Argentinische Lebensart mitten in Mecklenburg
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Strietfeld bei Dalwitz in Mecklenburg-Vorpommern: 40 Kilometer bis Rostock, 20 bis Güstrow. Hamburg ist zwei Autostunden entfernt, Berlin auch – weit genug, um den Alltag hinter sich zu lassen, und nah genug, um sich eine spontane Auszeit am Wochenende zu gönnen. Hier gibt es Wiesen und Felder soweit das Auge reicht, hübsch restaurierte Guts-und Herrenhäuser. Und: Glückliche Kühe. Eine Herde brauner, flauschiger Paarhufer – es sind Red Angus Rinder – grast friedlich auf einer Anhöhe.

Gauchos über den Hügeln der Mecklenburgischen Schweiz

Plötzlich setzen sie sich in Bewegung. Zwei Reiter, es sind Gauchos mit dunklen Hüten, treiben sie über das Gelände, sie öffnen ein Gatter, lassen die Herde hindurch und schließen das Tor wieder. Eine Szene wie sie mehrmals täglich auf den großen Estancias, den Landgütern Südamerikas, zu beobachten ist. In Strietfeld bei Dalwitz gehören die Gauchos und ihr lautes Rufen über die Hügel der Mecklenburgischen Schweiz hinweg inzwischen zum Alltag.

Amancio Mendiondo
Amancio Mendiondo bei der Arbeit in Mecklenburg. (Foto: Henriette Gruber)

Amancio Mendiondo aus Argentinien fühlt sich hier wie zuhause: „Die Landschaft, die Tiere und die Einsamkeit, das alles ist wunderschön, wie in Argentinien“, schwärmt der Mittvierziger. Seit fast neun Jahren lebt er in Norddeutschland und seit 2018 auf dem Gut Dalwitz. Er organisiert Ausritte auf südamerikanischen Criollo-Pferden – so genannte Farmritte, dabei erkunden die Reiter mit ihren Pferden die mecklenburgische Landschaft und treiben nebenbei ein paar Kühe in Richtung Tränke. Als das beliebte Feriengut Dalwitz, zu dem die Rinder und Pferde gehören, im Frühjahr 2020 aufgrund des Lockdowns zur Ruhe kam, haben Amancio Mendiondo und der Besitzer von Gut Dalwitz, Dr. Heino von Bassewitz, den Startschuss für ein neues Projekt gegeben: Die online Vermarktung von Biofleisch.

Landwirtschaft für Artenvielfalt

Der Clou: Der Mecklenburger Agrar-Ingenieur und der in Rinderzucht erfahrene Argentinier verkaufen auf dem Portal https://www.biofleisch-dalwitz.de nicht nur das Fleisch der Angus-Rinder, die auf Gut Dalwitz weiden, sondern auch Filets, Entrecotes und andere Edelstücke von 60 weiteren Betrieben, die den ökologischen Kriterien des WWF-Projektes „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ folgen. Alle Betriebe produzieren nach den gleichen Verbandsrichtlinien. So ermöglichen die Dalwitzer einen kontaktfreien und in Pandemiezeiten sicheren Verkauf von gesunden Lebensmitteln und fördern gleichzeitig biologisch nachhaltig produzierende Betriebe, denn zwei Prozent der Einnahmen gehen an das WWF-Projekt.

Für Heinrich von Bassewitz ist das ein Weg, um Klimaschutz und Tierwohl zu fördern. „Wir wollen dieses Konzept bekannter machen, Biofleisch kann ein nachhaltiges Lebensmittel sein, wenn man es konsequent produziert.“ Bassewitz erklärt, dass seine Rinder gleichzeitig Landschaftspfleger sind. Da sie Gräser und andere Pflanzen abfressen, pflegen sie Flora und Fauna und schützen den Lebensraum seltener Wildvögel und anderer Tiere. „In Argentinien war das früher auch so“, erinnert sich Amancio Mendiondo. „Heute ist das bereits viel industrialisierter. Darunter leiden Natur und Tiere und auch die Menschen.“ Ganz anders war das in der Gaucho-Kultur. Diese südamerikanischen Viehzucht-Experten kümmerten sich um die Rinder – im Einklang mit der Natur. Diese Tradition mit Leidenschaft zu pflegen und dabei die Lehren für eine nachhaltige Landwirtschaft zu ziehen, ist das Ziel des Dalwitzer Duos.

