Es geht bergab. Steil bergab. Bis zu knapp 50 Stundenkilometer sollen in den kommenden Minuten erreicht werden, wie zu hören ist. Zuvor aber heißt es Platz zu nehmen, in einem etwas eigenartig anmutenden Gefährt – einem zweisitzigem Sessel, vielleicht auch einer Art Mischung aus Korbsofa und Wäschekorb auf Holzkufen. Und sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass man Schlitten nur im Winter und auf eisigem Untergrund fahren kann. Schon Ernest Hemingway, der Europa zwischen den beiden Weltkriegen ausgiebig bereiste, soll diese Rutschpartie genossen und als eines der aufregendsten Erlebnisse seines Lebens beschrieben haben.

Eventuelle Angst ist also völlig unbegründet. Schließlich ist man in der Obhut von Antonio Rodriguez oder anderen ganz in weiß gekleideten und mit Strohhüten ausgestatteten Männern. „Bleibt cool“, sagt der 37-Jährige mit vertrauensvoller Miene. „Ihr werdet sehen, das wird ein Riesenspaß.“ Sich per Korbschlitten vom rund 600 Meter hochgelegenen Nobelort Monte in Richtung Inselhauptstadt Funchal fahren zu lassen, das gehört auch im 21. Jahrhundert für viele Madeira-Urlauber zu den „Must Do-s“ – der gewünschte Adrenalin-Ausstoß ist in jedem Fall gesichert.

Korbschlittenfahrt auf Madeira

Korbschlittenfahrt auf Madeira für die ganze Familie. (Fotos: B. Geiselhart)

Was für Touristen eine außergewöhnliche Attraktion ist, das ist für Antonio allerdings ein „ganz normaler“ Arbeitstag. Sechs Tage pro Woche geht er seinem Job als „Korbschlittenzieher,“ auch „Carreiros“ genannt, nach – außer, wenn sonntags ein Kreuzfahrtschiff im Hafen von Funchal anlegt. Dann ist auch am siebten Tag der Woche Dienst angesagt und dann kann es sein, dass für ihn und seine Kollegen nicht nur die sonst üblichen drei oder vier, sondern bis zu zehn Touren zu bewältigen sind. „Wir arbeiten im Team mit insgesamt 150 Männern und werden pro Fahrt bezahlt. Für jede Fahrt erhält jeder von uns zehn Euro – die restlichen fünf Euro pro Passagier gehen an das Unternehmen. Sie können sich also ausrechnen, dass man damit vielleicht gerade seine Familie ernähren kann, aber dabei sicher nicht reich wird“, erzählt Antonio. „Aus meiner Sicht dürften also gerne mehr Kreuzfahrtschiffe kommen“, fügt er schmunzelnd hinzu.

“Fußball? Ich brauche keinen Sport mehr!”

Früher hat Antonio in seiner Freizeit gerne Fußball gespielt. Heute schenkt er sich das. „Ich bin abends einfach zu müde und brauche keine sportliche Betätigung mehr“, sagt er. Unzufrieden ist er dennoch nicht. „Beruf ist eben Beruf“ heißt seine Devise. Carreiro zu sein, das ist in seiner Familie längst Usus. Der Großvater hat damit angefangen, dann sein Vater, jetzt er und seine Brüder. Und wenn er selbst einmal Kinder haben sollte? Dass seine Söhne auch in diese Fußstapfen treten, das kann sich Antonio durchaus vorstellen. „Eigentlich wollte ich Krankenpfleger werden – dann hätte ich auch weiße Arbeitskleidung tragen dürfen“, kommt Antonio ein wenig ins Plaudern. Doch dann starb sein Vater und der Sohn musste seine bereits angefangene Ausbildung abbrechen, um Geld für sich und seine Familie zu verdienen. Und so ist aus dem ursprünglichen beruflichen Traum eben nichts geworden.

Korbschlittenfahrt auf Madeira

Sechs Tage pro Woche gehen die „Korbschlittenzieher,“ auch „Carreiros“ genannt, ihrem Job nach, der durchaus anstrengend sein kann.

