Provence und Camargue gehören zu den Sehnsuchtszielen dieser Welt: Lavendel- und Sonnenblumenfelder, die Weinberge der Päpste, Römerbauten, weiße Pferde und rosa Flamingos. Breitengrad53-Autorin Liane Ehlers war eine Woche und fast 300 Kilometer durch Frankreichs Süden auf den Spuren des Mistral unterwegs. Was sie bei dieser geführten Fahrradtour des Veranstalters „Die Landpartie“ von Lyon nach Nîmes gesehen und verzaubert hat, erfahrt Ihr hier und in weiteren Folgen.

Mit dem Mistral unterwegs

201510 Provence–3

Die Landpartie-Route

Für mich ist diese Reise in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Als Oldenburgerin ist das Fahrrad mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Radtouren von 40 bis 60 Kilometern mit zwei, drei Freunden gehören zu meinem Freizeitvergnügen. Aber eine geführte Radtour mit einer 16-köpfigen Gruppe – und dann noch mit einem E-Bike, zu dem ich mich nach langem Zögern entschlossen habe – das ist absolut neu. Die Hälfte der Gruppe fährt E-Bike, die andere mit einem guten 8-Gänge-Rad. Um es vorwegzunehmen, spätestens in den Weinbergen von Châteauneuf-du-Pape bin ich heilfroh, das E-Bike gewählt zu haben. Bergfahrten sind etwas ganz anderes als im Flachland gegen den norddeutschen Wind anzukämpfen. Und dabei ist uns der Mistral, mit dem wir in der Ebene Richtung Süden bis zum Mittelmeer in die Camargue „fliegen“, meist wohlgesonnen.

Lyon: Hauptstadt der Gastronomie

 

Unsere Reise beginnt in Lyon und steht unter dem Motto „Fest der Sinne“. Schmecken, riechen, fühlen, hören und sehen. Die Provence gehört zu den vielseitigsten Regionen Frankreichs. Ebenso wie unsere Guides Florian Wöllfert und Pit Giesen, der das Begleitfahrzeug fährt, werden uns auch das Versepos „Mirèio“ des Literaturnobelpreisträgers Frédéric Mistral (1830-1914), die antiken Bauten der Römer, der Duft von Kräutern, die feine Küche der Provence, die edlen Weine der Päpste und Pits tägliches, exquisites Picknick zur Mittagszeit an einem besonders idyllischen Ort – das Markenzeichen der „Landpartie“ – begleiten.

In Lyon, das am Zusammenfluss von Rhône und Saône liegt, fahren wir mit der Zahnradbahn den Hügel hinauf zur Basilika Notre-Dame de Fourvière, die ein Bilderbuch der Kunstgeschichte verschiedener Jahrhunderte, Wallfahrtsort und Weltkulturerbe zugleich ist. Vom Fourvière-Hügel aus hat man einen wunderbaren Panoramablick auf Neu- und Alt-Lyon mit seiner Kathedrale Saint-Jean; bei gutem Wetter sogar bis zum höchsten Berg Europas, dem Mont Blanc. In der Römerzeit war Lyon die größte Stadt Galliens mit 140.000 Einwohnern, heute leben im Großraum 1,3 Millionen Menschen.

Lyon mit seinen Römerbauten, seinem morbiden Charme und den Häusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert ist auch die Stadt von Drei-Sterne-Koch Paul Bocuse, der sie vor über 60 Jahren zur Hauptstadt der französischen Gastronomie gemacht hat. Es ist aber auch die Stadt der Buchdrucker im 15. Jahrhundert, der Seidenindustrie und die Hochburg der Resistance im Zweiten Weltkrieg. „Lyon war früher eine leuchtende Stadt, die Farbe Gelb hat die Häuser dominiert“, erzählt Stadtführerin Anneliese Dogas, die uns durch die geheimnisvollen Hinterhöfe und verwinkelten Tunnelgänge (Traboules) zwischen den Häusern führt, die für Hollywood-Filme die perfekte Kulisse abgeben. Der Tag endet in einem für Lyon typischen Lokal mit einem Drei-Gänge-Menu mit Coq au Vin als Hauptgericht und dem Wein der Päpste.

Orange: Lebendes Erbe der Weltgeschichte

Am nächsten Morgen geht es mit dem TGV nach Orange, wo wir von Pit die Räder und Fahrradtaschen übernehmen. Florian erklärt uns, wie jeden Tag, die heutige Route, die mit 22 Kilometern nicht lang ist, aber durch die Weinberge der Päpste führt. Orange ist ein lebendes Erbe der Weltgeschichte. 200.000 Gäste kommen jedes Jahr in die Stadt, um den Arc de Triomphe auf der alten Via Appia und das Römische Theater mit seinen Sommer-Festspielen zu besuchen. In einer Nische der Mauer, die König Ludwig XIV. die „schönste seines Königsreichs“ genannt hat, steht die Statue von Kaiser Augustus, die erst im 19. Jahrhundert wiedergefunden und aufgestellt wurde.

Die Weinberge der Päpste

Nach dem mittäglichen Picknick wird es anstrengender, denn wir fahren durch die Weinberge von Châteauneuf-du-Pape, einem Zusammenschluss verschiedener Weingüter. Noch hängen die zuckersüßen, blauen Trauben an den Weinstöcken. Wir treffen Arbeiter bei der Lese und genießen bei strahlendem Sonnenschein den herrlichen Ausblick auf den Mont Ventoux in der Ferne, der mit seinen 1912 Metern die Provence dominiert. Für die Kelten war er wahrscheinlich ein heiliger Berg, für die Tour-de-France-Profis und für Hobbyradler ist er eine Herausforderung, die eher mit Leiden verbunden ist.

Für uns steht am Ende der Tagestour durch grandiose Landschaften mit einer Besichtigung des Weinmuseums von Châteauneuf-du-Pape samt Weinprobe der Genuss. Von hier sind es noch fünf Kilometer bis zu unserem Landhotel „La Sommellerie“, das im Gault Millau geführt wird. Wie alle unsere Herbergen auf der Tour besitzt es einen Swimmingpool, in dem sich müde Radfahrerbeine entspannen können – bis zum nächsten Morgen.

Die Autorin wurde von „Die Landpartie“ auf diese Reise eingeladen. © alle Bilder der Reise: von Liane Ehlers

> Teil 2 der Reise: Sur le Pont d’ Avignon
> Teil 3 der Reise: Camargue-im Reich der rosa Flamingos

Reise-Infos in Kürze

Die geführten Radreisen von „Die Landpartie“ folgen nicht ausgeschilderten Radwegen. Streckenwahl, Begegnungen, Hotels, Besichtigungen und Führungen sind gut aufeinander abgestimmt. Ein Reiseleiter per Rad sowie einer im Begleitfahrzeug sorgen für den Gepäckservice und das Mittagspicknick. Der Oldenburger Veranstalter bietet auch individuelle Radreisen und geführte Wanderradreisen sowie Silvesterreisen an. Tel: 0441/ 570 683 0

Reiseliteratur: Reise-Handbuch „Provence Côte d’Azur“, Dumont, 456 Seiten, 22.95 Euro

 

[mappress mapid=”69″]