Es ist schwülheiß. Der Deckenventilator wälzt die verbrauchte Luft um. Zigarettenrauch vernebelt die Blicke in der schwach beleuchteten Bar. Das „El Cambio“ ist der Insider- und Intellektuellentreff von Camagüey. Vor allem am Wochenende schaut Jung und Alt herein, um zu debattieren und den neuesten Tratsch auszutauschen.

In dem angeregten Stimmengewirr versteht man fast sein eigenes Wort nicht. Geschweige denn das des Nebenmanns. Der schwergewichtige Typ mit dem weißen Bart am Tresen, dessen voluminöser Bauch an die runden Tonkrüge (tinajones) erinnert, die überall in Camagüey herumstehen und Wahrzeichen der Stadt sind, versucht es trotzdem: „Woher kommst du?“ „Deutschland.“ „Wie geht’s?“ „Gut.“ „Zahlst du mir ein Bier?“

Drei Fragen wie aus dem Effeff. Von der ersten bis zur letzten hat es keine fünf Sekunden gedauert. Die Reihenfolge ist ein Evergreen auf Kuba. Schnorren eine Art Volkssport. Weil nämlich auch Kubaner allzu menschliche Züge zeigen – und vor allem das begehren, was sie kaum oder nur schwer kriegen können. Zum Beispiel süffiges, kubanisches Bier statt billigeren Rum. Gegen harte Pesos, versteht sich. Aber den CUC (peso convertible), die Zweitwährung, hat nicht jeder im Portemonnaie. Je nach Laune zahlt man als Tourist ein Bier und hat dann – eventuell – seine Ruhe. Oder nicht. Weil es dann erst richtig losgeht. Nämlich kopfüber ins Nachtleben. Wie mit Pepe, dem schwergewichtigen Bärtigen vom Tresen.

Pepe ist ein lebendiges Nightlife-Inventar von Camagüey

Pepe ist eine Nachteule. Ein lebendes Nightlife-Inventar von Camagüey. Er weiß, wo was los ist. Und das ist in der drittgrößten Stadt Kubas nicht gerade wenig.

Mit der Bierdose in der Hand stapft Pepe über die Independencia. „Komm’ mit“, winkt er. Die Straße und der angrenzende Parque Agramonte sind voller Menschen. In der Mitte hat einer einen CD-Player platziert. Es läuft Salsa, ein paar Paare tanzen. Die Nacht ist schwarz, die Straßenbeleuchtung schummrig. Im gegenüberliegenden „Disko Café“ ist es kaum heller. Aber schön kühl. Wer es sich leisten kann zahlt ein paar CUC Eintritt. Drinnen läuft ein internationaler Mix aus House und Reggaeton. Ein paar wenige Touristen verlieren sich in dem Tanzschuppen. Der große Rest besteht aus Einheimischen.

Camagüey steht in erster Linie bei kulturinteressierten Kubabesuchern auf der Agenda. Kein Wunder, das Zentrum von Camagüey ist eines von vier Altstadtzentren auf der Karibikinsel, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Camagüey sticht vor allem wegen der vielen Kirchen aus Kolonialzeit heraus.

Dabei ist die Ausgehkultur auch nicht zu verachten. Sie steht unter jungen Kubanern hoch im Kurs. Wie bei Angel, der im Disko Café herumsteht. Er sei eigentlich aus Havanna, doch ihn ziehe es immer wieder nach Camagüey. „Hier macht es Spaß auszugehen, die Leute sind nicht so versnobt wie in Havanna“, sagt der 33-Jährige, der sich mit seinem martialischem T-Shirt und seinen langen Haaren eher als Hard-Rock- denn als Disko-Fan outet. „Klar“, sagt er, aber die Rockszene auf Kuba sei eher überschaubar, deshalb tanze er auch zu anderen Rhythmen. Sein größter Wunsch: einmal das Wacken-Festival live in Deutschland erleben.

Die Einwohner von Camagüey gelten als Feierbiester

Doch vorher wird in Camagüey gefeiert. Die Einwohner gelten als Feierbiester. „Vergiss Havanna!“, befiehlt Pepe. Und das obwohl die populäre noche camagüeyana, die in jedem Reiseführer angepriesen wird, vor einiger Zeit abgeschafft wurde. Samstags bevölkerten die Massen die Innenstadt. Doch wegen Lärm- und Geruchsbelästigung der Anwohner wurde die Stadtparty gestrichen – ganz bürokratisch. „Eine Schande“, sagt Pepe.