Jetzt geht’s aber endlich los. Startpunkt direkt an der Kirche Nossa Senhora do Monte. In flotter Geschwindigkeit werden bereits die ersten Kurven angesteuert. Keine Frage, der Spaßfaktor ist für die Korbschlittenpassagiere enorm. Meist sind die Schlitten mit zwei Personen besetzt, manchmal auch mit drei. Was für die Männer in Weiß natürlich mit noch größerer körperlicher Anstrengung verbunden ist. An flacheren Stellen müssen die beiden Lenker schon mal kräftig ziehen, in steileren Passagen mit bis zu 21 Prozent Gefälle heißt es auf dem glatten Asphalt eher zu bremsen und vor allem fachgerecht zu lenken. Also runter von den Kufen, abspringen, an den Seilen ziehen, Luft lassen – ganz sicher nichts für Anfänger. Gut, dass die Männer auf ihr solides Schuhwerk vertrauen können, in diesem Fall Lederschuhe mit ganz speziellen Gummisohlen. Lebensdauer der Sohlen: Nicht länger als zwei Monate.

„Ja, das Korbschlittenfahren auf Madeira ist wirklich was einzigartiges“, hatte Reiseleiterin Teresa Costa bereits im Vorfeld erzählt. Interessant zu erfahren, dass die „Carros de Cesto“ früher zu den ersten öffentlichen Verkehrsmitteln auf Madeira zählten – allerdings nur talwärts. Straßen gab es Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht auf Madeira, und für Pferd und Wagen waren die Wege aufgrund ihrer erdrückenden Enge und der Steilheit des Geländes ungeeignet. Alte Menschen, Kranke und wohlhabende Reisende, trug man in Hängematten oder Sänften von Monte in die Stadt hinunter. Bis ein schlauer Einwohner auf die geniale Idee der Korbschlitten kam. Das von zwei Männern angestoßene und gelenkte Gefährt auf Kufen war als Transportmittel eine große Erleichterung. Wieder nach oben ging es auf Ochsenkarren, sowohl für die Körbe, als auch für die Passagiere.

Korbschlittenfahrt auf Madeira

Der Spaßfaktor ist für die Korbschlittenpassagiere enorm, die Korbschlittenzieher leisten dabei harte Arbeit. Besonders in den Kurven…

Auch das mag dem Touristen von heute vielleicht in den Sinn kommen, wenn er bei der unbeschreiblich schönen Korbschlittenfahrt sich genüsslich zurücklehnen und die Gedanken ein wenig schweifen lassen darf. Nach rund 15 Minuten ist das Spektakel vorbei. Schön war’s und einzigartig – wie von Teresa Costa versprochen. Noch einmal durchschnaufen und dem Abenteuer ein wenig nachspüren. Der Bus wartet aber schon. Ein Abstecher nach Camacha könnte jetzt genau das Richtige sein. Dort darf man sich mit der für Madeira ebenfalls so berühmten Kunst des Korbflechtens ein wenig vertraut machen. Für die Korbschlittenzieher geht es hingegen wieder hinauf nach Monte – zu Fuß oder mit dem LKW. Der Tag ist noch jung. Die eine oder andere Tour sollte da schon noch herausspringen. Und für die abendliche Müdigkeit ist bei Antonio Rodriguez und seinen Kollegen mit Sicherheit gesorgt.

[toggle title=”Anreise”]alltours bringt seine Gäste ab allen großen deutschen Flughäfen, wie Düsseldorf, Berlin, Hamburg, Frankfurt, München nach Funchal. Hauptverkehrstage sind dienstags, donnerstags, samstags und freitags. Angeboten werden Flüge mit Air Berlin, Condor, tuifly, Germania, TP und vielen weiteren Fluggesellschaften.[/toggle]

Das Ziel dieser Reise

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Hinweis: Die Autorin wurde von Alltours auf diese Reise eingeladen.