Eine Reise mit der „MS Fram“ in die Antarktis ist keine normale Kreuzfahrt. Es ist eine „kleine Expedition“ auf den Spuren von Roald Amundsen. Die Wetter- und Eisverhältnisse bestimmen das Programm. Zweiter Teil der Kreuzfahrt von Liane Ehlers.

„Pinguine und Robben haben immer Vorfahrt, Anfassen verboten, mindestens fünf Meter Abstand halten, den vom Expeditionsteam mit roten Fähnchen abgesteckten Pfaden folgen, nicht füttern und von Land nichts mitnehmen außer Fotos“, so lauten die goldenen Verhaltensregeln für Antarktis-Besucher, die Corinna Skrindo, stellvertretende Expeditionsleiterin auf der „MS Fram“, uns ans Herz legt. Wer dem Briefing fernbleibt, darf nicht mit den Polarcirkel-Booten (Zodiacs) an Land.

Begonnen hat unsere Reise ans Ende der Welt in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Erde. Das Publikum ist ebenso international wie die Mannschaft, die Borddurchsagen erfolgen in mehreren Sprachen. Eine Nacht auf der „MS Fram“ durch den geschützten Beagel-Kanal und ein turbulenter Tag mit Windstärke 11 in der Drakepassage, die zu den sturmreichsten Wasserstraßen gehört, liegen hinter uns. Jetzt zeigt sie sich bei strahlendem Sonnenschein von ihrer freundlichen Seite, und wir können uns endlich in den Liegesesseln des Panorama-Salons auf Deck 7 entspannt zurücklehnen.

Wasserfeste Kleidung ist Pflicht

Dafür, dass am zweiten See-Tag keine Langeweile aufkommt, sorgt schon die Crew: Alle Passagiere müssen vor der ersten Anlandung ihre Rucksäcke mit Staubsaugern von Keimen befreien. Im Lagerraum können sie sich die passenden Leih-Gummistiefel aussuchen, sofern sie keine eigenen dabei haben. Wasserfeste Kleidung, Gummistiefel und Rettungsweste sind Pflicht, denn es handelt sich um „nasse Anlandungen“, wie Corinna erklärt. „Und zieht euch in drei Schichten warme Wäsche an. Eine Anlandung kann auch mal sieben statt zwei Stunden dauern. Das Wetter in der Antarktis ist unberechenbar“, warnt sie.

Treibeis im Antarktischen Sund

Nah am Schiff: Treibeis im Antarktischen Sund

Wie für jede Kreuzfahrt, gibt es auch für die „MS Fram“ eine geplante Route. Aber weil Sicherheit oberste Priorität hat, legt der Kapitän den Kurs erst während der Reise fest. Wetter-, Wind- und Eisbedingungen bestimmen das Programm. Schon bei den ersten beiden geplanten Anlandungen muss „Plan B“ in Kraft treten, und es wird nicht das letzte Mal sein. Dichtes Treibeis macht Brown Bluff und Hope Bay mit der argentinischen Esperanza-Station unerreichbar. Stattdessen läuft Kapitän Arild Hårvik Kinnes Cove auf Joinville Island an.

Wir landen mit den Zodiacs an. Immer acht Leute in einem Boot, nie mehr als 100 auf einmal an Land. Auf dem felsigen Hügel befindet sich eine der größten Adéliepinguin-Kolonien. Schützend steht ein Elternteil über dem Küken, füttert den flauschigen Nachwuchs. Ständig erklingen Trompetenrufe. Es riecht nach Guano, doch wir sind so verzaubert von dieser unberührten Tierwelt, dass wir den Geruch schon bald nicht mehr wahrnehmen.

Tiere haben keine Angst vor Menschen

Weil die Antarktis ein Naturreservat ist, in dem nicht gejagt werden darf, haben die Tiere keine Angst vor Menschen. Mit den Flügeln wackelnd und mühsam die Balance haltend, hüpfen sie auf dem „Pinguin-Highway“ den schneebedeckten Hügel Richtung Meer hinunter. Mit seinen hellroten Füßchen landet einer der kleinen Kerle in schwarzem Frack und weißer Weste direkt vor meinen keimfreien Gummistiefeln. Neugierig betrachtet er uns, bevor er sich mit seinen Artgenossen ins Südpolarmeer stürzt.

