Da würde Captain Cook aber staunen

Das Städtchen Girdwood zeigt Alaska von seiner schönsten Seite

Da würde Captain Cook aber staunen

Typisch deutsch? Vielleicht. Das Bauernomelette hat jedenfalls nie besser geschmeckt. Und die Hefeschnecke zum Nachtisch. Nicht zu süß, nicht zu klebrig. Einfach lecker. „Mit echter Butter und frischen Eiern“, erzählt Stefanie Wierer-Flynn. „Sie wird täglich mit viel Liebe hergestellt. Natürlich alles in Handarbeit.“ Keine Frage, das Essen ist klasse. Aber das ist sicher nicht der einzige Grund, warum man sich im legendären „Bake Shop“ in Girdwood wie zuhause fühlt. Girdwood wo?

Alaska. Etwa 60 Kilometer südöstlich von Anchorage. Anfang Juni 2017. Klare Sicht bei Außentemperaturen von knappen 16 Grad. Wer von der Hauptstadt kommend hier rausfährt, hat sich auf kurzer Strecke die Pazifikluft um die Nase wehen lassen und viele Naturschönheiten gesehen: Das Rainbow, Indian und Bird Valley, hat in der Regel auch schon die ersten Beluga-Wale gesichtet. Das kleine Städtchen Girdwood am Fuße des Mount Alyeska ist so etwas wie der Lieblings-Spielplatz von Einheimischen und Touristen – im Sommer wie im Winter. Hier ist das einzige echte Skigebiet Alaskas und bis Anfang Oktober kann bei vergleichsweise milden Temperaturen auch ausgiebig Sommersport betrieben werden. Im Winterhalbjahr ist hier eine Schneehöhe von zehn Metern und mehr keine Seltenheit und im in der warmen Jahreszeit wird das Wasser am Turnagain Arm im Cook Inlet des Golf von Alaska kaum wärmer als fünf Grad. Aber Bewegung gibt’s rund um Girdwood immer, dafür sorgt schon der mit zehn Metern größte Tiedenhub der Welt. Und im Gezeitenspiel finden sportlich ambitionierte, in wetterfeste Neoprenanzüge gewandete Surfer ihr ganz spezielles Paradies. Davon konnte der gute James Cook natürlich noch nichts ahnen, als er im Jahr 1778 auf der Suche nach der Nordwestpassage als erster Europäer in die Bucht segelte – und mit seinem wütenden Kommando „Turn again“ seinen Steuermann anfauchte und somit zum Namensgeber von Bucht und Seitenarm wurde.

Alaska Girdwood

Von Imhof darf sich als Mister Alyeska fühlen

Viele haben mittlerweile den ganz speziellen Reiz dieser unvergleichlichen Umgebung erkannt. Auch Chris von Imhof. Er stammt aus einer Hoteliers-Familie, die in Garmisch beheimatet ist. Mit ihm und seiner Frau Brigitte Baumann-von Imhof in ihrem mit viel bayerischem Flair ausgestatten Haus zu plaudern und einen Grillabend zu verbringen, heißt viel zu erfahren vom Jetset, der sich in Girdwood schon vor vielen Jahren getummelt hat, aber auch von der eigenen bewegten und schillernden Vergangenheit des heute 77-Jährigen. Mit Fug und Recht darf sich von Imhof als Mister Alyeska fühlen. Schon mit 19 Jahren wanderte er nach Kalifornien aus, stieg bei Alaskan Airlines ein, wurde schließlich zum General Manager des damals noch in den Kinderschuhen steckenden Ski-Resorts Alyeska und heiratete eine „Miss Alaska“. Von Imhof ließ die Puppen im wahrsten Sinne des Wortes tanzen und zeigte den Nordamerikanern, was es mit alpenländischen Après Ski so alles auf sich haben kann. Der Aufstieg des Skigebiets war magisch und wäre fast mit den Olympischen Spielen belohnt worden. 1994 zog man gegen Lillehammer mit nur einer Stimme den Kürzeren. Münchner Weißbier gibt’s auch heute noch reichlich in Girdwood. Die Straßen heißen Davos Drive, Arlberg Avenue oder Innsbruck Road und auf der Piste gibt es standesgemäß einen Imhof Drive. Seine wilden Zeiten hat Chris von Imhof hinter sich gebracht, macht weniger Party und geht lieber mit seiner Brigitte Schwammerl suchen. „Hier wachsen riesige Steinpilze“, verrät er und fasst glücklich zusammen: „Weißt du, ich bin einfach verliebt in dieses Land.“

