Finca mit Vorsicht
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Der Gärtner ist aktiv. Pfirsichfarbener Oleander, pfeilschlanke Pinien, knorrige Olivenbäume und filigranes Lampenputzergras umranden den Pool, dessen nachtblau schimmerndes Wasser zu einer Abkühlung einlädt. All diese Naturschätze warten auf Gärtner Nasris unermüdlichen Einsatz. Auf der Finca Son Bleda, in alten Klostergemäuern aus dem 11. Jahrhundert im Nordwesten der Insel, existiert ein Mallorca ganz ohne Corona, aber mit leckeren Tapas, Traum-Meerblick und munteren Ausflügen in die Bergwelt des Tramuntana Gebirges, an den Strand von Sóller oder sogar ins städtische Palma.

Mallorca hat’s hart erwischt in Corona-Sommer 2020: Gerade wiedereröffnet, folgte – nach Ballermann-Exzessen – prompt die nächste Reisewarnung für die Insel. Doch wer auf einer Finca in Ruhe entspannen und ein bisschen Land und Stadt genießen will, kann, von jeweils aktuellen Quarantäne-Regeln abgesehen, eigentlich getrost auf die Insel reisen, wo sich eine Erfahrung momentan noch mehr als zuvor bewahrheitet: Es kommt ganz auf einen selbst an, welche Art von Urlaub man auf Mallorca macht. Zurzeit winkt ein sonniger Herbst ohne Touristenströme. Aber auch für den Finca-Neustart im Frühjahr sollte man jetzt buchen, um den Hoteliers Sicherheit zu geben. Die Hälfte der Miet-Fincas seien für den Monat Juli 2021 bereits belegt, teilte der größte Finca-Vermittler der Insel „Fincallorca“ mit, der 1500 private Objekte verwaltet.

Son Bleda: Finca mit Herz

Mallorcas Debakel in Zahlen: Laut Branchensprecherin María José Aguiló waren Mitte September ganze 28 Prozent der Hotels auf der Insel – also knapp ein Drittel – geöffnet. Die Finca Son Bleda hoch oberhalb von Sóller auf der Straße ins Künstlerdorf Deià gehörte dazu, ein exquisites Refugium mit mittelalterlichem Taufbecken und einer kleinen Kapelle im Eingangshof. “Wir waren glücklich, als wir im März nach drei Monaten Lockdown wiedereröffnen konnten“, sagt Dieter Rahmel. Doch dann beschloss auch Rahmel, die Finca von Ende September bis März 2021 zu schließen: „Die Buchungen sind einfach eingebrochen.“ Der Kölner führt das Landgut, zusammen mit seinem Partner Thomas vom Hofe aus Münster seit 20 Jahren; schon vor 25 Jahren hatte er es erworben und mit der behutsamen Restaurierung des Anwesens begonnen, das im 17. Jahrhundert zum heutigen Gutshaus umgebaut worden war.

Gazpacho-Suppe mit Rote-Beete-Eis, Thunfisch in Zimt-Sesamkruste oder ganz einfach ein paar rustikale Tapas mit Iberico-Schinken und Käse – Küchenchefin Annette zaubert frische Köstlichkeiten auf den Tisch. So gut ist die Küche auf Son Bleda, dass auch Besucher von außen gerne zum Dinner auf die luftige Terrasse kommen. Den Finca-Gast freut vor allem, dass er nach einem sonnendurchfluteten Tag zwischen Pool und duftenden Rosmarin-Gärten keine weiten Strecken über Serpentinenstraßen mehr fahren muss. Und schon zum Frühstück hält Assistentin Caroline Sampedro stets gut gelaunt – und selbstverständlich mit Mundschutz – einen frisch gebrühten Café con leche bereit.

