Die Entschleunigung auf unserer Donau-Reise durch sieben Länder beginnt bereits am Anreisetag. Schon deshalb, weil wir eine Vorübernachtung im Hotel gebucht haben und diesmal sogar die Deutsche Bahn mitspielt. So können wir Passaus zauberhafte Altstadt und die Veste Oberhaus in aller Ruhe erkunden, bevor wir mit der „nicko Vision“ Richtung Donaudelta ablegen. Musikliebhaber sollten sich zuvor unbedingt ein Konzert im Stephansdom gönnen, denn er beherbergt die größte Dom-Orgel der Welt.

Die „nickoVision“ legt am Anleger 13 ab

Am nächsten Morgen liegt die „nickoVision“ am Anleger 13, schräg gegenüber von unserem Hotel. Schon auf den ersten Blick springen die großen Glasflächen und die markante Linienführung des luxuriösen Neubaus ins Auge. Im Inneren erwarten uns lichtdurchflutete, elegante Räume mit edlem Interieur. Herzlich begrüßt werden wir von Kreuzfahrtleiter Mark Mahler, der schon seit vielen Jahren für den Veranstalter auf der Donau fährt. Die Atmosphäre an Bord der „nickoVision“ ist familiär, und die 14 qm großen Kabinen mit französischem Balkon, Kühlschrank und Fernseher bieten reichlich Platz und Stauraum. Auch das Bad mit Dusche und WC ist angenehm geräumig.

Kapitän Laurentio Badache (39) kennt den Wasserweg wie seine Westentasche. Für ihn ist die „nickoVision“ sein „Baby“, wie er lachend bekennt. Der junge Rumäne, der seit sieben Jahren als Kapitän auf der Donau fährt, hat den Rohbau von der Valhali Werft in Belgrad (Serbien) zur Ausrüstung in die Niederlande und von dort zur Taufe nach Frankfurt gebracht. Seit Juni 2018 ist er mit dem eleganten Schiff auf der Donau unterwegs.

Entschleunigung auf Deck

Auf dem Sonnendeck treffe ich Susanne und Guido aus Fürth beim Relaxen. Die beiden Endvierziger sind Kreuzfahrtneulinge und eingefleischte Motorradurlauber. Jetzt wollen sie etwas Neues ausprobieren und sind begeistert. „Uns hat die Route gereizt. Durch sieben Länder, bis ins Donaudelta, das hörte sich interessant und nach Natur pur an“, sagt Susanne. Angst vor Langeweile haben sie nicht. Die freie Tischwahl in drei Restaurants, das kleine Fitnessstudio und die Sauna an Bord waren für das Paar bei der Auswahl des Schiffs mitentscheidend. Schon nach zwei Tagen sind die Biker von der Entschleunigung und dem Blick auf die vorbei gleitende Landschaft begeistert. Besonders die Flusstage haben etwas Meditatives.

Etliche Passagiere, mit denen ich durch die freie Tischwahl leicht ins Gespräch komme, haben bereits Donau-Erfahrungen mit der Strecke Passau-Budapest. Jetzt wollen sie bis ins Delta. Auf dem Weg quer durch Europa stehen u.a. Wien, Budapest, Pécs, Belgrad, Bukarest und das 5000 qkm große, einzigartige Naturschutzgebiet im Donau-Delta auf dem Programm.

Handels- und Kriegsweg

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Fotos: Liane Ehlers / Titelfoto: Fotolia – JFL Photography

So entspannt wie heute, war eine Donaufahrt nicht immer. In früheren Jahrhunderten war der Strom nicht nur Handels-, sondern auch Kriegsweg. Viele Balkanländer litten bis ins 19. Jahrhundert unter der türkischen Besatzung. Kriegsspuren der Neuzeit gibt es bis heute im serbischen Novisad, der Nahtstelle zwischen Europa und dem Balkan. Dort ist die Zerstörung der drei Donau-Brücken durch NATO-Luftangriffe 1999 noch in guter Erinnerung. Erst seit der Eröffnung der neuen Freiheitsbrücke im Jahr 2005, die unterhalb der Festung Petrovaradin liegt, ist die Donau wieder durchgängig befahrbar.

Wachau und Wien

Das erste Ziel auf dieser Reise ist Wien. Der Weg dorthin führt durch die Wachau, die mit ihren Weinbergen der schönste und romantischste Flussabschnitt der Donau in Österreich ist. In der Habsburger-Stadt bleiben dreieinhalb Stunden Zeit für einen gebuchten Ausflug oder einen Spaziergang vom Handelskai bis zum Stephansdom, der quer durch den Prater führt. Nostalgisch wird‘s bei der Fahrt mit dem Riesenrad, einem der ältesten der Welt. Im „Cafe Demel“ in der Altstadt, das der Kaiserin Sissi einst ihre geliebten Veilchenpralinen geliefert hat, genießen wir noch eine Wiener Melange, bevor wir uns auf den Rückweg machen.

