Über die Ostsee ins Land der Saunafetischisten

Entschleunigung – die Finnen wissen, wie es geht

Die Lesezeit beträgt etwa: 9 Minuten, 43 Sekunden

An Deck der Finnstar: „Sie gehen ständig in die Sauna, haben Millionen Handys und kämpfen mit Milliarden Mücken“ schreibt Autor Wolfram Eilenberger in seinem Bestseller „Finnen von Sinnen“. Ich muss schmunzeln, als ich das Buch auf dem blankgeputzten blauen Boden der Fähre „Finnstar” entdecke.

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Zum Lesen soll genügend Zeit sein in den folgenden 28 Stunden – auf dem Weg von Travemünde nach Helsinki. Meine erste lange Schiffsfahrt. Mulmiges Gefühl im Bauch? Ganz und gar nicht – bis es desnachts etwas wackelt, als wir endlich ablegen. Es ist 3.30 Uhr – Leinen los für unsere Reise über die Ostsee. Was auf der Hinfahrt kaum zu spüren war, wurde auf unserem Rückweg umso heftiger. „Bei rauer Wetterlage schlagen die Wellen zehn bis elf Meter hoch“, erzählt der Kapitän Jussi Auer. Davon bleiben wir glücklicherweise verschont.

Wunschlos glücklich an Bord der Finnstar

Es ist Mitternacht: Check-in auf Deck 7. Es geht schnell und unkompliziert, nur wenige Minuten später beziehen wir unsere Kabinen ein Deck höher. Hier bleibt kein Wunsch offen: Einladend das bequeme Doppelbett, der Schrank bietet selbst für Gepäck süchtige Frauen genügend Platz, vom Sofa kann man deutsches Fernsehen schauen und aus der Dusche im eigenen Bad sprudelt heißes Wasser. Eine nächtliche Bahnfahrt im VIP-Abteil der Deutschen Bahn von Berlin nach München war deutlich ungemütlicher.

Zurück zum Schiff. Um Mitternacht werden wir mit einem Snack überrascht, garniert mit der wunderbaren Nachricht, am kommenden Morgen ausschlafen zu dürfen. Von der Ostsee getragen, sanft ins Land der Träume geglitten, Wiedersehen mit der Gruppe gegen zehn Uhr früh. Gemeinsamer Brunch! Was immer das Herz begehrt – es ist da! Deftig oder süß, Frühstück oder Mittagessen, warm oder kalt. Unfassbar, dass nur drei Personen in der Küche für unser aller Wohl sorgen und die Speisen bis 13 Uhr auf das Buffet zaubern. Immerhin finden 550 Passagiere Platz an Bord. 38 Crewmitglieder horchen auf Captain Jussi, der uns Zutritt zu seinem Allerheiligsten gewährt – der Kapitänsbrücke. „Das Zusammenspiel von Wind, Geschwindigkeit und Wellen ist von hoher Bedeutung“ verrät der gebürtige Finne. Volle Kraft voraus mit 23 Knoten – 46 Stundenkilometer.

Einfach nur sein – auf dem Weg nach Helsinki

Ein ganzer Tag an Bord: Die Sonne scheint, der Wind weht frisch, aber eingepackt in dicke Daune ist die Überfahrt nach Helsinki ein wahrgewordener Traum. Einfach mal nur sein. Die Gedanken im Rhythmus der Wellen dahinfließen lassen, den Stress auf weite Reise schicken, die Leichtigkeit des süßen Nichtstuns genießen. Und da Saunieren zum Kulturgut der Finnen zählt, warten schon an Bord zwei Saunen und Whirlpools – kostenfrei wie der Fitnessraum mit Laufband und Rudermaschinen.
Ich laufe lieber an Deck dem Wind entgegen, lasse mich von kräftigen Böen durchpusten und genieße das gesellige Treiben mit meinen reiselustigen Kollegen. Die Bar Navigare lockt besonders trinkfeste Skandinavier und übrige trockene Kehlen den ganzen Tag mit handfesten Drinks unter Deck, wo sogar W-LAN süchtige Onlinejunkies voll auf ihre Kosten kommen.

Bis zum Superior Dinner ist ein kleines Nickerchen fällig – so ein Seetag macht nicht nur hungrig, sondern auch mächtig müde. Das süße Nichtstun eben.
Nach einer weiteren Nacht legen wir morgens um neun am Vuosaari-Hafen nahe Helsinki an. „Der Weg ist das Ziel“ sagt man – wir freuen uns aber auch auf relaxte Tage im großen Land für Individualisten. Mit festem Boden unter den Füßen.

