Wie Sie die nordirische Metropole in nur drei Tagen kennenlernen? Sie könnten zum Beispiel das pompöse Rathaus, die City Hall, und auch das als „Must-See“ hoch gelobte Titanic-Museum ansteuern. Müssen Sie aber nicht. Streunen Sie lieber durch die Straßen und die Pubs von Belfast, denn hier warten die wirklich spannenden Geschichten.

Von Angela Koch

Porridge mit Whiskey – schon zum Frühstück. So wird es hier im „Europa Hotel“ serviert. Natürlich habe ich eine Vorstellung von den Iren, sorry, den Nordiren, doch dass sie schon Whiskey zum Frühstück zu sich nehmen, hätte ich trotz meiner Klischeebilder im Kopf nicht gedacht! Das muss ich natürlich sofort probieren: Überraschend würzig schmeckt die ungewöhnliche Mischung und ist ein perfekter, vermutlich typisch nordirischer Auftakt in den Tag. Und das bei bestem Sommerwetter.

Direkt gegenüber meiner 4-Sterne-Herberge, liegt der Crown Liquor Saloon“. Eine bunte Mischung junger und alter Menschen stehen in der Trinkhalle, sitzen an der Bar oder in kleinen Separées. Die Kneipe ist voll – und das schon zur Mittagszeit. Bunte Glasfenster und kunstvolle Fliesenmosaike auf dem Boden geben diesem Raum einen fast schon kathedralen Charakter. Hier soll auch schon der große deutsche Schriftsteller Heinrich Böll tief ins Whiskey-Glas geschaut haben. Er war angetan von den kleinen Nischen überall in der Kneipe, die er als „Einzelsäuferkojen“ titulierte und in seinen „Irischen Tagebüchern“ verewigte. An der Bar komme ich mit Petra in Gespräch. Seit 20 Jahren lebt die Ex-Stuttgarterin bereits in Belfast. Des Landes, der Leute und der Liebe wegen. Sie erzählt mir vom Spirit of Belfast. Während sie erzählt, malt sie mit ihrem Zeigefinger kleine Kreise in die Luft. Jeder Belfaster mache das so, sagt sie, wenn es um den sogenannten Spirit – den Geist der Stadt und der Menschen geht. Ein Whiskey und zwei Soda später will Petra es mir zeigen: „The Thing“, „Das Ding“, wie sie es nennt.

Das Sahnestückchen von Belfast

Ganz Belfast scheint draußen zu sein, um ein freies Fleckchen Grün zu ergattern. Schon bei 25 Grad wird es den Menschen in Belfast zu warm und Schüler bekommen hitzefrei. Ein paar Straßen weiter steht es: Das Ding! Auf dem Boden befestigte Stahlringe, die unmerklich miteinander verbunden sind und in der Luft zu schweben scheinen, so, wie Petra es mit ihrem Finger in die Luft gemalt hat. Mitten in der turbulenten Einkaufszone am Arthur Square dominiert die rund drei Meter hohe Skulptur den Platz. Drumherum sitzen die Menschen aus aller Welt und schlecken ihr Eis. Einige Betrachter sehen darin nur ein Denkmal. Doch für die meisten Belfaster steckt viel mehr darin. Langsam kann ich mir vorstellen, dass sich die Nordiren so sehen wie die Skulptur: Bodenständig und gleichzeitig verknüpft mit der schwebenden Leichtigkeit.

Ich bummele alleine weiter und lasse mich einfach durch die „Entries“ treiben, enge Gassen, die an großen Plätzen und vielen urigen Pubs sowie schicken Restaurants vorbei führen, und die an jeder Ecke für eine Überraschung sorgen. Die Stadt, die nur etwas größer ist als Gelsenkirchen, lässt sich prima zu Fuß erkunden. Über die Oxford Street führt mich der Weg zum Custom House Square. Auf dem großzügigen Platz stehen mindestens tausend Menschen, klein und groß, alle bunt durcheinander gewürfelt. Über ihrer Kleidung tragen alle ein durchsichtiges Plastikcape und in jeder Hand einen Plastikteller, auf dem Sahne aufgetürmt ist. Hier findet gleich der „weltweit größte Vanillepuddingkampf“, der „World’s largest Custard Pie Fight“, statt. Dass der Vanillepudding allerdings durch Sprühsahne ersetzt wird, spielt keine Rolle. Der Startschuss fällt: Die Sahne landet bei den Teilnehmern direkt, platsch, im Gesicht. Und nicht nur da: Innerhalb kürzester Zeit ist hier alles weiß und rutschig. Einen Platz im Guiness-Buch der Rekorde haben sich die verrückten Belfaster mit dieser Sahneschlacht auf jeden Fall verdient. Und einen kleinen in meinem Herzen dazu.

