Camargue: Im Reich der rosa Flamingos

Eine Fahrradtour durch die Provence und die Camargue - Teil 3

Camargue: Im Reich der rosa Flamingos

Halb Land, halb Meer: Das Reich der rosa Flamingos, schwarzen Stiere und weißen Pferde in der Camargue hat das Potenzial, die „Sehnsucht nach mehr“ zu stillen. Unsere Radtour führt uns fernab großer Touristenströme von Arles entlang der Rhône, durch Wasserlandschaften, Salzwiesen, Reisfelder und Weingärten. Der Mistral, der uns begleitet, hat auch seine guten Seiten. Mit voller Kraft fegt er die Wolken vom Firmament, sorgt für einen blauen Himmel und vertreibt die in der Camargue gefürchteten Mücken ins Nirgendwo.

Ganz besonders: der Vin de Sable

Von Arles aus fahren wir an der Rhône entlang Richtung Süden. Unser Weg führt uns durch die nördlichsten Reisanbaugebiete der Welt – verblühte Landschaften mit Sonnenblumenfeldern und Weingärten auf sandigem Boden in der Camargue. Die Salzkristalle der Luft haben sich weißfunkelnd auf den süßen, blauen Trauben abgesetzt. Friedlich grast eine Herde schwarzer Stiere auf einer Wiese, weiße Pferde kommen neugierig auf uns zu. Der Mistral weht so stark, dass ich Mühe habe, meine Kamera ruhig zu halten.

Leuchtende Salzwiesen im Nationalpark Camargue

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich rechterhand das Meer auf. Im Licht der grün-lila-pink leuchtenden Salzwiesen entdecken wir die erste Flamingo-Gruppe, die im Wasser nach Nahrung sucht. Ich komme mir vor wie ein Jäger auf der Pirsch, allerdings mit einer Kamera, als ich im Aussichtsturm vom Info-Zentrum des Nationalparks verweile. Über einen Damm radeln wir durch die Camargue – geboren aus dem Fluss und dem Meer -, auf deren salziger Erde sich eine einzigartige Flora und Fauna entwickelt hat. Flamingos und andere Wasservögel begleiten uns auf dem Weg zum Leuchtturm „Phare de la Gacholle“, der sich einsam in der Ferne erhebt. Dort wartet unser Guide Pit von „Die Landpartie“ mit dem mittäglichen, leckeren Picknick auf uns.

Surfen mit dem Mistral

Den Duft von Salz und Meer in der Nase erreichen wir schließlich einen 50 Meter breiten Endlosstrand, wo Kitesurfer den Mistral geschickt nutzen. Einige ganz mutige aus unserer Gruppe gehen im Mittelmeer baden, die anderen genießen einfach nur die herrliche Luft, die Sonne und das Rauschen der Brandung. Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Bade- und Wallfahrtsort Les-Saintes-Marie-de-la Mer, wo wir im Landhotel „La Montrane“ eine zauberhafte Herberge in der Camargue finden. Hier werden wir mit einem exzellenten Dinner und köstlichem Vin de Sable verwöhnt.

Auf dem Jakobsweg

Am siebenten und letzten Tag gilt es, noch einmal mehr als 60 Kilometer zu bewältigen. Wir queren einen Fluss auf einer kleinen Fähre gemeinsam mit Reitern und Pferden, durchradeln die stille Wasserlandschaft und Rebstöcke auf Sanddünen, auf denen der ganz besondere Vin de Sable, der Sandwein, wächst. Unser nächstes Ziel ist Saint-Gille, das andere Tor zur Camargue. Die Stadt, die am Jakobsweg liegt, verzaubert mit ihrem morbiden Charme. Das Benediktinerkloster wurde im 8. Jahrhundert erbaut, die Fassade ist ein Meisterwerk romanischer Baukunst und Weltkulturerbe. Die Kirche besitzt eine hervorragende Orgel, und wir haben das Glück, Schülern der Meisterklasse lauschen zu dürfen, die während der Orgelwochen dort Konzerte geben. Bereits seit dem 12. Jahrhundert bewohnten Mönche den Felsberg. Schnell wurde die Abtei Montmajour ein Wallfahrtsort, der jährlich etwa 150.000 Pilger anzieht. Einer von ihnen ist Helmut Mayer aus Stuttgart, der seit vier Wochen allein mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Santiago de Compostela unterwegs ist und sich über unsere Gesellschaft freut. Ein letztes Mal freuen wir uns aufs Picknick, das Pit bei strahlendem Sonnenschein in einem alten Olivenhain vorbereitet hat.

Nîmes: Das französische Rom

Am späten Nachmittag erreichen wir Nîmes – Hauptstadt des Stierkampfs und das „französische Rom“. Hier müssen wir unsere Fahrräder zurückgeben. Die Bewohner von Nîmes sind stolz darauf, dass ihre Stadt ein unvergleichlicher Tresor antiker Monumente ist. Bei einem abendlichen Bummel durch die Parkanlage „Les Jardin de La Fonatine“ aus dem 18. Jahrhundert treffen wir Menschen beim Boule spielen. In der Altstadt begegnet uns noch einmal Kaiser Augustus, der Nîmes im 5. Jahrhundert v. Chr. gegründet hat, als Statue.

Heimat der Jeans

Die Arena und das Maison Carrée, gehören zu den besterhaltensten Monumenten römischer Zeit. Das Maison Carrée wurde dem Apollo-Tempel in Rom nachgebaut, später war es Kapitol und Versammlungsort der Richter. Heute beherbergt es ein archäologisches Museum. Direkt gegenüber steht das Carrée d‘Art, das neue Kunstmuseum, von Star-Architekt Sir Norman Foster erbaut. Seinen wirtschaftlichen Erfolg im 19. Jahrhundert verdankte Nîmes unter anderem Levi Strauss, dem Erfinder der Jeans. Nîmes war seit jeher für seine feinen Stoffe bekannt. Als Strauss, der stets auf der Suche nach Verbesserungen war, neues Material suchte, erinnerte er sich an den indigoblauen Stoff aus Nîmes, der seiner Herkunft entsprechend Denim (von „de Nîmes“) genannt wird – unzerreißbar und unverwüstlich. Fürs letzte festliche Diner unserer mehrtägigen Radtour auch an diesem Abend ein durchaus adäquates Kleidungsstück.

Die Autorin wurde von „Die Landpartie“ auf diese Reise eingeladen. © alle Bilder der Reise: von Liane Ehlers

> Teil 1 der Reise: Fliegen mit dem Mistral
> Teil 2 der Reise: Sur le pont d’ Avignon

Reise-Infos in Kürze

Die geführten Radreisen von „Die Landpartie“ folgen nicht ausgeschilderten Radwegen. Streckenwahl, Begegnungen, Hotels, Besichtigungen und Führungen sind gut aufeinander abgestimmt. Ein Reiseleiter per Rad sowie einer im Begleitfahrzeug sorgen für den Gepäckservice und das Mittagspicknick. Der Oldenburger Veranstalter bietet auch individuelle Radreisen, geführte Wanderradreisen und Silvesterreisen an. Tel: 0441/ 5706830

Reiseliteratur: Reise-Handbuch „Provence Côte d’Azur“, Dumont, 456 Seiten, 22,95 Euro

 

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