Alaska deutsche Hefeschnecke

Natursauerteigbrot – Made in Alaska

Nicht mondän, dafür irre gemütlich ist der Bake-Shop. Er ist weit über die Region hinaus bekannt – zum Beispiel auch für sein Natursauerteigbrot. Gegründet wurde er vor 42 Jahren vom Deutschen Werner Egloff. Er gab ihn vor rund 20 Jahren an die gebürtige Bruchsalerin Stefanie Wierer-Flynn und ihren Mann Mike weiter. Tradition mit Kreativität zu paaren, das war immer ihr Anliegen. Und weil in Alaska manche „Luxusgüter“ kaum erschwinglich sind, lässt man sich im 49. US-Staat gerne einmal im Jahr Pflaumen aus den „Lower 48“ einfliegen. „Damit wir unseren Gästen das ganze Jahr über etwa 40 Gallonen echtes Pflaumenmus servieren können. Entsteint wird mit der Hand und oft halfen meine Eltern mit, wenn sie hier zu Besuch waren“, plaudert Stefanie Wierer-Flynn ein wenig aus dem Nähkästchen. Weil aber ihr Mann im kommenden Jahr 60 wird, weil der Blick jetzt in Richtung Ruhestand geht und weil das Leben etwas beschaulicher werden soll, haben sich Stefanie und Mike schweren Herzens dazu entschlossen, den Bake Shop in an die gebürtigen Alaskaner Brian und Isha Kari zu verkaufen – im Bewusstsein, dass sie die deutsche Back- und Kochtradition weiterführen. Die Lage des Hauses könnte wildromantischer nicht sein. Im Winter im Skigebiet des Mount Alyeska direkt vor die Haustür zu fahren, das wird von den Gästen ebenso geschätzt, wie im Sommer im Blumengarten zu sitzen und die Aussicht auf Berge und Bären zu genießen. „Es kann auch schon mal vorkommen, dass man Gesellschaft von Schwarzbären bekommt, die aus einem Vogelhäuschen ein paar Sonnenblumenkerne stibitzen, oder man auf Elche trifft, die den Rasenmäher ersetzen“, erzählt Stefanie Wierer-Flynn und kommt ein wenig ins Schwärmen: „Alaska war immer unser Traum. Die landschaftliche Weite ist einfach unglaublich schön, aber auch die Herzlichkeit der Menschen und die ganze Lebensart haben uns immer begeistert.“

Bleibt die Frage nach dem Rezept für das Bauernomelette. „Das wird natürlich nicht an Gäste weitergegeben“, sagt Stefanie Wierer-Flynn augenzwinkernd. Das ist doch ein Grund, nach Alaska zurückzukehren – aber ganz sicher nicht der einzige.

Infos zu Alaska

Alaska – eine fast unberührte Natur für Einsamkeit suchende, abenteuerlustige und aktive Menschen. Ein Land, das fünfmal so groß ist wie Deutschland, allerdings nur rund 680 000 Einwohner zählt. Anchorage ist zwar nicht die Hauptstadt (das ist Juneau), aber sie ist mit rund 300 000 Einwohnern die größte Stadt Alaskas und, wenn man so will, die einzige echte Metropole – und ist Ausgangspunkt für zahlreiche kleine und große Abenteuer. Gleich neben dem International Airport liegt der größte Wasserflughafen der Welt. Die Wildnis beginnt hinter der Stadt. Eine Reise mit dem Zug von Süd nach Nord mit Start in Seward erlaubt Blicke auf Bär & Co. Urlauber finden zahlreiche Zimmer in ruhig gelegenen Lodges, in Hotels und Motels sowie in Bed & Breakfast-Unterkünften.

Anreise

Mehrmals wöchentlich mit Condor im Direktflug von Frankfurt nach Anchorage. Iceland Air fliegt via Island nach Anchorage.

Einreise

Deutsche benötigen zur visafreien Einreise einen gültigen Reisepass und eine vor Reiseantritt bewilligte ESTA-Genehmigung.

Weitere Infos

Visit Anchorage, Anchorage, AK 99501-2212, Tel. 001-907-257-2310, www.anchorage.net.

 

Titelfoto: Fotolia.de #91962362 | Urheber: Amanda Mortimer

Alle anderen Bilder: Brigitte Geiselhart

Send this to a friend