Hier muss man einfach gewesen sein. Im Millenium-Park einmal vor „The Bean“ zu stehen, möglichst schrille und verzerrte Selfies zu machen, das gehört in jedem Fall zu den „Must-Do’s“ in Chicago. Aber nicht nur das: Den Willis Tower hochzufahren, auf der 103. Etage den Schritt auf einen der vier Glasbalkone zu wagen und neben der atemberaubenden Aussicht auf die Millionenmetropole auch den ungehinderten Blick in 400 Meter Tiefe zu genießen, auch das lässt man sich als Tourist kaum entgehen. 

 

Keine Frage, in Chicago ist alles ein wenig größer – nicht nur zu Lande, auch auf dem Wasser. Der Michigan See – einer der fünf großen nordamerikanischen Binnengewässer – ist mehr als 100 Mal größer als der Bodensee und auch größer als die ganze Schweiz.

Rush Hour auf dem Chicago River

Und doch sind es gerade auch die vermeintlich unspektakulären Erlebnisse, die einen Besuch in Chicago so faszinierend machen. Zum Beispiel eine sportliche Kajaktour auf dem Chicago River, die pünktlich zum Sonnenuntergang beginnt. „Freut euch auf ein tolles Spektakel, auf herrliche Ausblicke und natürlich aufs nächtliche Feuerwerk“, begrüßt Coach Trevor seine zehnköpfige internationale Gruppe. Kurze technische Einweisung und ein paar Lektionen über Sicherheit und das korrekte Paddeln, und schon kann’s losgehen. Nicht so schnell: Auch auf dem Wasser herrschen Verkehrsregeln. „Auf dem Chicago River ist manchmal Rush Hour wie auf der Michigan Avenue“, ermahnt Trevor. „Also immer schön rechts halten, nicht zu nah an die Hafenmauer ran und den Fluss nur nach meiner Anweisung queren“.

 

Die ersten Paddelschläge sind schnell gemacht. Glück gehabt: Der Wind kommt von Osten, bläst also in den Rücken. Der Blick geht nach vorn in Fahrtrichtung, aber auch nach rechts und links und vor allem steil nach oben. Zum Beispiel auf den 365 Meter hohen, von der Architektin Jeanne Gang entworfenen Vista-Tower. Der Flussverkehr nimmt zu. Man muss sich also die Wasserstraße mit vielen gelben Wassertaxis und Ausflugsbooten teilen. Auch die Wellen werden nicht kleiner. Die Höhe des Trump Tower ist erreicht. Die ersten Partyschiffe tauchen auf und sorgen für Stimmung. Mittlerweile ist es stockdunkel geworden. Und auf dem Rückweg muss gegen den strammen Gegenwind angekämpft werden. Nach zweieinhalb Stunden ist der Ausgangspunkt erreicht. Jetzt heißt es durchschnaufen, sich über Glückshormone – und das nächtliche Feuerwerk freuen, das die Chicagoer Nacht erhellt.

Radtour quer durch Chicago

Auch bei der Radtour am nächsten Morgen kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Vor allem deshalb, weil man Chicago von einer ganz anderen, unbekannten Seite kennenlernen darf. Startpunkt ist Downtown bei „Bobby’s Bike Hike“. Fern der üblichen Touristenrouten geht es auf der North Side raus in die Natur, zu Stadtparks und malerischen Stränden. Zwei Dänen, ein englisches Ehepaar und zwei Deutsche gehören zu der kleinen Gruppe, die von Guide Gabe nicht nur ortskundig geführt, sondern bei Stopps auch informiert und kurzweilig unterhalten wird. Es gilt, mit oder gegen den Wind zu radeln, vorbei am Adler Planetarium, Shedd Aquarium, am Field Museum of Natural History – auch zum legendären Footballstadion der Chicago Bears.