Doch das hält die Einwohner von Camagüey nicht vom Feiern ab. Schließlich gibt es noch genügend Plätze, Bars und Cafés. Vor allem entlang und etwas abseits der Republica, einer hübsch restaurierten Fußgängerzone mitten im historischen Stadtzentrum. Und vor allem spätabends. Dann sind die Temperaturen erträglich. Im Landesinneren von Kuba staut sich des Öfteren die Hitze, es fehlt die Meeresbrise. Ausladende Sonnenschirme gehören tagsüber wie die vielen Kirchtürme untrennbar zum Stadtbild. Und natürlich die Tonkrüge, die tinajones. Sie dienten einst als Regenauffangbehälter in der trockenen Region.

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Camagüey ist Hochschulstadt, die Bevölkerung ist jung und …

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… gibt sich hip und modern. (Artikelfotos: Martin Cyris)

Heutzutage geht es in Camagüey zumeist feuchtfröhlich zu. Und Pepe geht voran, mit einer weiteren gesponserten Bierdose in der Hand. Am Plaza de la Soledad kommt eine Gruppe von rund 30 Menschen jeden Alters entgegen, im Gänsemarsch. Der erste trägt das Party-Equipment vor sich her: einen Kassettenrekorder, Baujahr 1985, und eine Flasche Rum. Die anderen folgen. Tanzend, singend und wippend. Zwei Mittdreißiger, sie und er, scheren aus und reiben im Takt der Musik ihre Unterkörper aneinander. Polonaise camagüenese.

Feierwütig – diesen Ruf beansprucht irgendwie ganz Kuba. Doch Camagüey ist anders. Weil die drittgrößte Stadt des Landes die Infrastruktur einer Großstadt bietet, aber einen dörflichen Charakter bewahrt hat – und dadurch recht unkompliziert daherkommt.

Aus dem Café „Dolce Vita“ dringt Sixties-Musik. Beatles & Co. sind auf Kuba erstaunlich präsent. In größeren Städten gibt es Beatles-Bars. Seit ein paar Monaten steht auch eine in Camagüey namens „Yesterday“. „Das ist was für Ältere“, sagt Pepe verächtlich, der altersmäßig eigentlich selbst zur Oldies-Zielgruppe zählt, „komm’ weiter!“ Für ihn zählt nicht das Gestern, sondern das Hier und Jetzt.

Mojito und Bier fließen in Strömen

Und das tobt an diesem Abend auch in der Open-Air-Bar El Bambú auf der Republica. Eine Reggaeton-Band heizt live ein, Mojito und Bier fließen in Strömen. Da muss Pepe nicht zwei Mal bitten. Touristen sind kaum zu sehen, die kulturbeflissenen Camagüey-Besucher haben sich längst in die Altstadthotels zurückgezogen.

Ein Teil der Menge gibt sich ausgelassen und tanzt verschwitzt in den Morgen hinein. Der andere macht einen auf extravagantes Clubbing und chillt im Lounge-Bereich – Küsschen links, Küsschen rechts.

Die besten Küsschen gibt’s allerdings nicht im El Bambú sondern bei Josef. Nämlich Kokosbusserl, eine Nascherei aus Kokosflocken und viel Zucker. Der Österreicher betreibt in der Altstadt von Camagüey ein Restaurant mit Konditorei und Zimmervermietung. Es gibt Wiener Schnitzel, Sisi-Devotionalien und ein großes Wandgemälde vom Geburtshaus Mozarts, davor liegt ein kugelrunder tinajón. Die „Casa Austria“ ist eine echte Rarität, da es für Ausländer auf Kuba noch immer schwer ist ein eigenes Geschäft zu betreiben.

Doch Josef Haderer hat’s geschafft. Weil er mit einer Kubanerin verheiratet war und weil er sich in die lokale Szene „eingearbeitet“ hat, wie er sagt. Im überschaubaren Camagüey sicherlich kein Nachteil. „Hier kennt fast jeder jeden“, sagt Haderer, „Camagüey ist wie ein großes Dorf.“ Aber ein feierwütiges.

 

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Hinweis: Die Reise erfolgte mit Unterstützung von Condor.