei Dank. Dass es für den eigentlichen Bau des Floßes in knietiefes Wasser geht, daran kommt mal als abenteuerlicher Tourist aber nicht vorbei. Erfüllen die Watstiefel aus Neopren doch noch ihren Zweck.

 

Erst pinkeln, dann paddeln

„Hey Guys. Ready to Start?“ Logo. Aber nicht vergessen, vorher noch zu pinkeln. Kräftiges Abstoßen mit einer überlangen Stange durch Jan, redlich bemühtes Paddeln durch den Rest der Besatzung und schon entfernt sich das stattlich anzusehende Floß mit seinen zwei Kajaks im Schlepptau vom Ufer. „Der Klarälven fließt ganz gemütlich dahin. Ihr könnt euch ihm anvertrauen und müsst nicht ständig rudern oder steuern“, wird Jan fast ein wenig philosophisch. Gut so. Die Entspannungsphase kann also beginnen. Durchschnaufen und genießen. Vor allem die Schönheit der Natur und die fast unbeschreibliche Stille, Kein Wunder, dass dieses ökotouristische Abenteuer von National Geographics in die List der „50 Tours of a Lifetime“ aufgenommen wurde. „Wisst ihr, zu uns kommen die unterschiedlichsten Leute aller Altersklassen“, kommt Jan ins Plaudern. „Familien mit Kindern, Erwachsenengruppen – auch Firmen, die eine Floßfahrt als Teamfindungsseminar nutzen. Hier geht es um Vertrauen und Selbstvertrauen. Um den Einklang mit der Natur und ums Runterkommen vom Stress des Alltags. Und um das Gefühl, am Ende des Tages etwas geleistet und geschafft zu haben, dass man sich vielleicht gar nicht zugetraut hat. Viele unserer Gäste entscheiden sich für Mehrtagestouren, um 50 Kilometer, vielleicht sogar bis zu 100 Kilometer auf dem Fluss zu bewältigen. Geschlafen wird auf dem Floß, in Zelten am Ufer oder in Hütten – je nach Geschmack und Abenteuerbereitschaft. Das schwedische Jedermannsrecht erlaubt das Übernachten in der Natur praktisch überall. Und glaubt mir: abends am Lagerfeuer schmeckt der selbst gefangene Fisch am allerbesten.“

Es gilt, diverse Strudel zu umschiffen

Es geht voran, in gemächlichem Tempo von zwei bis drei Stundenkilometern. Gelegentlich auftauchende Hindernisse wie Sandbänke oder herabhängende Äste im ufernahen Bereich sind allerdings nicht zu unterschätzen. Das Steuern des schwerfälligen Floßes ist recht mühsam und erfordert gegebenfalls vorausschauendes Denken und Eingreifen. Auch diverse Strudel sind zu umschiffen, wenn man sich nicht längere Zeit nur im Kreis drehen will. Ein kleiner Ausflug mit einem der mitfahrenden Kanus sorgt für Abwechslung und für perfekte Fotomotive. Der Fluss gibt den Takt vor und die Landschaft zieht langsam vorüber. Fünf, sechs Stunden auf dem Floß vergehen wie im Flug. Gut, dass Jan auch für warmen Kaffee und ein leckeres Picknick gesorgt hat. Spannend wird aber das Anlegemanöver, das gut und rechtzeitig vorbereitet sein will. Jan ist der Boss. Er weiß, was zu tun ist und er gibt die richtigen Kommandos. Und er ist dafür verantwortlich, dass sich seine Gäste auch diesmal wieder keine nassen Füße holen. Der Endpunkt Gunnerud ist erreicht. Komisch, aber irgendwie fühlt man sich wirklich wie ein kleiner, nein sogar wie ein großer Held.

Flossfahrt Värmland - Wilfried Geiselhart - Värmland 10 Breitengrad53

Gegessen wird im Kuhstall

Zwei Stunden später ist Relaxen angesagt – im Hotel Sahlströmsgarden am Stadtrand von Torsby, das auch auf eine hundert Jahre lange Geschichte zurückblicken kann und im Speziellen durch seine künstlerische Ausstrahlung überzeugt. Diniert wird hier übrigens in der wunderbar rustikalen Atmosphäre eines ehemaligen Kuhstalls. Doch zuvor geht’s wieder ins Warme, wieder in eine urige Saunahütte. Wieder er Sprung ins eiskalte Wasser – diesmal in den Sirsjön See. Und die Überlegung, sich beim nächsten Mal doch den ultimativen Kick und die komplette Siebentagestour auf dem Kläralven zu geben. Könnte anstrengend werden, aber auch irre romantisch und erholsam. Vielleicht, wer weiß.

Morgen geht’s in die Region Dalarna. Unweit von der Stadt Särna betreibt ein deutsches Ehepaar einen eigenen Elch- und Huskypark. Auch das verspricht neue spannende Eindrücke. Aber das ist eine andere Geschichte aus Mittelschweden.

Weitere Infos zur Reise nach Värmland

Värmland: Das Land der Seen und Wälder

Große Gewässer und Naturattraktionen prägen die Region Värmland in Mittelschweden: Hier gibt es 11 000 Seen. Schwedens längster Fluss Klarälv fließt mitten durch die Provinz, bevor er in der Nähe von Karlstad in den Vänern mündet. Er ist der größte See Westeuropas und ideales Urlaubsgebiet für Wassersportler. Die Region, hat aber nicht nur Wasser, sondern auch jede Menge Platz zu bieten. Auf einer Fläche von mehr als 19 000 Quadratkilometern leben rund 320 000 Menschen – also gerade einmal 17 Personen pro Quadratkilometer. Die von der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf beschriebenen blauen Berge sind hier ebenso zu finden wie die einsamen, schneebedeckten Wälder des Malers Gustaf Fjaestad.

Dalarna – das Herz Schwedens

Die Provinz Dalarna liegt in Mittelschweden und grenzt im Westen an Norwegen und die schwedischen Gebirge. Hier dreht sich vieles um Tiere, um Natur und die Farbe Rot – und das nicht nur deswegen, weil das berühmte Dalapferd allgegenwärtig zu sein scheint und man sich an den dunklen Wäldern, den glitzernden Seen und den schnuckeligen roten Holzhäuschen nicht satt sehen kann. Fröhliche Schweden, die in Volkstracht an Mittsommer um den Maibaum herumtanzen, auch das gehört zu Dalarna, ebenso wie der berühmte Wasalauf, bei dem sich jährlich rund 15 000 Skilangläufer auf der 90 Kilometer langen Strecke zwischen Sälen und Mora tummeln. Auf einer Fläche von rund 30 000 Quadratkilometern wohnen in Dalarna etwa 280 000 Einwohner, was einer Bevölkerungsdichte von neun Personen je Quadratkilometer entspricht. Die Provinzhauptstadt ist Falun.

Anreise nach Värmland

Zum Beispiel in knapp drei Stunden mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Karlstad – zweimal täglich mit bmi regional.

Weitere Informationen

www.visitvarmland.se/en

www.visitdalarna.se/de

www.vildmark.se/de

HInweis: Die Reise erfolgte auf Einladung

Print Friendly, PDF & Email

Send this to a friend