Die Emilia Romagna ist die Heimat von Luciano Pavarotti, Ferruccio Lamborghini und Enzo Ferrari. Ihre Automanufakturen und die beiden Ferrari-Museen in Modena und Maranello treiben nicht nur den männlichen Adrenalin-Spiegel in die Höhe. Die Emilia Romagna ist auch das Land des Acetato Balsamico, des Parmiggiano Reggiano und des perlenden Lambrusco, der sein Image als Studenten-Plörre schon lange abgelegt hat und en vogue ist. Vor allem aber wurde auf diesem Fleckchen Erde ein Stück Weltgeschichte geschrieben: Heinrichs Gang nach Canossa. Mein Bußgang nach Canossa führt durch vorzügliche italienische Kulinarik und beginnt erst, als ich wieder zu Hause bin – auf der Waage. . .

Von Kanonenkugeln zerstört: die Kapelle von Canossa

Von Kanonenkugeln zerstört: die Kapelle von Canossa

Canossa – Als ich die letzten steilen Meter über das Kopfsteinpflaster zur Burg Canossa hinaufsteige, kann ich ein wenig nachempfingen, wie Heinrich IV. sich bei seinem Bußgang nach Canossa im Winter 1077 gefühlt haben muss – nur dass mir an diesem sonnigen Spätsommertag sehr heiß wird. „Nach Canossa gehen“, dieses geflügelte Wort begleitet mich seit meiner Schulzeit. Was mag der exkommunizierte deutsche König bei seinem Bittgang zu Papst Gregor VII. wohl empfunden haben? Die Schönheit der Hügellandschaft am Fuße des Apennins dürfte er auf seinem beschwerlichen Weg wohl kaum wahrgenommen haben.

Mittelalterliche Dörfer und Burgen

Abseits der Touristenströme der Adria erstreckt sich eine ursprüngliche, von mittelalterlichen Dörfern und Burgen geprägte Landschaft. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Naturliebhaber, Wanderer, Radfahrer und Wassersportler finden in zwei National- und 14 Regionalparks viele Möglichkeiten für ihre Hobbys. Die Kunststadt Reggio Emilia – der Geburtsort der Triccolore – und die Universitätsstadt Modena – Heimat von Luciano Pavarotti und Enzo Ferrari – sind reich an kulturhistorischen Schätzen und noblen Designerboutiquen. Jedes Jahr am 6. September, dem Todestag von Pavarotti, findet in Modena auf dem Marktplatz vor dem Dom ein kostenloses Klassik-Open-Air-Konzert statt.

Pulsierendes Leben: Die Piazza Prampolini, bekannt als „Piazza Grande“ in Reggio Emilia.

Pulsierendes Leben: Die Piazza Prampolini, bekannt als „Piazza Grande“ in Reggio Emilia.

Erhaben thront die Halbruine der Burg Canossa auf dem weißen Sandsteinfelsen im hellen Sonnenlicht, von Unwettern, Erdrutschen und Kanonenkugeln in Mitleidenschaft gezogen, aber mit einem wunderbaren Rundumblick auf die Ausläufer des Apennin-Gebirges und die Nachbarburgen. Kein Städtename sondern „Terre di Canossa“ steht an der Ausfahrt der A1 Mailand – Florenz, die ins Zielgebiet führt.

Das Land der Markgräfin Mathilde

Dies ist das Land der Markgräfin Mathilde von Tuszien, besser bekannt als Mathilde von Canossa (1046-1115), die auch fast 900 Jahre nach ihrem Tod die Menschen noch immer fasziniert. Eine Frau, die – ungewöhnlich für ihre Zeit – lesen und schreiben konnte und deren Herrschaftsbereich zu ihren Glanzzeiten mehr als ein Drittel der italienischen Halbinsel umfasste.

Das perfekte Duo: Parmigiano Reggiano mit einigen Tropfen Acetato Balsamico Tradizionale.

Das perfekte Duo: Parmigiano Reggiano mit einigen Tropfen Acetato Balsamico Tradizionale.

Die ehemalige Burgkapelle von Canossa, vor deren Tür der exkommunizierte König aus dem Geschlecht der Salier im tiefsten Winter drei lange Tage im Büßergewand und ohne Königsinsignien ausharrte, um Papst Gregor VII. um Vergebung zu erbitten, ist nur noch als Ruine erhalten. Vermutlich verdankt der in Goslar geborene Heinrich die Aufhebung des Kirchenbanns unter anderem der Fürsprache der Markgräfin Mathilde von Canossa, die dem Papst Unterschlupf gewährt hatte. Von Heinrichs Vater, dem deutschen Kaiser, als Kind nach Goslar verschleppt, war Mathilde vorübergehend gemeinsam mit Heinrich aufgewachsen.

Bismarck und das kollektive Gedächtnis

Noch heute gibt es eine Verbindung in den Harz. Auf dem Großen Burgberg in Bad Harzburg steht das Bismarck-Denkmal mit dem Zitat: „Nach Canossa gehen wir nicht“. Der Ausspruch des Kanzlers Otto von Bismarck während der Reichstagssitzung am 14. Mai 1872 war eine Anspielung auf die Demütigung Heinrichs IV. durch Papst Gregor VII. im Hochmittelalter. Erst durch dieses Bismarck-Zitat im 19. Jahrhundert gelangte Canossa ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation. „Nach Canossa gehen“ wurde weltweit zum Synonym für „Demütigung und Vergebung“. Dabei hatte der Fürst nur die Besorgnis zerstreuen wollen, dass die Reichsregierung die Souveränität der deutschen Gesetzgebung gegenüber dem Vatikan in Rom preisgeben könnte.

Im Canossa-Museum, dem ehemaligen Haupthaus, das vor einigen Jahren mit großem Aufwand rekonstruiert wurde, erwartet uns Mario Bernabei. Bernabei ist u. a. Präsident des „Castella“-Clubs für die Burgen und Schlösser der Region Emilia Romagna. Wenn man mit ihm oder einem Bewohner der Region über die Markgräfin Mathilde spricht, ist es, als rede man über eine Nachbarin oder Zeitgenossin, die ihren Mitmenschen Gutes tut.

Großes Theater: Jedes Jahr im September wird von der Bevölkerung in Cianno d’Enza der Bußgang von Heinrich IV. nach Canossa nachgespielt.

Großes Theater: Jedes Jahr im September wird von der Bevölkerung in Cianno d’Enza der Bußgang von Heinrich IV. nach Canossa nachgespielt.

Festveranstaltungen und 20.000 Besucher

Seit fünf Jahren betreibt der Journalist und Autor zahlreicher Mathilde-Bücher den kleinen Museums-Shop. „Ich bin von Canossa gefangen“, sagt der 65jährige und lacht. Dabei ist seine Herzdame, von der er mit so viel Leidenschaft und Begeisterung erzählt, schon lange tot. 20 000 Besucher kommen jährlich nach Canossa, vor allem Amerikaner und Deutsche. Der berühmteste war in den 1970er-Jahren zu Gast – Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. 2015 wird sich die Besucherzahl noch einmal erhöhen. Im kommenden Jahr wird es in den umliegenden Städten zum 900. Todestag der Mathilde von Canossa zahlreiche Festveranstaltungen geben.

Hinweis: Zur Reise eingeladen hatten das Fremdenverkehrsamt Servizi Emilia-Romagna sowie die Agentur Wilde & Partner