Wo Feinschmecker auf Touren kommen

Das weltberühmte Feinschmecker-Lokal Bens D’Avall liegt allerdings ganz in der Nähe: Das 1971 von Chef Benet Vicenz gegründete Haus wird heute von seinem Sohn Jaume weitergeführt, per Auto von Son Bleda ist es in kaum zehn Minuten zu erreichen. Terrassen überm Meer; fröhliche, meist spanisch plaudernde Familiengrüppchen und Cliquen: Mir fällt auf, dass die Top-Gastronomie Mallorcas auch in Corona-Zeiten meist ausgebucht ist. Dazu gehören in Palma das vielbeachtete „De Tokio a Lima“ im opulenten Boutique-Hotel Can Alomar, wo gut situierte Mallorquiner auf offenen Terrassen im Herz der Stadt über der Flaniermeile Born lunchen und dinieren; das neue „Tahini“-Edelsushi im Hotel Mama am Rathausplatz Plaza de Cort in Palma – das erste Hotel von Juan Picornell, dem Chef der Cappuccino-Kette auf der Insel; und neue Restaurants im Stadtteil Santa Catalina mir originellem Styling (Fotos). Und natürlich zählt auch das Colón dazu, Edel-Fischlokal in rustikalen Gemäuern in Porto Colom, das wie viele Mallorca-Klassiker gerade sein 20-jähriges Bestehen feierte, geführt vom Österreicher Dieter Sögner und seiner Frau Onika.

Auch das ist ein Vorteil Mallorcas, erst recht in Corona-Zeiten: Top-Straßen und zuverlässige Leihwagen (www.tuicars.com) erlauben viele individuelle Spritztouren auf 3690 Quadratkilometern – und man kann mit Leichtigkeit auf Abstand bleiben. Mein kleiner weißer Fiat mit weißem Lederlenkrad und Schiebedach war das ideale Fahrzeug dafür.

Charmantes Sóller

„Eigentlich sind wir hier fast in Frankreich“, erklärt mir Son Bleda-Besitzer bei einem Rundgang durch die edlen Gemäuer seiner Finca, die seit 1677 dem französischen Zweig der spanischen Königsfamilie gehörte. Acht Jahre hat die Renovierung des alten Hofs gedauert. Auch das Örtchen Sóller, mit seiner ruhigen Bucht unterhalb von Son Bleda gelegen, war Teil von Montpellier in Frankreich – man handelte mit Orangen und schwarzen Schweinen.

Dem Reichtum der französischen Jahre bis Ende des 19. Jahrhunderts begegne ich im Ort noch überall: Gründerzeiten-Fassaden, echte Mirós in der Jugendstil-Museumsvilla Can Prunera und Picasso-Keramik im Bahnhof, wo die Bummelzüge an den Hafen von Sóller und nach Palma abfahren. Direkt am Meer verwöhnt im romantischen „Agapanto“-Restaurant Ana Maria Sturm seit 15 Jahren ihre Gäste mit Öko-Delikatessen, Musik und Kunst. Auch ihre Außenterrasse ist, mitten in der Corona-Zeit, gut besetzt. Auf eine Sammlung von Vinyl-Klassikern stoße ich im trendigen Bikini Island & Mountain Hotel der 25hours-Macher.

Auf den blank gewienerten Steinstufen der Plaza in der Ortsmitte spielen derweil unter einer Installation mit bunten Schirmen die Kinder von Sóller, in alten Torbögen stellen Boutiquen ihre Mode aus, das Grand Hotel zeigt moderne Plastiken im Garten. Zum ersten Mal seit langer Zeit muss im merklich stilleren, aber keineswegs verlassenen Örtchen der rote Bummelzug nicht Alarm klingeln, um unachtsame Touristen von den Gleisen zu scheuchen.

Palma – in die Jahre gekommen?

Draußen Maske, innen keine: Auf Mallorca herrschen auf den ersten Blick seltsame Corona-Regeln. Kaum ein Passant bewegt sich ohne Maske auf offener Straße, auch nicht in den schicken Geschäftsvierteln zwischen Born und Rathaus, doch sobald sich die Spanier irgendwo niederlassen, fällt häufig der Atemschutz. Desinfektionsmittel stehen allerdings in jedem Laden; das Geschäft sei „ruhig“, sagt Verkäuferin Bianca Waterböhr im „0039 Italy“, einer angesagten Boutique mit Designmode eines deutsch-türkischen Pärchens. Noch ist der Sommer da und alle stehen oder sitzen draußen, ob vor den Szenekneipen von Santa Catalina oder vor der für ihre Spitzen-Cocktails bekannten Retro-Bar Nicolás an der Plaza del Mercat.