Kreuz und Halbmond in Pécs

Auf die Metropole Wien folgt die südungarische Jugendstilstadt Pécs, die 2010 Europäische Kulturhauptstadt war. Ein Überbleibsel aus der Türkenzeit ist die Moschee Gszi Khassim. Sie wurde nach Abzug der osmanischen Herrscher zur katholischen Kirche umgewidmet. „Die Besonderheit ist der türkischen Halbmond über der mächtigen Kuppel, auf den ein christliches Kreuz aufgesetzt wurde“, erklärt Guide Katharina (64).

So wie jede unserer Reiseführerinnen in den osteuropäischen Staaten verdient sich die Lehrerin im Tourismus noch etwas dazu. Bei Durchschnittsgehältern zwischen 400 und 800 Euro müssen die meisten Menschen einen Zweitjob machen, um leben zu können, denn die Lebensmittel-Preise haben mit denen westlicher EU-Länder fast gleichgezogen.

Belgrads Wahrzeichen

Serbiens Hauptstadt Belgrad war in der Vergangenheit nicht gerade ein Touristenmagnet, aber es tut sich was. Von den Kelten gegründet, gehört Beograd (Weiße Stadt) zu den ältesten Europas. Weil sie schöner werden will, gibt es überall Baustellen. Einige Häuser sind inzwischen liebevoll restauriert, viele rufen noch nach der Maurerkelle. „Seit 2012 hat der Tourismus um 50 Prozent zugenommen“, erzählt Guide Dragica (65), die noch zu DDR-Zeiten in Ostberlin Deutsch gelernt hat.

Schon von Weitem grüßt die Stadtmauer mit der Festung Kalemegdan in einem 55 Hektar großen Park. Unter dem Park gibt es riesige Hohlräume und unterirdische Gänge, wo der Marmor für den Bau der Festung entnommen wurde. Über eine Treppe mit 98 Stufen gelangen wir zu Fuß vom Anleger direkt nach oben und von dort in die Fußgängerzone. In der Stadt sieht man fast nur junge Leute.

Drei Millionen von Gazprom

Um Belgrads Schönheit zu entdecken, muss man den Blick nach oben richten, wo Jugendstilfassaden aus dem 19. Jahrhundert die Kriege überstanden haben. Belgrads neues Wahrzeichen ist die serbisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Sava. Dort, wo die Türken die Asche des Heiligen begruben, ist ein wohl einmaliger goldverzierter Kirchenbau der Neuzeit entstanden. Der neobyzanthinische Kuppelbau, der die Hagia Sophia in Istanbul zum Vorbild hat, bietet Platz für bis zu 12.000 Menschen. Drei Millionen Euro hat Gazprom dafür gespendet, und „Putin hat versprochen, die Ikonenwand zu finanzieren“, sagt Dragica.

Fahrt durch die Katarakten

Östlich von Belgrad teilen sich Serbien und Rumänien den Donaustrom. Dort liegt auf serbischer Seite der Nationalpark Djerdap. Und dort beginnt auch die über 100 Kilometer lange Katarakten-Strecke bis zum Eisernen Tor – eine Unterwasser-Felsbarriere, die vor dem Staudammbau für die Schifffahrt sehr gefährlich war.

Fast mystisch erhebt sich aus dem morgendlichen Dunst das Bergpanorama der Katarakten. Beim Anblick fühlt man sich unweigerlich an norwegische Fjordlandschaften erinnert. Hier bahnen sich die Wassermassen durch drei atemberaubende Schluchten ihren Weg. 17 Ortschaften und viele Zeugnisse römischer Zeit verschwanden beim Dammbau in den Fluten. Die römische Trajan-Tafel auf der serbischen und das monumentale Felsen-Porträt des rumänischen Drakerkönigs Decebal auf der rumänischen Flussseite zeugen davon. Auf dem Weg ins Delta muss die „nickoVision“ beim Kraftwerk-Staudamm die größte Schleuse von 17 Donau-Schleusen passieren. In zwei Stufen wird das Schiff um 36 Meter abgesenkt.

Jugendstil in Bukarest

Unser erstes Ziel in Rumänien ist Bukarest. Dort begrüßt uns osteuropäischer Plattenbau-Charme, der dringend einer Renovierung bedarf. „Die Ceaușescu-Ära hat bis heute tiefe Spuren hinterlassen“, erzählt Guide Claudia (46). Selten habe ein Despot dermaßen in eine Stadt- und Landschaftsplanung eingegriffen. Ceaușescu ließ im „Paris des Ostens“ ein ganzes Viertel in der Altstadt abreißen, um einen „Palazzo Prozzo“ zu bauen. Mit 5100 Räumen ist er der größte Parlamentspalast Europas. Der vier Kilometer lange Boulevard der Einheit mit 41 Springbrunnen wurde größer gebaut als der Pariser Champs Elysee. Er führt uns in die Altstadt ins Leipziger Viertel mit seinen zahlreichen Restaurants und Cafés. Die Straßen sind gepflegt und sauber. Hier strahlt Bukarest noch in seiner ursprünglichen Schönheit.