201612 Finnland Finnstar Finnlines breitengrad53 Reiseblog (26 von 48)

Land in Sicht – Finnland voraus

5 Millionen Finnen – 3 Millionen Saunen

„Tervetuloa!“ begrüßt uns Kiti Häkkinen, unsere Reiseleiterin für die kommenden Tage. Ein offenherziges „Willkommen“. Ein schräges Völkchen mit einem sehr speziellen Humor. Liebenswert. Kein Wunder, dass Samu Haber seit der TV-Show „The Voice of Germany“ von einer so großen Fanschar umgeben ist. Die Finnen nehmen sich selbst nicht so ernst und eines wissen sie besonders gut zu praktizieren: Ent-schleu-ni-gung! Ich freue mich auf die endlose Natur, tiefblaue Seen und Entspannung in der Sauna. 3,1 Millionen Saunen für 5 Millionen Finnen – wow!

Saunieren ist Lifestyle in Finnland. Babys sind bei ihrer Saunataufe erst wenige Monate alt und bleiben später ihr ganzes Leben lang dabei. „Ein Ort der körperlichen und seelischen Reinigung – im wahrsten Sinne des Wortes entblößen wir uns und dringen vor ins Innerste des Menschseins“, verrät Kiti kichernd. „Sauna“ ist übrigens das einzige finnische Wort, das von anderen Sprachen übernommen wurde – und ist gleichzeitig ein Synonym für die Menschen, das Land, die Kultur Finnlands. Ob ein zehnminütiger Sauna-Blitzbesuch oder ein ganzer Tag inklusive Grillen, Schwimmen und Feiern – die Finnen lieben ihre Tradition und jede noch so kleine Wohnung ist mit einer Sauna ausgestattet. Das Parlament in Helsinki natürlich auch. „Wenn dich ein Finne in die Sauna einlädt, kannst du dir seiner Sympathie gewiss sein“. Der Sprung in den eiskalten See – und das splitterfasernackt – gehört dazu wie das obligatorische Bier. Na dann „Kippis“ (Prost)!

Heli-Landeplatz für den Scheich am Päijänne-See

Am traumhaft gelegenen Päijänne-See, rund zweieinhalb Stunden nördlich von Helsinki, kommen wir in den Genuss dieser körperlichen und seelischen Glückseligkeit. Herr über 20 Seevillen des Traumresorts „Lehmonkärki“ ist Ari Yrjölä, der – in 16. Generation – getreu dem Motto „Nichts ist unmöglich“ sogar einen Heli-Landeplatz bauen ließ. Der Scheich von Oman hatte sich schließlich die exklusive Designvilla Vellamo für einen Businesstrip inklusive Entschleunigung in hochmoderner Saunaoase ausgesucht. „Viele Gäste wünschen es sehr luxuriös – je außergewöhnlicher desto besser.“

Balsam für die Seele im Mökki

Ich liebe es einfach. Je einfacher desto besser kann ich entspannen, loslassen, zur Ruhe kommen. Eine Holzhütte am Hang. Den Blick durch dichtbewachsene Wälder direkt auf den tiefblauen See schweifen lassen, die „sauberste Luft der Welt“ atmen, inmitten dieses magischen Fleckchens Erde. Jeder Finne hat mindestens ein Mökki (=Holzhaus) irgendwo in der Wildnis. Mein Mökki steht am Päijänne-See. Ich genieße die Stille, die Weite, pure Natur. Der Wald hat etwas Magisches, hier fühlt sich nicht nur der Finne wohl.

Superfood in Reinform

Die ganze Welt philosophiert über Entschleunigung, Superfood, veganes Essen. Hier erleben wir all das in Reinform. Ohne Handyempfang endlich mal die Seele baumeln lassen. Der Sprung in den eisigkalten Natursee. Im Dickicht der Wälder meditieren. Den Beerenliebhabern und Waldgourmets auf der Spur, saftige Himbeeren, Preisel- und Erdbeeren sammeln und direkt in den Mund stecken. Das erinnert an Kindheit, lässt mein Herz melancholisch werden und höher schlagen. Wer braucht da Goji-Beeren?

Bären wurden hier auch schon gesichtet, rund 500 große Braune wohnen in den riesigen Waldgebieten Finnlands. Hier wird es einem leicht gemacht, runter zu kommen. „Horcht genau hin, seid achtsam“, flüstert unsere Meditationslehrerin, um unsere Sinne zu schärfen. Wir versinken im weichen Moosboden, lauschen dem Rauschen der Bäume und dem Zwitschern der Vögel. Wohltuend ist die Tradition des „Auspeitschens“ mit Birken- oder Lindenzweigen. Maaria hat den lockeren Schwung mit den selbstgebastelten Zweigen raus – sie will den Gästen helfen, zwischen den Saunagängen Blockaden zu lösen. Es ist ihr gelungen.

Paddeln im Kajak oder Kanu, allein oder mit Sportsfreunden – ein Hochgenuss in den schier endlosen Weiten der Seen, das Dahingleiten gleicht purer Tiefenentspannung. Sportsfrau Kirsi begleitet uns, leitet uns, schwelgt in ihrer geliebten heimatlichen Umgebung. Viel zu kurz, der Vormittag am See. Aber eine perfekte Auszeit, um die Hektik des Großstadttrubels hinter sich zu lassen und abzuschalten, Raum zum Atmen Zeit zum Träumen zu nehmen.