Palma de Mallorca ist für viele noch eine Neuentdeckung: Mit ihrer gotischen Kathedrale samt barockem Altar, ihren Jugendstil-Fassaden, dem strahlend weißen, immer größer werdenden Yachthafen, mit ihren maurischen Fundamenten und den 400 000 Einwohnern ist es eine der „kleineren“ Städte des Mittelmeers. Reich geworden ist die Schönheit aus dem 13. Jahrhundert durch den Tourismus, doch so mancherorts bröckelt der Glanz. Renommier-Stück Es Baluard, das zeitgenössische Museum, das vor 20 Jahren spektakulär in die Festungsmauern gebaut wurde, wirkt mit rostigen Dachterrassen und verwitterten Holzböden vernachlässigt. Unikate von Picasso und Joan Miró, beide einst auf Mallorca tätig, vergammeln in unscheinbaren Vitrinen, mittelmäßige Solo-Ausstellungen locken nur wenige Besucher an.

Zurück auf meiner Lieblings-Finca

Auf meiner Finca dagegen hat moderne Kunst einen würdigen Rahmen gefunden: Besitzer Dieter Rahmel handelte schon in Köln mit Kunst, und hat auf Son Bleda Antiquitäten und Modernes in 15 Zimmern und Suiten geschickt vereinigt. Corona-bedingt vermietete er in diesem Jahr nur die Hälfte der Zimmer. „Lieber weniger Gäste, aber sicher“, sagte der Hotelier und war bemüht, keinen der Belegschaft zu entlassen. 150.000 Hotelangestellte befinden sich inzwischen in Kurzarbeit auf Mallorca.

Als wir spätnachmittags zwischen rosa und lila leuchtenden Bougainvilleas am Pool den Grillen lauschen, und bei einem heimischen Rosado-Wein verfolgen, wie die Sonne vor Deià im Meer versinkt, überlege ich, was anders ist auf Mallorca seit Corona. Und plötzlich fällt es mir beim Blick auf die Serpentinenstraße unter uns auf: Seit unserer Ankunft hat sich noch kein einziger Touristenbus – sonst gerne lange Autoschlangen und viel Abgase generierend – durchs Tramuntana-Gebirge gequält. Die einzigartige Natur des UNESCO Weltkulturerbes atmet auf. Gärtner Nasri wässert den Oleander. Manche Dinge können gerne so bleiben.

Informationen

Fincaferien: Die in der Reportage vorgestellte Finca Son Bleda eröffnet nach Winter- und Corona-Pause wieder Anfang März 2021. Für die Frühjahrsferien empfiehlt sich eine frühzeitige Buchung. www.Sonbleda.com.

Weitere empfehlenswerte Fincas: Finca Amapola im Südosten nahe des beliebten es Trenc Strands bei Campos, unter deutscher Leitung mit großem Bahnen-Pool, www.finca-amapola.com ; Fincallorca vermietet Privat-Fincas ab 2 bis 16 Personen, 1500 lizensierte Landhäuser auf der ganzen Insel, www.fincallorca.de

Neues Stadthotel in Palma: Hotel Mama, 32 Zimmer und Suiten, mehrere gute Restaurants, zentral gelegen an der Plaza de Cort, ganzjährig geöffnet, www.hotelmama.es

Die besten Leihwagen: zu günstigen Preisen, mit Hygienekonzept und Vollkasko, am Flughafen, von www.tuicars.com


Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.
Andrea Tapper
Andrea Tapper kann es als Journalistin gar nicht weit genug sein, doch auch aus Europa berichtet sie gerne. Als Jungredakteurin durchquerte sie Afrika mit einem Ford Transit Minibus, der Trip von Düsseldorf nach Nairobi dauerte ein Jahr. Heute berichtet die Hamburger Reporterin für Tageszeitungen und Frauenzeitschriften aus aller Welt – ihr Herz aber hat sie an Sansibar verloren, wo sie ein Büro unterhält.

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