Bedrohtes Donau-Delta

Am nächsten Tag haben wir ein Rendezvous mit der Natur. Mit kleinen Booten fahren wir in das einzigartige Weltnaturerbe Donau-Delta, ein 5000 Quadratkilometer großes Naturschutzgebiet, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. „Nur der Tod des Diktators vor 30 Jahren hat das Donau-Delta vor einer Umwelt-Katastrophe gerettet“, erzählt Guide Michael Tiberius (36), ein begeisterter Hobby-Ornithologe, während der Bootsfahrt durch das Naturparadies.

„Ceaușescu wollte 80 Prozent des Deltas trocken legen, um es wirtschaftlich nutzbar zu machen. 20 Prozent wollte er selber als Jagdrevier nutzen.“ „Wer ins Delta fährt, fährt ins Vergessen“, heißt es in einem alten Sprichwort der Donaufischer. Eine Bootsfahrt durch die kleinen Nebenarme mit ihrer einzigartigen Atmosphäre wird zu einem großartigen Naturerlebnis und gehört zweifellos zu den Höhepunkten dieser Kreuzfahrt.

Rosenstadt Rousse

Auf der Rückreise legen wir im bulgarischen Rousse an, für seine Rosenölproduktion im Umland und wegen seiner Jungenstilhäuser als „Kleines Wien“ bekannt. 1905 wurde dort Literaturnobelpreiseträger Elias Canetti in einem Haus in der Altstadt geboren. Besonders interessant ist eine christlich-orthodoxe Kirche. Weil unter der türkischen Schreckensherrschaft keine Kirche höher als eine Moschee sein durfte, wurde sie viele Meter tief in die Erde gebaut.

Ungekrönte Königin

Die ungekrönte Königin aller Donaustädte ist Budapest, das eine ganz eigene Reise wert ist. Neun Brücken führen über die Donau, darunter die berühmte Kettenbrücke aus dem 19. Jahrhundert, neben der die „nickoVision“ anlegt. Die Pester Innenstadt hat schicke Einkaufsviertel mit legendären Kaffeehäusern und die historische Große Markthalle, in der ich gerne mehr Zeit gehabt hätte. Es hat etwas Majestätisches, als die „nickoVision“ zwischen Pest und Buda am Abend Richtung Bratislava an den beleuchteten Sehenswürdigkeiten vorbeigleitet.

Bratislavas ganzer Stolz

Besonders stolz sind die Bewohner der slowakischen Hauptstadt auf die rekonstruierte Barock-Burg Bratislava, die mit weißen Mauern und rot leuchtendem Dach hoch über der Donau thront. In der Altstadt lädt ein breiter Boulevard zum Bummeln ein. Hotels, Häuser und öffentliche Gebäude im Barock- und Jugendstil erstrahlen in neuem Glanz. Hübsche Cafe´s und Restaurants laden zum Besuch ein. Größter Arbeitgeber der Region ist Autobauer VW.

Kulinarisch verwöhnt

Durch die Wachau mit dem Stift Melk und der Burgruine Dürnstein geht es zurück nach Passau. Beim Kapitänsdinner am vorletzten Abend der Reise schlägt noch einmal die große Stunde von Küchenchef Erdi, dem zweitwichtigsten Mann auf unserem Kreuzfahrtschiff, und seinem Team. Zwei Wochen lang haben sie die 196 Passagiere von morgens bis abends kulinarisch verwöhnt.

Reiseinformationen in Kürze 

Anreise: Mit dem Zug oder Auto nach Passau. Der Veranstalter nickoCruises bietet die Möglichkeit der Buchung von Stellplätzen und Hotelvorübernachtungen an. Auch ein Transfer ab Haustür und zurück ist buchbar. Wer Passau nicht kennt, sollte eine Vorübernachtung einplanen. Die Veste Oberhaus, die hoch über Passau  auf dem Georgsberg thront, ist zu Fuß oder mit einem Shuttlebus, der vor dem Rathaus abfährt, erreichbar. Zwei Euro kostet die einfache Fahrt. Der  serpentinenreiche Rückweg zu Fuß ist in 15 Minuten bewältigt. In diesem Jahr  feiert die gut erhaltene Burganlage ab Juni mit zahlreichen Veranstaltungen ihre 800jährige Geschichte.

Das Schiff: Die „nickoVision“ ist ein luxuriöser Neubau mit Platz für 220 Passagiere, vier Decks und Kabinen mit französischem Balkon.  Neu im Flusskreuzfahrtmarkt ist das Bord-Konzept mit drei Restaurants und freier Tischwahl im Haupt-Restaurant. Eine Zuzahlung für die beiden  Spezialitäten-Restaurants „Manhatten“ und „Marios Grill“ wird nicht erhoben, nur eine Reservierung ist erforderlich. Bordwährung ist der Euro.

Freizeit: Es gibt einen lichtdurchfluteten Panoramasalon, Bar, Bordmusik, Bibliothek, Shop, Fitnessraum, Sauna, Dampfbad und Sonnendeck mit Liegestühlen.

Mehr Infos unter: https://www.nicko-cruises.de/

Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.