Rinderzucht liegt Amancio Mendiondo im Blut

Dafür hat auch Heinrich von Bassewitz viel internationale Erfahrung mitgebracht. Er arbeitete für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Afrika und später in Uruguay – bis in Deutschland die Mauer fiel und es Bassewitz auf das Gut seines Großvaters zurück in die mecklenburgische Pampa zog, um nachhaltige Landwirtschaft und Rinderzucht nach argentinischem Vorbild zu betreiben. Aktuell hat er 300 Red Angus Rinder. Das ist eine schottische Rasse, die einst die Europäer wegen ihrer besonders guten Fleischqualität und Robustheit nach Südamerika mitbrachten. In Mecklenburg leben sie wie in Südamerika das ganze Jahr draußen und fressen auf den Weiden des Landgutes ausschließlich Gras. „Die fühlen sich hier pudelwohl“, Amancio Mendiondo weiß wovon er spricht, er ist auf der Estancia seiner Eltern in Argentinien aufgewachsen, die Rinderzucht liegt ihm im Blut.

Bassewitz und Mendiondo teilen die Leidenschaft für argentinische Lebensart, Kultur und Kulinarik. Auf Gut Dalwitz, das gleichzeitig ein friedlicher Ort mit großzügigen Ferienwohnungen, Kinderlachen, Elektrotankstelle und Solardächern ist, laden sie regelmäßig zum Asado ein. Das ist ein Grillabend nach Gaucho-Tradition. Ein Festmahl. Über einem offenen Feuer wird das fein marmorierte Rindfleisch gegrillt. Dazu: melancholische Gitarrenklänge – argentinische Lieder zum Mitsingen. Darin geht es um die Landschaft Südamerikas, um das Leben der Gauchos, um den Verzicht und darum, wie man damit umgeht. Nach Dalwitz kommen Freunde und Feriengäste regelmäßig aus ganz Deutschland – auch wegen des guten Essens. „Gutes Bio-Rindfleisch ist in Europa nur schwer zu bekommen“, klagt Heinrich von Bassewitz, der sich für Tier- und Artenschutz auch politisch engagiert und aus seinem fast 2000 Hektar großen Hof ein komplett nachhaltiges Unternehmen nach strengen Verbandsrichtlinien gemacht hat.

Rinderzucht in Deutschland fast ausschließlich für Milchproduktion

Weil in Deutschland Rinderzucht fast ausschließlich auf die Milchproduktion ausgerichtet ist, schmeckt ihm das Steak aus dem Supermarkt nicht. Die Tiere nehmen zu schnell an Gewicht zu. Das wirkt sich auf das Fleisch aus – das beim braten in der Pfanne viel Wasser absondert. Gemeinsam mit Amancio Mendiondo zeigt er, dass es auch anders geht: Entstanden ist in Strietfeld und Dalwitz ein ökologisch nachhaltiger Vorzeigebetrieb, der das gesamte ökonomische Potenzial ausschöpft. Inzwischen leben 35 Familien vom Gut und seinen Einrichtungen. Ein Ausflug dorthin lohnt sich – auch ein Blick auf die Webseite, so kann man sich virtuell vorab umschauen.


Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.
Anja Steinbuch
Anja Steinbuch arbeitet als Wirtschaftsjournalistin für die Tages- und Fachpresse. "Jedes Reiseziel ist das Ergebnis einer guten Geschäftsidee. Hier warten meine Stories."

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