The Bell of Belfast

Mitten auf der High-Street steht die Albert Clock, „The Bell“, die große Turmuhr. Bereits vor langer Zeit muss der Untergrund ziemlich nachgegeben haben, so dass das  Bauwerk Schlagseite bekam. Die Belfaster lieben die Legende, die Turmuhr habe sich schamvoll zur Seite geneigt, weil damals so viele Prostituierte, vorbei an der Albert Clock, in die Hafenkneipen gingen. Noch heute machen sich junge Mädchen einen Spaß daraus und hüpfen vor der Turmuhr in die Höhe – sozusagen als Erinnerung an die sogenannten „leichten Mädchen“ – aber der Turm zeigt sich seit Jahrzehnten ungerührt und nimmt den Spaß mit seiner Schrägheit hin. Ich kehre in das “Muriels” ein, einer Institution unter den Hafenlokalen. Dieser Pub ist eher Wohnzimmer denn Kneipe, eher Bühne denn Restaurant. Die bunten Büstenhalter, die von der niedrigen Decke hängen, erinnern an die Zeiten, als die meisten Gäste wegen des horizontalen Gewerbes hierher kamen. In diesem gemütlichen Pub könnte man auch einen Agatha-Christie-Remake drehen. Ich zwänge mich durch das volle Lokal bis zur Bar. Die Belfaster gelten als redselig und sehr großzügig, wovon mich Malcom auch gleich an Ort und Stelle überzeugen kann. Der ehemalige Werftangestellte lächelt mich an und lädt mich zum Bier ein. Mit „Slainte“, was „Slaughntcher“ ausgesprochen wird, prostet er mir auf gut Gälisch zu. Es meint „auf dein Wohl“. Das nehme ich persönlich, genieße das süffige Bier und ziehe weiter. So langsam bekomme ich eine Ahnung, was es mit dem Spirit of Belfast so auf sich hat.

Nur zwei Straßenecken weiter liegt das Cathedral Quarter, das ehemalige Armenviertel der Stadt, das sich durch billige Mieten und zugezogene Kreative zum In-Viertel mit vielen Szene-Lokalen gemausert hat. So wie das „Made in Belfast“, dass gerade neu eröffnet hat. Ein lässig eingerichtetes Restaurant mit graffitiähnlichen Fliesenmalereien an den Wänden, die von hiesigen, jungen Künstlern stammen. Der 28-Jährige Restaurantmanager Chris setzt auf saisonale und regionale Produkte. Unerwartetes zu bieten, heißt sein Programm. Ein Konzept, das gut ankommt, vor allem bei jungen Leuten. Und Belfast ist eine junge Stadt, denn die unter 30-Jährigen machen mittlerweile gut die Hälfte der Bevölkerung aus.

Ich gewinne den Eindruck, dass viele junge Belfaster mit der jüngeren Geschichte, dem Bürgerkrieg, so gar nichts mehr zu tun haben wollen. Chris spricht von dem „Move“, der „Bewegung“, die von den „Troubles“, dem „Nordirlandkonflikt“, wegführt. Er wolle mit allen Menschen in seinem Viertel zusammen wohnen, und da spiele es keine Rolle, was man ist: Katholik oder Protestant. Arm oder reich. Oder in welcher Straße man wohnt.

Die namenlosen Straßen von Belfast  

Das sieht man in den traditionellen Arbeitervierteln im Westen von Belfast sicherlich anders. Hier existieren sie noch, die Mauern auf den Straßen und in den Köpfen. Die steinernen Grenzlinien mit ihren bunten, propagandistischen Malereien, „Murals“ genannt, trennen seit fast einem halben Jahrhundert die ehemals verfeindeten protestantischen und katholischen Wohngebiete. Und das nach rund 20 Jahren, nachdem die Waffen niedergelegt und der Friedensvertrag unterzeichnet wurde.

Mir fällt dazu das Lied „Where the streets have no name“ von U2 ein. Darin beklagt der aus Irland stammende Leadsänger Bono die Ungerechtigkeit, dass man in Belfast die Religionszugehörigkeit und Einkommensgruppe von Menschen allein an den Straßen, in denen sie wohnen, ablesen kann. Dabei haben alle Iren und Nordiren eine Gemeinsamkeit – sie haben alle den besonderen Spirit in sich. Damit irrte auch der Ire nicht: Der Song über das Belfast der namenlosen Straßen ging in den 80-er Jahren als Friedens-Botschaft um die Welt. Sicher wird diese spannende Stadt noch Zeit brauchen, um zusammen zu wachsen. Doch der positive Geist der Stadt, der „Spirit of Belfast“ ist überall zu spüren. Und ab jetzt ist er auch immer bei mir.

[mappress mapid=”44″] Hinweis: Wir danken der KLM und Tourism Ireland für die freundliche Unterstützung der Reise.