Eselspinguin-Kolonie auf Cuverville Island

Eselspinguin-Kolonie auf Cuverville Island

Cuverville Island, das eine der größten Eselspinguin-Kolonien beherbergt, ist unser nächstes Ziel. Doch zuvor müssen wir durch den Antarktischen Sund, die berühmte „Straße der Eisberge“. Bis die „MS Fram“ am frühen Abend schließlich den Weg durchs Packeis in die Bransfieldstraße findet, fahren wir gut drei Stunden im Kreis. Sich übereinander schiebende Eisschollen und lautes Knirschen lassen mich erschauern. „Das ist ganz normal“, beruhigt uns Expeditionsleiterin Karin Strand. Die „MS Fram“ hat Eisklasse 1A/1B und ist speziell für polare Expeditionsreisen gebaut. Haushohe Eisberge schimmern im abendlichen Sonnenlicht.

Das ständige An- und Ausziehen von mehreren Kleidungschichten, Gummistiefeln und Schwimmweste wird ebenso schnell zur Routine wie der sichere Seemanns-Griff beim Ausbooten. Die Mannschaft ist immer freundlich und hilfsbereit, und das Expeditionsteam, das regelmäßig Vorträge hält, ist stets für jede Frage offen. Die Gäste sind gut gelaunt und in freudiger Erwartung auf grandiose Landschaften und unberührte Natur. Krabbenfresser-Robben auf Eisschollen schwimmen am Schiff vorbei. Der Ruf „Wale“ verbreitet sich jedes Mal wie ein Lauffeuer. Dann greifen die meisten zur warmen Jacke und Kamera und eilen nach draußen an den Bug. Andere entspannen in der Sauna oder in einem der beiden Whirlpools auf dem Außendeck.

Half Moon Island: Seelöwen schlafen am Strand

Half Moon Island: Seelöwen schlafen am Strand

Zwei Seelöwen entspannen sich bei null Grad

62 Grad Süd, Half Moon Island: Eingemummelt in Zwiebel-Look und wasserfester Kleidung – das Wetter könnte jeden Moment umschlagen – klettern wir bei erstaunlich milden Null Grad Celsius den Hügel hinauf und geraten ins Schwitzen. Am Strand, wo ein altes Holzboot vor sich hin rottet, liegen zwei Seelöwen, die uns keines Blickes würdigen. Tausende Zügelpinguine, die zu den kleinsten der Antarktis gehören, ziehen auf dem Hügel ihre Jungen auf.

Mit Neko Harbour, 64 Grad Süd, das nach einem Walfangschiff benannt wurde, betreten wir zum ersten Mal antarktisches Festland. Das Panorama der malerischen Andvord-Bucht, die von allen Seiten von Bergen und Gletschern umgeben ist, ist atemberaubend. Wie ein Begrüßungskomitee stehen die kleinen Eselspinguine am Kiesstrand.

Port Lockroy

Port Lockroy: Die ehemalige britische Forschungsstation ist heute das südlichste Postamt der Welt.

Durch den Neumayerkanal, der zu den schönsten Landschaften der Antarktischen Halbinsel gehört, fahren wir nach Port Lockroy. Die ehemalige britische Forschungsstation beherbergt seit Jahren neben dem südlichsten Postamt der Welt auch einen Souvenirshop und ein Museum. Von November bis März dauert die Saison. Vier junge Frauen kümmern sich im arktischen Sommer 2013/14 darum.

Bevor wir uns auf den Rückweg nach Ushuaia machen können, nimmt die „MS Fram“ im Neumayerkanal noch zwei verletzte Segler an Bord, wie Kapitän Arild Hårvik über Lautsprecher informiert. Dann geht es an Kap Hoorn vorbei zurück in die Zivilisation.

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Das  Schiff: Die „MS Fram“ ist das jüngste Schiff der Hurtigruten Flotte und wurde 2007 mit der Eisklasse 1A/1B speziell für polare Expeditionsreisen gebaut. 127 Kabinen, darunter einige Suiten, bieten Platz für insgesamt 318 Gäste. Polarcirkel-Boote (Zodiacs) ermöglichen auch sichere Anlandungen in normalerweise unzugänglichen Gebieten. Das Tragen von wasserdichter Kleidung, Rettungswesten und Gummistiefeln ist bei Anlandungen Pflicht.

Vorträge: Das Expeditionsteam an Bord besteht aus Wissenschaftlern, die während der Reise in regelmäßigen Abständen Vorträge zu Themenbereichen wie  Biologie, Geologie und Geschichte anbieten.

Reisezeit: Der antarktische Sommer ist kurz. Er dauert von Ende November bis Anfang Februar.

Anreise: Lufthansa fliegt täglich ab Frankfurt nach Buenos Aires. Von dort geht es mit LAN weiter nach Ushuaia.

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Alle Berichte zur Reise von Liane Ehlers:

Vom Hochsommer ins ewige Eis
Eisverhältnisse bestimmen Programm der Kreuzfahrt

Alle Fotos: (C) Liane Ehlers

Hinweis: Diese Reise wurde unterstützt von Hurtigruten und NH-Hotels. Vielen Dank!