„Wisst Ihr, wann die Bears den Super Bowl gewonnen haben?“, will Gabe wissen – um selbst die Antwort schnell hinterher zu schieben. Natürlich erklärt Gabe auch, wie die vier Sterne auf die Stadtflagge gekommen sind. Einen spektakulären Blick auf die Skyline gibt’s auf der Northerly Island, einer knapp 100 Hektar großen – künstlich geschaffenen – Halbinsel. Sie ist die Realität gewordene Vision von Daniel H. Burnham, Chicagos berühmtem Architekten und wurde in den 1930ern anlässlich Chicagos zweiter Weltausstellung angelegt. Vor 20 Jahren stand Northerly Island kurz davor, zu einer Landebahn für Flugzeuge zu werden – und ist dank später politischer Einsichten doch die Heimat von Enten, Gänsen und zahlreicher anderer Wasservögel geblieben.

Chicago – die Stadt der breiten Schultern

Chicago hat viele Namen. Man nennt die Stadt „Windy City“, nicht nur der steifen Brise wegen. Auch deshalb, weil hier die Politiker in früheren Zeiten ihr Fähnchen allzu oft in den Wind gehalten haben. Die Millionenmetropole am Südwestufer des Lake Michigan wird in Anlehnung an ein Gedicht von Carl Sandburg aber auch gern „City of Big Shoulders“ – die Stadt der breiten Schultern – genannt. Also eine personifizierte Arbeiterstadt und ein Produkt einer historischen Akkumulation. Wie auch immer: Chicago ist eine Stadt mit reicher Geschichte und vielen Kulturen. Die knapp drei Millionen Einwohner haben ganz unterschiedliche Wurzeln, viele Deutsche sind darunter, auch Osteuropäer. Und dass der Chicago River jedes Jahr am St. Patricks Day grün eingefärbt wird, ist natürlich den zahlreichen irischen Einwanderern geschuldet.

“Chicago ist anders”

„Chicago ist different – Chicago ist anders“, sagt Pilar Ellis, Marketing Managerin des im Herzen der Altstadt gelegenen „Warwick Allerton Hotel“. Chicago werde oft unterschätzt, dabei müsse ihre Stadt den Vergleich mit New York nicht scheuen, gerade auch in kultureller Hinsicht. „Auch viele Shows und Musicals haben hier ihren Anfang genommen, bevor sie am Broadway große Erfolge feierten“, sagt sie. „Different“ ist auch die Architekturszene. Bestes Beispiel dafür ist das Warwick Allerton, quasi eine Hommage an die Geschichte und ein Kontrapunkt zu den es umgebenden anderen Wolkenkratzern.

Es wurde in den 1920ern in der Jazz Ära erbaut und hat sich sein authentisches Flair bis heute erhalten. Aus einem ehemaligen „Gentlemen’s Club“, der ab 1930 auch für Frauen zugelassen wurde, ist ein Hotel mit gehobenem modernem Anspruch und gleichzeitig historischem Ambiente geworden. Hier finden viele Kongresse statt, der traumhafte „Tip Top Tap Ballroom“ im 23. Stock ist nicht nur bei Hochzeitspaaren beliebt, und das Hotel wird auch dank seiner idealen Lage zum perfekten Ausgangspunkt für touristische Aktivitäten. Nicht zuletzt darf man sich auf Schritt und Tritt gegenwärtig sein, dass hier schon Stars wie Frank Sinatra, Sammy Davis Junior, Muhammad Ali oder Elvis Presley übernachtet haben.

Ein echtes Erlebnis: Ein Baseball Spiel der Chicago White Sox. Bild: Geiselhart

Zeit für ein gutes Abendessen. Zum Beispiel im Restaurant „Sunda“ im belebten Viertel River North. Hier wird asiatische Fusionsküche mit der Gastfreundschaft des Mittleren Westens verbunden. Mit Erfolg: Das von Michelin empfohlene Konzept wurde unter anderem als „Best New Restaurant“ und „Sexiest Restaurant“ ausgezeichnet. Was steht am nächsten Tag an? Die Tourismusexpertinnen Ann Tok und Abigail Phillips empfehlen ein Spiel der „White Sox“. Keine schlechte Idee – und die Chance, Baseball nicht nur aus nächster Nähe zu betrachten, sondern auch die Spielregeln endlich mal zu verstehen.

Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.