Zeit zum Träumen – am finnischen Meerbusen

Zurück an der Küste, etwa 50 Kilometer östlich von Helsinki, am Finnischen Meerbusen, verzaubert uns das malerische Städtchen Porvoo. Hohe Hacken sollte man auf den kopfsteingepflasterten Gassen besser nicht tragen. Wie eine Spielzeugstadt wirken die pastellfarbenen Holzhäuser aus dem 17. Jahrhundert und die zuckersüße Kirche, in der Rennfahrer Mika Häkkinen geheiratet hat, was einen regelrechten Hype ausgelöst hat.

Feinschmeckerparadies Porvoo

Porvoo steht auch für kulinarische Hochgenüsse. Das Restaurant „Zum Beispiel“ führt der Chemnitzer Georg Simojoki, seit mehr als 20 Jahren nennt er Finnland sein Zuhause. Den eigenwilligen Humor der Finnen hat er längst übernommen: Ein Gericht heißt „Tote Oma“, Blutwurst mit Graupen. Bioqualität ist Ehrensache. Das beste Lunch wird im Hotel Onni serviert, hier fühlt man sich Jahrhunderte zurück versetzt, nur das Essen entspricht dem Geschmack und dem Zeitgeist Reiseliebender.

Unabhängig, eigenwillig, individuell

Später lernen wir die eigenwillige und sehr erfolgreiche Künstlerin Riitta Nelimarkka-Seeck kennen. Die Roothaarige mit der tiefen Stimme knüpft in liebevoller Handarbeit knallig bunte Webteppiche. Und wie viele ihrer Landsleute geht sie gern auf die Jagd, das beweist ein ausgestopfter Elch an der Wand – nicht jedermanns Sache. In Finnland aber große Tradition.

2017 feiern die Finnen den 100. Geburtstag ihrer Unabhängigkeit und für mich steht fest: Dieses Land hoch oben im Norden möchte ich noch viel mehr entdecken und bin dann auch gerne gemeinsam mit den Finnen ganz von Sinnen …!

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Weitere Informationen

  • FINNLAND Infos: www.visitfinland.de
  • ANREISE auf dem Schiff: www.finnlines.de, Mit der „Finnstar“ 28 Stunden von Travemünde nach Helsinki. Abfahrt der Finnlines-Fähren am Skandinavienkai in Travemünde, 30 Minuten Fahrt vom Hauptbahnhof in Lübeck mit dem Bus Nr. 30. Die Preise für die Überfahrt von Travemünde nach Helsinki variieren je nach Saison, Personenanzahl, PKW-Länge, Kabinenwahl. Wer Hin- und Rückfahrt gleichzeitig bucht, bekommt 20% Rabatt auf die Rückreise. Ein Preiskalkulator auf der Website errechnet den genauen Preis.
  • WOHNEN
    • Päijänne-See: www.lehmonkarki.fi
      Das Resort „Lehmonkärki am südlichen Ende der finnischen Seenplatte, in der Nähe von Lahti. 20 Villen, 145 Schlafzimmer. Idealer Ort für Outdoor-Aktivitäten: Paddeln, Schwimmen, Eistauchen, Schneeschuhwandern, Curling, Angeln, Langlauf, Husky-Schlittenfahrten. Die einfachsten Villen (mehrere Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer, Sauna und Außen-Jacuzzi) kann man ab 700 EUR pro Woche bzw. 220 EUR am Wochenende mieten. Die exklusive Designvilla Vellamo ( die einzige mit Präsidentenstatus in ganz Finnland) für max. 14 Personen kostet 3.500 Euro/Tag. In der Saunawelt warten die 100-jährige Rauchsauna, Glaspanoramasauna, eine Iglu-Sauna sowie ein großer Whirlpool unter freiem Himmel.
    • Porvoo: www.haikko.fi
      Hochherrschaftlich wohnen im 50 Jahre alten Herrenhaus für 400 Gäste. Inmitten eines schön gestalteten Gutsparks am Meer. Exquisite Küche in edlem Ambiente, riesiges Spa mit Anti-Age Behandlungen, Zahnaufhellungen, Fettvereisungen. Kleiner Swimmingpool, wenige Saunen. 30 Minuten Autofahrt von Helsinki und 10 Minuten bis zur idyllischen Altstadt Porvoo. Ab 130 Euro im DZ.
  • Essen und Trinken Porvoo: Deutsch-Finnisches im Deli & Catering „Zum Beispiel“ www.zum.fi
    Bestes Lunch im Boutique Hotel „Onni“ www.hotelonni.fi
  • Finnland aktiv: www.fenixohjelmapalvelut.fi
    Kirsi Reinikka leitet das Outdoor-Unternehmen „Fenix“.erkunden. Kanufahrten, Schneeschuhwandern, Meditation uvm.

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